Früher war mehr Normal

Wenn ich heu­te Nach­rich­ten lese, höre oder sehe den­ke ich manch­mal: „Wie konn­ten wir nur so alt wer­den, wie haben wir das über­lebt?“.

Nein, frü­her war sicher nicht alles bes­ser aber vie­les war ein­fa­cher, über­sicht­li­cher, kurz um: ein­fach nor­mal.

Zum schwim­men gin­gen wir, wenn es warm und das Wet­ter schön war. Punkt und fer­tig. Heu­te muss aus jedem Tüm­pel ein Erleb­nis­bad gemacht wer­den, natür­lich beheizt. Eine auf­wän­di­ge Tech­nik, wahr­schein­lich mit viel Che­mie, sorgt für gerei­nig­tes, gefil­ter­tes (bes­se­res?) Was­ser.

Die Älte­ren erin­nern sich viel­leicht noch an den Bade­teich in Dhünn, im Dorf hin­ter der Kir­che die klei­ne Stra­ße rein. Am Rand konn­te man durch­aus auch mal einen Frosch antref­fen. So schlecht wird das Was­ser nicht gewe­sen sein.

Schwimm­bä­der ver­lan­gen die Vor­la­ge des Per­so­nal­aus­wei­ses und manch­mal sogar den Nach­weis über das „schwim­men kön­nen“. Ver­stärkt wer­den auch Sicher­heits­diens­te ein­ge­setzt. Schwim­men unter Bewa­chung? Offen­bar not­wen­dig aber nor­mal?

Apro­pos schwim­men. Eine Rie­sen­nach­rich­ten­wel­le mahnt, dass immer mehr Men­schen nicht schwim­men kön­nen und immer mehr Men­schen ertrin­ken. Wir haben schwim­men über unse­re Eltern gelernt, über die Schu­le oder ganz ein­fach durch „rein­schub­sen“. War eine nor­ma­le Sache, ohne Kur­se und hoch­wiss­ent­schaft­li­chen Gedöns. War ein­fach so und kei­ner hat sich einen Kopf gemacht. Und wer nicht schwim­men konn­te der ging – welch eine tol­le Erkennt­nis ! – nicht ins Was­ser. Aber gegen Blöd­heit hilft ja nix.

Kön­nen und nicht kön­nen. Ich kann zum Bei­spiel nicht Ski fah­ren und auch ein Skate­board ist nicht mein bevor­zug­tes Sport­ge­rät. Und für mich völ­lig nor­mal: Ich lass es sein!

Frü­her haben wir Ski, Schlit­ten oder Gleit­schu­he raus geholt und sind damit gefah­ren – wenn es genü­gend Schnee gab. Und wenn es kei­nen Schnee gab sind wir nicht gefah­ren – so ein­fach kann das Leben sein.

Heu­te pro­du­zie­ren wir mit einem gewal­ti­gen Ener­gie­auf­wand Kunst­schnee, um ganz­jäh­rig in einer Hal­le Ski fah­ren zu kön­nen. Und selbst in der nicht über­dach­ten Natur kom­men Schnee­ka­no­nen zum Ein­satz. Klar, Geschäft ist wich­tig. Und sogar in ein Sta­di­on wird Schnee gekarrt, um ein Event zu ver­an­stal­ten.

Und wo wir gera­de über Schnee spre­chen: Frü­her war es nor­mal in der kal­ten Jah­res­zeit eine Win­ter­kis­te im Auto zu haben. Mit Eis­krat­zer, einem Hand­fe­ger, Anti-Eis­spray und Hand­schu­hen. Einen Tür­schloss-Ent­ei­ser hat­te man in der Tasche. Heck ange­trie­be­ne Fahr­zeu­ge beka­men einen Sand­sack oder eine Kis­te Metall in den Kof­fer­raum. Win­ter­rei­fen gab es, wenn über­haupt, nur auf der Antriebs­ach­se. Und mit Käfer, Citro­en 2CV oder Renault R4 ging es sowie­so gut durch den Schnee.

„Die moder­ne Tech­nik wird es schon rich­ten“ den­ken sich heu­te die Leu­te, die mit rie­si­gen Schnee­ber­gen auf ihren Autos durch die Gegend fah­ren. „Mein Auto hat ein beheiz­ba­res Lenk­rad“, erzähl­te mir eine Fah­re­rin ganz stolz. Klar, das hilft ganz bestimmt beim auf­tau­en. Lus­tig fährt sie mit einem win­zi­gen Guck­loch los – den Rest macht wahr­schein­lich die digi­ta­le Tech­nik.

Rest­pos­ten! Son­der­prei­se! „Solar-Gar­ten­leuch­ten, Stück nur 3,50 Euro“ so lau­tet das Ange­bot. Mathe­ma­tik war nie mein Lieb­lings­fach, aber ich kann über­schla­gen, dass 10 Leuch­ten 35 Euro kos­ten. Nun sind die­se Leuch­ten redu­ziert und der Bar­code ent­spricht noch dem alten Preis. Ein­scan­nen funk­tio­niert also nicht. Ganz naiv nach­ge­fragt: „Geben Sie doch 10 Stück á 3,50 Euro in die Kas­se ein.“ Erstaun­te Ant­wort: „Ich kann kei­ne Prei­se in die Kas­se ein­ge­ben.“ Ah ja, alles klar. Hät­te ich wis­sen müs­sen. Prei­se in eine Kas­se ein­ge­ben? Sor­ry, war dumm von mir. Hat ja nichts mit­ein­an­der zu tun.

Dann sehe ich vor einer Schu­le eine jun­ge Mama, die mit einem Gelän­de­wa­gen ihr Kind abholt. Eine Rie­sen­kis­te, mit Rie­sen­rä­dern, rie­sig hoch. Fast möch­te man ihr mit einer klei­nen Tritt­lei­ter beim ein- und aus­stei­gen hel­fen. Und das Kind kann nur rein geho­ben wer­den. Von Gelän­de oder unbe­fes­tig­ten Wegen ist natür­lich nichts zu sehen. Aber wer weiß – viel­leicht wohnt die Fami­lie ja im ber­gi­schen Out­back.

Irgend­wie war frü­her doch mehr nor­mal.

Trotz allem: Einen schö­nen Tag.

Zeich­nung: Wal­ter Schu­bert

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