Eine Fiktion – Der WDR ist Geschichte – Nordrhein-Westfalen sucht seine Stim­me – Köln, 30. Januar 2033

Für vie­le Bür­ger begann der Mor­gen heu­te unge­wohnt still. Kei­ne ver­trau­ten Stim­men auf WDR 2, kei­ne Ver­kehrs­mel­dun­gen aus dem Ber­gi­schen Land, kei­ne „Aktu­el­le Stun­de“ und kei­ne „Lokal­zeit“ am frü­hen Abend. Als ges­tern Abend um 19:30 Uhr die Uhr auf dem Fern­se­her sprang, grif­fen vie­le Men­schen in Nord­rhein-West­fa­len auto­ma­tisch zur Fern­be­die­nung. Seit Jahr­zehn­ten be­deutete die­se Uhr­zeit für Mil­lio­nen Zuschau­er das­sel­be: „Lokal­zeit“. Doch der Bild­schirm blieb dun­kel. Kein Bericht über den neu­en Rad­weg in Wermelskir­chen. Kei­ne Dis­kus­si­on über den Zustand der Innen­städ­te in Solin­gen und Rem­scheid. Kei­ne Geschich­te über den ehren­amt­li­chen Ver­ein, der seit Jah­ren die Jugend­ar­beit ret­tet. Kei­ne Repor­ta­ge über Kunst und Kul­tur, vom Stadt­fest oder Kar­ne­val. Der WDR ist Geschich­te. Und mit ihm ver­schwand über Nacht ein Stück regio­na­ler Iden­ti­tät.

Hin­ter­grund: Die neue natio­nal ori­en­tier­te Lan­des­re­gie­rung – die den Rück­wärtsgang für die wich­tigs­te Inno­va­ti­on der Gegen­wart hält – hat­te schon nach ihrem knap­pen Wahl­sieg im Sep­tem­ber 2032 ihre Ansa­ge aus dem Regierungs­programm zum WDR jetzt umge­setzt. Angeb­lich war es ein längst über­fäl­li­ger Schritt.

Fast 80 Jah­re lang hat­te der West­deut­sche Rund­funk die Auf­ga­be, Nord­rhein-West­fa­len jour­na­lis­tisch zu beglei­ten. Vom Wie­der­auf­bau nach dem Krieg über den Struk­tur­wan­del im Ruhr­ge­biet bis hin zu den Her­aus­for­de­run­gen der Ge­genwart berich­te­te der Sen­der aus allen Regio­nen des Lan­des. Vie­le Bür­ger hat­ten den Ein­druck, der WDR sei immer da gewe­sen. Nun ist er verschwun­den. An sei­ne Stel­le tre­ten bun­des­wei­te ein­heit­li­che Nach­rich­ten­an­ge­bo­te und priva­te Medi­en­platt­for­men – unter­stützt und geför­dert auch von der Landesregie­rung. Die Ver­ant­wort­li­chen ver­spre­chen mehr Effi­zi­enz, gerin­ge­re Kos­ten und moder­ne digi­ta­le Struk­tu­ren. Doch schon nach der Ab­schaltung zeigt sich, was ver­lo­ren gegan­gen ist. Wer berich­tet jetzt über das Ber­gi­sche Land? Die wohl häu­figs­te Fra­ge lau­tet: Wer erzählt eigent­lich noch die Ge­schichten vor unse­rer Haus­tür? Die Lan­des­re­gie­rung ver­sucht gegen­zu­steu­ern. Geplant ist ein neu­er „NRW-Medi­en­fonds“, der loka­le Jour­na­lis­ten und Bürger­medien för­dern soll. Die Par­tei­zu­ge­hö­rig­keit bzw. Nähe zur Par­tei der Landes­regierung ist aller­dings gewünscht. So raunt es in den Flu­ren des Land­tags.

Über inter­na­tio­na­le Kri­sen, die natio­nal ori­en­tier­te Lan­des­re­gie­rung, gro­ße Sport­er­eig­nis­se wird wei­ter­hin berich­tet. Infor­ma­tio­nen gibt es in der Dauerschlei­fe. Doch wer ver­folgt die Debat­ten im Stadt­rat? Wer recher­chiert, war­um eine Schu­le jah­re­lang auf ihre Sanie­rung war­tet? Wer fragt nach, wes­halb eine Bus­linie gestri­chen wird? In vie­len Regio­nen klafft plötz­lich eine Lü­cke. Medienwis­senschaftler spre­chen bereits von einem „demo­kra­ti­schen Blind­fleck“.

Denn loka­le Bericht­erstat­tung auch in Wer­mels­kir­chen gilt als eine der wich­tigs­ten Vor­aus­set­zun­gen für poli­ti­sche Teil­ha­be. Wer nicht weiß, was in sei­ner Stadt geschieht, kann sich kaum ein Urteil über kom­mu­na­le Ent­schei­dun­gen bil­den. Beson­ders schmerz­lich ver­mis­sen vie­le Men­schen die „Lokal­zeit“. Über Jahr­zehn­te war sie mehr als eine Nach­rich­ten­sen­dung. Sie war das Schau­fens­ter der Regi­on. Dort wur­den neue Unter­neh­men vor­ge­stellt, außer­ge­wöhn­li­che Men­schen por­trä­tiert und Pro­ble­me ange­spro­chen, die außer­halb der Regi­on kaum jeman­den inter­essiert hät­ten. Wäh­rend gro­ße Medi­en über inter­na­tio­na­le The­men berich­te­ten, erzähl­te die Lokal­zeit von der Welt direkt vor der Haus­tür.

Heu­te gibt es dafür kei­nen fes­ten Platz mehr. Die neue Lan­des­re­gie­rung stellt fest: Die Algo­rith­men sozia­ler Netz­wer­ke ent­schei­den, wel­che The­men sicht­bar wer­den. Oft gewin­nen die lau­tes­ten, emo­tio­nals­ten oder skur­rils­ten Bei­trä­ge.

Der Bericht über eine ehren­amt­li­che Initia­ti­ve hat gegen ein spek­ta­ku­lä­res Un­fallvideo meist kei­ne Chan­ce. Ver­ei­ne und Ehren­amt­li­che ver­lie­ren ihre Büh­ne. Beson­ders betrof­fen sind Ver­ei­ne. Frü­her genüg­te so man­ches Mal ein Bei­trag in der „Lokal­zeit“, um neue Mit­glie­der zu gewin­nen oder auf ein Pro­jekt auf­merksam zu machen. Jetzt müs­sen sich vie­le Orga­ni­sa­tio­nen allein über sozia­le Netz­wer­ke prä­sen­tie­ren. Nicht jeder Sport­ver­ein, Chor oder För­der­ver­ein ver­fügt über die nöti­gen Kennt­nis­se oder Res­sour­cen.

„Frü­her kam gele­gent­lich ein Kame­ra­team vor­bei“, erin­nert sich der Vorsitzen­de eines Kul­tur­ver­eins in Wer­mels­kir­chen. „Heu­te inter­es­siert sich nie­mand mehr für unse­re Arbeit, wenn wir sie nicht selbst fil­men und ver­mark­ten.“ Na­türlich gibt es auch Gewin­ner. Gro­ße Online-Por­ta­le ver­zeich­nen stei­gen­de Nut­zer­zah­len. Regio­na­le Influen­cer – ins­be­son­de­re aus deutsch-natio­na­len Krei­sen errei­chen teil­wei­se mehr Men­schen als frü­he­re Lokal­re­dak­tio­nen. Künst­li­che Intel­li­genz erstellt auto­ma­tisch Nach­rich­ten aus Poli­zei­mel­dun­gen, Rats­pro­to­kol­len und Pres­se­mit­tei­lun­gen. Die Men­ge an Infor­ma­tio­nen ist grö­ßer als je zuvor. Doch Kri­ti­ker fra­gen: Wer über­prüft die­se Infor­ma­ti­ons­flut? Wer recher­chiert Hin­ter­grün­de? Und wer fährt noch zu einer Bürgerversamm­lung mit zehn Besu­chern, wenn sich damit kaum Klicks erzie­len las­sen? Vie­le Bür­ger bemerk­ten das Ver­schwin­den des WDR zunächst kaum.

Die Welt ging nicht unter. Die Bus­se fuh­ren wei­ter. Die Fuß­ball­spie­le fan­den statt. Das Inter­net funk­tio­nier­te. Doch lang­sam macht sich ein ande­res Gefühl breit. Ein Gefühl, dass etwas Ver­bin­den­des ver­lo­ren gegan­gen ist.

Frü­her konn­ten Men­schen am nächs­ten Mor­gen über den­sel­ben Bei­trag spre­chen, den sie am Abend in der Lokal­zeit gese­hen hat­ten. Heu­te sieht jeder et­was ande­res. Die gemein­sa­me regio­na­le Öffent­lich­keit zer­fällt in tau­sen­de digi­tale Ein­zel­wel­ten. Vor dem frü­he­ren Funk­haus in Köln blei­ben immer wie­der Pas­san­ten ste­hen. Die Glas­fas­sa­de spie­gelt den Ver­kehr der Stadt. Auch die Kul­tur lei­det. Zahl­rei­che Orches­ter, Hör­spiel­pro­duk­tio­nen und Doku­men­ta­tio­nen wur­den ein­ge­stellt. Das ehe­ma­li­ge Funk­haus am Wall­raf­platz hat an Lebendig­keit ver­lo­ren. Hin­ter den Fens­tern arbei­ten inzwi­schen Soft­ware­fir­men und Me­­di­en-Start-ups. Von außen erin­nert nur noch wenig an den Sen­der, der einst Mil­lio­nen Men­schen begleite­te. An einer Wand hat jemand mit Krei­de geschrie­ben: „Die Nach­rich­ten gibt es noch. Aber wer erzählt uns jetzt noch unse­re Ge­schichte?“

Ob die­se Fra­ge in Zukunft beant­wor­tet wer­den kann, weiß nie­mand. Sicher ist nur eines: Als der WDR ver­schwand, ver­schwand nicht nur ein Sen­der. Ein Stück Nord­rhein-West­fa­len ver­schwand mit ihm. Auch im Ber­gi­schen Land. Auch in Wer­mels­kir­chen.

Foto: ChatGpt

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Kommentare

Ein Kommentar zu „Eine Fiktion – Der WDR ist Geschichte – Nordrhein-Westfalen sucht seine Stim­me – Köln, 30. Januar 2033“

  1. Avatar von Stefan Schäfer
    Stefan Schäfer

    Altes Sprich­wort:
    “Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit”.

    L.G.
    Ste­fan Schä­fer

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    2

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