Marx im Zeitalter von Plattformen, KI und Superreichtum

Ein Versuch einer zeitgemäßen Neuinterpretation seiner Kapitalismuskritik

Essay von Klaus Ulin­ski

Karl Marx heu­te ein­fach nur zu wie­der­ho­len, wäre zu wenig; ihn zu ver­ab­schie­den, wäre vor­ei­lig. Denn vie­les von dem, was sei­ne Kapi­ta­lis­mus­kri­tik im 19. Jahr­hun­dert trug, erscheint im 21. Jahr­hun­dert nicht über­holt, son­dern gera­de­zu bemer­kens­wert anschluß­fä­hig. Noch immer kon­zen­triert sich Eigen­tum im weni­gen Hän­den, noch immer wird gesell­schaft­lich pro­du­zier­ter Reich­tum pri­vat ange­eig­net, noch immer erzeugt das Wirt­schafts­sys­tem Abhän­gig­keit, Kri­sen und For­men der Ent­frem­dung. Nur hat sich die Gestalt der Pro­duk­ti­ons­mit­tel ver­än­dert:

Neben Fabri­ken, Maschi­nen und Boden tre­ten heu­te Daten, Platt­for­men, Netz­in­fra­struk­tu­ren, Rechen­zen­tren, Chips, Betriebs­sys­te­me und KI-Model­le als zen­tra­le Hebel gesell­schaft­li­cher Macht. [1]

Marx ver­stand den Kapi­ta­lis­mus als ein Sys­tem, in dem sich die Eigen­tü­mer der Pro­duk­ti­ons­mit­tel den von ande­ren erwirt­schaf­te­ten Mehr­wert aneig­nen. [2] Die­ses Grund­fi­gur lässt sich auf die Gegen­wart über­tra­gen, wenn man den Begriff der Pro­duk­ti­ons­mit­tel erwei­tert. Im digi­ta­len Kapi­ta­lis­mus wer­den Wer­te nicht mehr allein durch indus­tri­el­le Arbeit erzeugt, son­dern auch durch die Orga­ni­sa­ti­on von Kom­mu­ni­ka­ti­on, Auf­merk­sam­keit, Ver­hal­ten, Logis­tik, Wis­sen und maschi­nell ver­ar­beit­ba­ren Daten. Die Fabrik ist nicht ver­schwun­den, aber sie ist ergänzt wor­den durch die Platt­form; der Fließ­band­takt durch das Ran­king; der Werk­meis­ter durch den Algo­rith­mus.

Betrach­tet man die­sen Aspekt, dann wäre eine zeit­ge­mä­ße mar­xis­ti­sche Theo­rie kei­ne nost­al­gi­sche Rück­kehr zur Indus­trie­ge­sell­schaft, son­dern eine Ana­ly­se der Fra­ge: Wer die Infra­struk­turen besitzt, über die heu­te gear­beitet, kom­mu­ni­ziert, kon­su­miert und ent­schie­den wird. Der ent­schei­den­de Punkt lau­tet dann: Nicht nur Arbeit, son­dern auch Daten, Sicht­bar­keit und Zugriff wer­den zu umkämpf­ten Quel­len von Wert­schöp­fung.

1. Von der Fabrik zur Platt­form: die neu­en Pro­duk­ti­ons­mit­tel

Für Marx war die Fra­ge des Eigen­tums stets das zen­tra­le The­ma. Wer die Pro­duk­ti­ons­mit­tel besitzt, bestimmt die Bedin­gun­gen, unter denen ande­re arbei­ten und leben. Im 19. Jahr­hun­dert waren dies in ers­ter Linie Fabri­ken, Maschi­nen und Roh­stof­fe. Heu­te sind es zusätz­li­che digi­ta­le Infra­struk­tu­ren, deren Bedeu­tung kaum unter­schätzt wer­den kann: Such­ma­schi­nen struk­tu­rie­ren Zugang zu Wis­sen; sozia­le Netz­wer­ke ord­nen öffent­li­che Auf­merk­sam­keit; Cloud-Diens­te bil­den die Basis­schicht für wei­te Tei­le der digi­ta­len Öko­no­mie; App-Stores kon­trol­lie­ren den Markt­zu­gang; KI-Model­le bün­deln Sprach‑, Bild- und Ent­schei­dungs­fä­hig­kei­ten inner­halb pro­prie­tä­rer Sys­te­me. [3]

Ver­schiebt sich hier die Form kapi­ta­lis­ti­scher Macht? Ein moder­ner Marx wür­de wahr­schein­lich sagen, dass die Pro­duk­ti­ons­mit­tel der Gegen­wart nicht nur mate­ri­el­ler, son­dern auch infor­ma­tisch und infra­struk­tu­rell sind. Wer Ser­ver besitzt, wer Daten agg­re­giert, wer Schnitt­stel­len kon­trol­liert und wer Stan­dards fest­legt, der ver­fügt über mehr als nur ein Geschäfts­mo­dell: Er kon­trol­liert die Bedin­gun­gen gesell­schaft­li­cher Teil­ha­be. In die­sem Sin­ne ist die gro­ße Platt­form nicht bloß ein Unter­neh­men unter vie­len, son­dern eine Art pri­vat kon­trol­lier­te Grund­struk­tur sozi­al­ge­sell­schaft­li­cher Koor­di­na­ti­on. [4]

Die­se Ent­wick­lung hat zwei wich­ti­ge Fol­gen. Ers­tens wer­den Märk­te zuneh­mend von Netz­werk­ef­fek­ten geprägt: Je grö­ßer die Platt­form, des­to nütz­li­cher wird sie, und je nütz­li­cher sie wird, des­to schwie­ri­ger ist es, sie zu ver­drän­gen. Zwei­tens ent­ste­hen Eigen­tums­for­men, die nicht ein­fach nur Pro­duk­te ver­kau­fen, son­dern gan­ze Abhän­gig­keits­ver­hält­nis­se orga­ni­sie­ren. Das ist ein ent­schei­den­der Unter­schied. Der indus­tri­el­le Kapi­ta­lis­mus alter Prä­gung pro­fi­tier­te davon, Arbeits­kraft in Waren umzu­wan­deln; der Platt­form­ka­pi­ta­lis­mus neu­er Prä­gung pro­fi­tiert oft davon, Inter­ak­tio­nen selbst zu ver­mit­teln und sie in ver­wert­ba­re Daten umzu­wan­deln. [3–1]

2. Mehr­wert, Daten und die neue Form der Aus­beu­tung

Eine zeit­ge­mä­ße mar­xis­ti­sche Inter­pre­ta­ti­on müss­te daher das klas­si­sche Kon­zept des Mehr­werts ergän­zen. Marx ana­ly­sier­te, wie Pro­fit aus der Dif­fe­renz zwi­schen dem durch Arbeit geschaf­fe­nen Wert und dem gezahl­ten Lohn ent­steht [2–1]. Im digi­ta­len Kapi­ta­lis­mus kommt eine wei­te­re Form der Abschöp­fung ins Spiel: Nut­zer, Ange­stell­te, Fah­rer, Urhe­ber, Ver­käu­fer und Klick­ar­bei­ter gene­rie­ren kon­ti­nu­ier­lich Daten­spu­ren, Ver­hal­tens­mus­ter, Inhal­te und Bewer­tun­gen, die nicht bloß Neben­pro­duk­te, son­dern Roh­stof­fe öko­no­mi­scher Ver­wer­tung wer­den. Shosha­na Zuboff hat die­sen Pro­zess als die Extrak­ti­on von „Ver­hal­tens­über­schüs­sen“ beschrie­ben; Nick Srnicek bezeich­net Platt­for­men als Geschäfts­mo­del­le, die auf der Erhe­bung, Ana­ly­se und Mone­ta­ri­sie­rung von Daten basie­ren. [3–2]

Mar­xis­tisch inter­es­sant ist dar­an nicht nur, dass Daten öko­no­misch wert­voll sind, son­dern auch, wie ihr Wert ent­steht. Daten fal­len nicht vom Him­mel. Sie ent­ste­hen gesell­schaft­lich: durch Arbeit, Kom­mu­ni­ka­ti­on, Bewe­gung, Kon­sum, Koope­ra­ti­on und kul­tu­rel­le Pra­xis. Wenn pri­va­te Unter­neh­men die­se kol­lek­tiv gene­rier­ten Res­sour­cen exklu­siv sam­meln, sie als fir­men­ei­ge­nes Ver­mö­gen ver­ar­bei­ten und in markt­be­herr­schen­de Sys­te­me umset­zen, kommt dies einer neu­en Form der Ein­he­gung gleich. Was frü­her All­men­den, Boden oder hand­werk­li­ches Wis­sen betraf, betrifft heu­te Infor­ma­ti­on, Ver­hal­ten und kol­lek­ti­ve Intel­li­genz.

Hier gewinnt ein Kon­zept aus Marx’ Grund­ris­sen [5] neue Rele­vanz: die Idee des „all­ge­mei­nen Intel­lekts“, also des gesell­schaft­lich ver­teil­ten Wis­sens, das zu einer direk­ten Pro­duk­tiv­kraft wird [5]. KI-Sys­te­me las­sen sich – vor­sich­tig aus­ge­drückt – als die pri­va­ti­sier­te Kon­so­li­die­rung eines sol­chen all­ge­mei­nen Intel­lekts inter­pre­tie­ren. Ihre Leis­tungs­fä­hig­keit ver­dan­ken sie nicht dem Genie ein­zel­ner Eigen­tü­mer, son­dern dem Zusam­men­spiel von öffent­li­cher For­schung, rie­si­gen Daten­sät­zen, glo­ba­len Lie­fer­ket­ten, der Arbeit Tau­sen­der Inge­nieu­re und der oft unsicht­ba­ren Vor­ar­beit von Anno­ta­to­ren, Mode­ra­to­ren und Crowd­wor­kern [6]. Wenn dann eine Hand­voll Unter­neh­men pro­prie­tä­re Kon­trol­le über die Ergeb­nis­se aus­übt, bestä­tigt sich Marx’ Dia­gno­se in neu­er Form: gesell­schaft­li­che Pro­duk­ti­on, pri­va­te Aneig­nung.

3. Ent­frem­dung im Zeit­al­ter des Algo­rith­mus

Zu Marx’ blei­bend stärks­ten Begrif­fen gehört die Ent­frem­dung. Gemeint war damit nicht bloß Unzu­frie­den­heit im Beruf, son­dern der struk­tu­rel­le Ver­lust von Kon­trol­le über die eige­ne Tätig­keit, ihre Pro­duk­te und ihren Sinn [7]. Auch die­ser Gedan­ke wirkt heu­te über­ra­schend modern. Denn vie­le Arbeits­ver­hält­nis­se sind nicht mehr nur hier­ar­chisch, son­dern algo­rith­misch orga­ni­siert. Lie­fer­fah­rer fol­gen einer App, Platt­form­ar­bei­ter einem Bewer­tungs­sys­tem, Lager­ar­bei­ter den Anwei­sun­gen von Scan­sys­te­men und Con­tent-Mode­ra­to­ren dem Rhyth­mus auto­ma­ti­sier­ter Arbeits­ab­läu­fe. Der Vor­ge­setz­te ver­schwin­det nicht, son­dern nimmt oft die Form eines undurch­sich­ti­gen Sys­tems an [8].

Die­se Ver­än­de­rung betrifft nicht nur pre­kä­re Tätig­kei­ten. Auch in der Büro­ar­beit, der Wis­sens­ar­beit und den krea­ti­ven Bran­chen nimmt die metri­sche Kon­trol­le zu: Leis­tungs- (Performance)-Dashboards, Pro­duk­ti­vi­täts­soft­ware (MES-Sys­te­me), auto­ma­ti­sier­te Aus­wahl, Pro­gno­se­mo­del­le, KI-gestütz­te Über­wa­chung. Das Ver­spre­chen lau­tet Effi­zi­enz; die Rea­li­tät ist oft Inten­si­vie­rung, man­geln­de Trans­pa­renz und Aus­tausch­bar­keit. Marx wür­de dies wahr­schein­lich als eine ver­schärf­te Form der Ent­frem­dung erken­nen, denn der Arbei­ter unter­liegt nicht ein­mal mehr einem sicht­ba­ren Herrn, son­dern einer unper­sön­li­chen, schein­bar neu­tra­len Rechen­lo­gik.

Hin­zu kommt eine zwei­te, oft über­se­he­ne Ebe­ne: Hin­ter der Fas­sa­de der „auto­no­men“ KI ver­birgt sich in vie­len Fäl­len ein hoher Auf­wand an mensch­li­cher Arbeit. Mary Gray und Sid­dha­rth Suri haben auf­ge­zeigt, wie digi­ta­le Mikro­jobs und „Ghost Work“ das unsicht­ba­re Fun­da­ment vie­ler auto­ma­ti­sier­ter Sys­te­me bil­den [6–1]. Der Punkt ist fast mar­xis­tisch im klas­si­schen Sin­ne: Die Maschi­ne scheint aus eige­nem Antrieb zu han­deln, weil die Arbeit, die dies ermög­licht, aus­ge­la­gert, frag­men­tiert und unsicht­bar gemacht wur­de.

4. Kapi­tal­kon­zen­tra­ti­on und die Macht der Super­rei­chen

Marx ging davon aus, dass der Wett­be­werb lang­fris­tig zur Kon­zen­tra­ti­on und Zen­tra­li­sie­rung des Kapi­tals ten­diert [2–2] . Auch die­se Ana­ly­se erscheint heu­te bemer­kens­wert rele­vant. In vie­len digi­ta­len Märk­ten füh­ren Ska­len­ef­fek­te, Netz­werk­ef­fek­te, Daten­vor­tei­le und hohe Infra­struk­tur­kos­ten dazu, dass eine klei­ne Anzahl von Akteu­ren außer­or­dent­li­che Markt­macht erlangt. Wirt­schaft­li­che Unter­su­chun­gen zu „Super­star-Unter­neh­men“ zei­gen, dass eine zuneh­men­de Kon­zen­tra­ti­on mit sin­ken­den Arbeits­an­tei­len am Ein­kom­men und der wach­sen­den Domi­nanz ein­zel­ner Unter­neh­men in Ver­bin­dung gebracht wer­den kann [9]. Beson­ders deut­lich wird dies im Bereich der Platt­for­men und digi­ta­len Markt­plät­ze, wes­halb sich das moder­ne Wett­be­werbs­recht wie­der zuneh­mend auf Macht, Markt­ein­tritts­bar­rie­ren und infra­struk­tu­rel­le Abhän­gig­keit kon­zen­triert [10].

An die­ser Stel­le über­schnei­det sich die Fra­ge nach der Macht der Unter­neh­men mit der nach dem Ein­fluss von Mul­ti­mil­li­ar­dä­ren und der Aus­sicht auf Reich­tum in einem bis­her kaum vor­stell­ba­ren Aus­maß. Marx hät­te dar­in nicht nur indi­vi­du­el­le Ungleich­heit gese­hen, son­dern Klas­sen­macht. Sehr gro­ße Ver­mö­gen sind nicht ein­fach nur hohe Bank­gut­ha­ben; sie ste­hen für die Macht, Medi­en, For­schung, Lob­by­ar­beit, poli­ti­sche Kam­pa­gnen, Infra­struk­tur und Zukunfts­vi­sio­nen zu beein­flus­sen. Wer Satel­li­ten­netz­wer­ke, Social-Media-Platt­for­men, KI-Labo­re, Cloud-Sys­te­me oder bedeu­ten­de Antei­le dar­an kon­trol­liert, beein­flusst nicht nur die Märk­te, son­dern auch die Archi­tek­tur der Öffent­lich­keit.

Die Tat­sa­che, dass wirt­schaft­li­che Ungleich­heit zu poli­ti­scher Ungleich­heit füh­ren kann, ist kei­nes­wegs nur eine auf empi­ri­schen Bele­gen basie­ren­de Ver­mu­tung. In den USA bei­spiels­wei­se zeig­te die viel zitier­te Stu­die von Gilens und Page, dass poli­ti­sche Ent­schei­dun­gen deut­lich stär­ker mit den Prä­fe­ren­zen wirt­schaft­lich pri­vi­le­gier­ter Grup­pen kor­re­lie­ren als mit denen der Durch­schnitts­bür­ger [11]. Man muss die­se Erkennt­nis­se nicht mecha­nisch auf alle Demo­kra­tien über­tra­gen, um den struk­tu­rel­len Kern­punkt zu erfas­sen: Wenn Reich­tum extrem kon­zen­triert ist, gilt dies auch für die Fähig­keit, Prio­ri­tä­ten zu set­zen, Dis­kur­se zu gestal­ten und die Regeln mit­zu­be­stim­men.

Tho­mas Piket­ty hat das lang­fris­ti­ge Wie­der­auf­le­ben einer hohen Ver­mö­gens­kon­zen­tra­ti­on in moder­nen Gesell­schaf­ten ein­drucks­voll doku­men­tiert [12]. Ein zeit­ge­nös­si­scher Mar­xist wür­de dies nicht nur als sozia­les, son­dern auch als demo­kra­ti­sches Pro­blem inter­pre­tie­ren. Denn eine Gesell­schaft, in der die Pro­duk­ti­vi­täts­ge­win­ne digi­ta­ler Tech­no­lo­gien in ers­ter Linie den Besit­zern gro­ßer Ver­mö­gen zugu­te­kom­men, läuft Gefahr, dass die öffent­li­che Sphä­re zu einer Olig­ar­chie ver­kommt. Die Demo­kra­tie bleibt dann zwar for­mal erhal­ten, wird aber inhalt­lich aus­ge­höhlt.

5. KI als Höhe­punkt des zeit­ge­nös­si­schen Kapi­ta­lis­mus

Künst­li­che Intel­li­genz ver­schärft die­se Trends, da sie meh­re­re Macht­quel­len bün­delt: Daten, Rechen­leis­tung, Kapi­tal, Paten­te, Talen­te und den Zugang zu Märk­ten. Gleich­zei­tig dehnt KI den Wir­kungs­be­reich der Auto­ma­ti­sie­rung auf Berei­che aus, die lan­ge Zeit als rela­tiv geschützt gal­ten: Spra­che, Bild­pro­duk­ti­on, Ana­ly­se, Ent­schei­dungs­vor­be­rei­tung, Über­wa­chung, Qua­li­täts­kon­trol­le, Per­so­nal­be­schaf­fung und Kun­den­kom­mu­ni­ka­ti­on. Die zen­tra­le mar­xis­ti­sche Fra­ge lau­tet daher nicht in ers­ter Linie, ob KI mäch­tig ist, son­dern wem ihre Pro­duk­ti­vi­täts­ge­win­ne zugu­te­kom­men [13].

Daron Ace­mo­g­lu und Simon John­son beto­nen, dass tech­no­lo­gi­scher Fort­schritt his­to­risch gese­hen kei­nes­wegs auto­ma­tisch zu weit­ver­brei­te­tem Wohl­stand führt; ent­schei­dend sind viel­mehr die insti­tu­tio­nel­len Rah­men­be­din­gun­gen, in die er ein­ge­bet­tet ist [13–1]. Genau hier wür­de ihre Ana­ly­se mit einer moder­ni­sier­ten Les­art von Marx über­ein­stim­men. Wenn KI in ers­ter Linie dazu dient, die Arbeits­kräf­te zu dis­zi­pli­nie­ren, Löh­ne zu drü­cken, Mono­pol­ein­nah­men zu ver­stär­ken und die Ver­hand­lungs­macht der Arbeit­neh­mer wei­ter zu schwä­chen, dann ist sie nicht ein­fach ein neu­tra­les Werk­zeug, son­dern ein Instru­ment spe­zi­fi­scher Eigen­tums- und Macht­ver­hält­nis­se.

Gleich­zei­tig ist KI mate­ri­el­ler, als ihre digi­ta­le Ober­flä­che ver­mu­ten lässt. Kate Craw­ford hat gezeigt, dass KI auf Roh­stof­fe, Ener­gie, glo­ba­le Lie­fer­ket­ten, pre­kä­re Arbeits­ver­hält­nis­se und ter­ri­to­ria­le Infra­struk­tu­ren ange­wie­sen ist [4–1]. Der Begriff „Cloud“ klingt äthe­risch, ver­birgt jedoch eine sehr boden­stän­di­ge poli­ti­sche Öko­no­mie. Ein zeit­ge­nös­si­scher Mar­xis­mus müss­te sich daher stär­ker auf die mate­ri­el­len, öko­lo­gi­schen und geo­po­li­ti­schen Grund­la­gen digi­ta­ler Sys­te­me kon­zen­trie­ren als dies beim klas­si­schen indus­tri­el­len Fokus der Fall war.

6. Wie ein erneu­er­ter Mar­xis­mus aus­se­hen könn­te

Aus all dem folgt nicht, dass man Marx ein­fach aktua­li­sie­ren und dann unver­än­dert über­neh­men soll­te. Ein Mar­xis­mus des 21. Jahr­hun­derts müss­te demo­kra­ti­scher, femi­nis­ti­scher, öko­lo­gi­scher und sen­si­bler für die Infor­ma­ti­ons­theo­rie sein als vie­le sei­ner his­to­ri­schen Vari­an­ten. Vor allem darf er die Macht des Staa­tes nicht naiv behan­deln: Der Staat kann Eigen­tums­ver­hält­nis­se sta­bi­li­sie­ren, aber er kann auch regu­lie­ren, umver­tei­len und Gemein­gü­ter schaf­fen. Die Alter­na­ti­ve zur pri­va­ten mono­po­lis­ti­schen Kon­trol­le muss daher nicht ein­fach eine voll­stän­di­ge büro­kra­ti­sche Ver­staat­li­chung bedeu­ten.

Eine zeit­ge­mä­ße mar­xis­ti­sche Per­spek­ti­ve wür­de viel­mehr auf die Demo­kra­ti­sie­rung zen­tra­ler Infra­struk­tu­ren abzie­len. Dazu gehör­ten eine stren­ge Kar­tell­po­li­tik, inter­ope­ra­ble Stan­dards, die Besteue­rung extre­men Reich­tums, kol­lek­ti­ve Rech­te an Daten, Mit­be­stim­mung beim Ein­satz von KI, Trans­pa­renz­an­for­de­run­gen für algo­rith­mi­sche Ent­schei­dun­gen sowie der Aus­bau öffent­li­cher und gemein­wohl­ori­en­tier­ter digi­ta­ler Infra­struk­tu­ren. Die Stär­kung digi­ta­ler Gemein­gü­ter und offe­ner Wis­sens­ge­mein­gü­ter lässt sich eben­falls in die­sen Rah­men ein­ord­nen: nicht als roman­ti­sche Nische, son­dern als ech­te Gegen­kraft zu exklu­si­ven Eigen­tums­re­gi­men [14].

Man könn­te die­sen erneu­er­ten Mar­xis­mus daher als eine Theo­rie der Demo­kra­ti­sie­rung der Pro­duk­ti­ons­mit­tel unter digi­ta­len Bedin­gun­gen beschrei­ben. Sein Gegen­stand wür­de sich nicht auf die Fabrik beschrän­ken, son­dern die gesam­te tech­ni­sche Ord­nung umfas­sen, in der Wert geschaf­fen und das Leben orga­ni­siert wird. Sei­ne zen­tra­le Fra­ge wäre nicht mehr nur: „Wem gehö­ren die Maschi­nen?“, son­dern glei­cher­ma­ßen: „Wem gehö­ren die Daten, die Model­le, die Netz­wer­ke, die Schnitt­stel­len und die Auf­merk­sam­keit?“

Schluß­wort

Im Geis­te von Marx neu gedacht, erscheint der zeit­ge­nös­si­sche Kapi­ta­lis­mus als ein Sys­tem, in dem wirt­schaft­li­che, tech­no­lo­gi­sche und kom­mu­ni­ka­ti­ve Macht auf bei­spiel­lo­se Wei­se mit­ein­an­der ver­floch­ten sind. Die Herr­schaft der Eigen­tü­mer über die Pro­duk­ti­ons­mit­tel besteht fort, doch heu­te wer­den die Pro­duk­ti­ons­mit­tel zuneh­mend als Platt­for­men, die Cloud, Model­le, Daten­sät­ze und Pro­to­kol­le bezeich­net. Die Aus­beu­tung ver­schwin­det nicht; sie ändert ledig­lich ihre Form. Die Ent­frem­dung endet nicht; sie wird algo­rith­misch. Die Klas­sen­macht löst sich nicht auf; sie taucht erneut auf als Kom­bi­na­ti­on aus Unter­neh­mens­macht, Ver­mö­gens­kon­zen­tra­ti­on und Kon­trol­le über die Infra­struk­tur.

Genau des­halb bleibt Marx auch heu­te noch rele­vant – nicht als Maschi­ne für vor­ge­fer­tig­te Ant­wor­ten, son­dern als Metho­de, um prä­gnan­te Fra­gen zu stel­len. Wer pro­du­ziert? Wem gehört was? Wer pro­fi­tiert? Wer bleibt unsicht­bar? Und wer schreibt die Regeln, nach denen die Tech­no­lo­gie unser Arbeits- und Sozi­al­le­ben prägt? Eine zeit­ge­nös­si­sche mar­xis­ti­sche Kri­tik wür­de ihre stärks­te Poin­te wahr­schein­lich genau in die­sem Satz fin­den: Das Pro­blem mit der KI ist nicht nur, dass sie immer mehr kann, son­dern dass immer weni­ger Men­schen das besit­zen, was sie kann.

Fuß­no­ten

Kur­ze Biblio­gra­fie

  • Ace­mo­g­lu, Daron; John­son, Simon: Macht und Fort­schritt. New York 2023.
  • Autor, David et al.: „The Fall of the Labour Share and the Rise of Super­star Firms“. In: QJE 135/2, 2020.
  • Ben­kler, Yochai: The Wealth of Net­works. New Haven 2006.
  • Craw­ford, Kate: Atlas of AI. New Haven 2021.
  • Gilens, Mar­tin; Page, Ben­ja­min I.: „Test­ing Theo­ries of Ame­ri­can Poli­tics“. In: Per­spec­ti­ves on Poli­tics 12/3, 2014.
  • Gray, Mary L.; Suri, Sid­dha­rth: Ghost Work . Bos­ton 2019.
  • Khan, Lina M.: „Amazon’s Anti­trust Para­dox“. In: Yale Law Jour­nal 126, 2017.
  • Marx, Karl: Das Kapi­tal, Marx-Engels-Wer­ke 23.
  • Marx, Karl: Grund­ris­se der Kri­tik der poli­ti­schen Öko­no­mie , Marx-Engels-Wer­ke 42.
  • Marx, Karl: Öko­no­misch-phi­lo­so­phi­sche Manu­skrip­te, MEW-Bei­band 1.
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  • Piket­ty, Tho­mas: Das Kapi­tal im 21. Jahr­hun­dert. Cam­bridge, MA 2014.
  • Rosen­blat, Alex: „Uber­land“. Oak­land 2018.
  • Srnicek, Nick: Platt­form­ka­pi­ta­lis­mus. Cam­bridge 2017.
  • Wood­cock, Jamie: Die Gig-Eco­no­my. Cam­bridge 2020.
  • Zuboff, Shosha­na: Das Zeit­al­ter des Über­wa­chungs­ka­pi­ta­lis­mus. New York 2019.
  1. Für eine Erwei­te­rung des Begriffs der Pro­duk­ti­ons­mit­tel auf digi­ta­le Infra­struk­tu­ren sie­he Karl Marx, Das Kapi­tal: Kri­tik der poli­ti­schen Öko­no­mie, Band 1, Marx-Engels-Wer­ke 23; sowie Nick Srnicek, Platt­form­ka­pi­ta­lis­mus, Cam­bridge: Poli­ty, 2017.
  2. Marx’ Ana­ly­se von Mehr­wert, Akku­mu­la­ti­on, Kon­zen­tra­ti­on und Zen­tra­li­sie­rung des Kapi­tals wird aus­führ­lich dar­ge­legt in: Karl Marx, Das Kapi­tal: Kri­tik der poli­ti­schen Öko­no­mie , Band 1, Marx-Engels-Wer­ke 23, ins­be­son­de­re in den Abschnit­ten über den Arbeits­pro­zess, den Ver­wer­tungs­pro­zess und die Akku­mu­la­ti­on.
  3. Nick Srnicek, Plat­form Capi­ta­lism , Cam­bridge: Poli­ty, 2017; Shosha­na Zuboff, The Age of Sur­veil­lan­ce Capi­ta­lism , New York: Publi­cAf­fairs, 2019.
  4. Kate Craw­ford, Atlas of AI: Power, Poli­tics, and the Pla­ne­ta­ry Cos­ts of Arti­fi­ci­al Intel­li­gence , New Haven: Yale Uni­ver­si­ty Press, 2021.
  5. Karl Marx, Grund­ris­se der Kri­tik der poli­ti­schen Öko­no­mie (1857/58), Marx-Engels-Wer­ke 42, ins­be­son­de­re das soge­nann­te „Maschi­nen­frag­ment“ zum „all­ge­mei­nen Intel­lekt“.
  6. Mary L. Gray und Sid­dha­rth Suri, Ghost Work: How to Stop Sili­con Val­ley from Buil­ding a New Glo­bal Under­class , Bos­ton: Hough­ton Miff­lin Har­court, 2019.
  7. Karl Marx, Öko­no­misch-phi­lo­so­phi­sche Manu­skrip­te von 1844 , MEW-Bei­band 1, ins­be­son­de­re der Abschnitt „Ent­frem­de­te Arbeit“.
  8. Alex Rosen­blat, Uber­land: How Algo­rith­ms Are Rewri­ting the Rules of Work , Oak­land: Uni­ver­si­ty of Cali­for­nia Press, 2018; Jamie Wood­cock, The Gig Eco­no­my: A Cri­ti­cal Intro­duc­tion , Cam­bridge: Poli­ty, 2020.
  9. David Autor, David Dorn, Law­rence F. Katz, Chris­ti­na Pat­ter­son und John Van Ree­nen, „The Fall of the Labour Share and the Rise of Super­star Firms“, The Quar­ter­ly Jour­nal of Eco­no­mics 135, Nr. 2 (2020): 645–709.
  10. Lina M. Khan, „Amazon’s Anti­trust Para­dox“, Yale Law Jour­nal 126 (2017): 710–805.
  11. Mar­tin Gilens und Ben­ja­min I. Page, „Test­ing Theo­ries of Ame­ri­can Poli­tics: Eli­tes, Inte­rest Groups, and Avera­ge Citi­zens“, Per­spec­ti­ves on Poli­tics 12, Nr. 3 (2014): 564–581.
  12. Tho­mas Piket­ty, Das Kapi­tal im 21. Jahr­hun­dert , Cam­bridge, MA: Har­vard Uni­ver­si­ty Press, 2014.
  13. Daron Ace­mo­g­lu und Simon John­son, Macht und Fort­schritt: Unser tau­send­jäh­ri­ger Kampf um Tech­no­lo­gie und Wohl­stand , New York: Publi­cAf­fairs, 2023
  14. Zum Kon­zept der All­men­de und offe­ner Wis­sens­in­fra­struk­tu­ren sie­he Eli­nor Ost­rom, Gover­ning the Com­mons , Cam­bridge: Cam­bridge Uni­ver­si­ty Press, 1990; Yochai Ben­kler, The Wealth of Net­works , New Haven: Yale Uni­ver­si­ty Press, 2006.

Foto: Klaus Ulin­ski

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