Ein Beitrag für Forum Wermelskirchen von Klaus Ulinski
Ein Nachmittag im Auswärtigen Amt in Berlin kann vieles sein: diplomatisch, protokollarisch, politisch. Dieser Nachmittag aber, an dem ich teilnehmen durfte, war vor allem eines: zutiefst menschlich. Und er wirkt nach.
Insgesamt 13 Bürgermeister aus der Ukraine stellten am letzten Dienstag auf Einladung des Auswärtigen Amts in Berlin ihre Kommunen vor. Sie berichteten von Städten und Gemeinden, deren Bewohnerzahlen durch Krieg, Flucht, Verschleppung und Tod drastisch geschrumpft sind. Sie erzählten von Orten, in denen früher das Leben pulsierte und in denen heute Lücken geblieben sind – in Straßenzügen, in Familien, in Schulen, in Herzen.
Was sie schilderten, war kein abstrakter Bericht über einen fernen Krieg. Es war ein Blick in einen Alltag, der unter Bedingungen stattfindet, die wir uns hier in Wermelskirchen kaum vorstellen können: eisige Kälte, dauernde Luftangriffe, russische Drohnen, zerstörte Infrastruktur, Angst in der Nacht und Unsicherheit am Morgen. Und dennoch gehen die Menschen dort ihrem Tageswerk nach. Sie schützen ihre Kinder. Sie bringen sie, so gut es irgend geht, zur Schule. Sie reparieren Leitungen, stellen Notversorgung sicher, organisieren Hilfe, halten Verwaltung, Versorgung und Gemeinschaft am Leben.
Diese Menschen funktionieren nicht nur. Sie trotzen der Verzweiflung mit ungeheurem Mut.
Später, in einem kleinen georgischen Restaurant, wurde aus den Berichten etwas noch Persönlicheres. Ich saß im Kreis einiger Ukrainerinnen und ukrainischer Bürgermeister. Es wurde gesprochen, gegessen, auch gelacht. Doch der Krieg saß mit am Tisch. Nicht laut. Aber unübersehbar.
Dann standen junge Frauen auf, erhoben ihr Glas und sprachen einen Toast – in Gedenken an ihre Männer, Brüder und Väter daheim. An jene, die kämpfen. An jene, die gefallen sind. Es waren keine großen, inszenierten Gesten. Gerade deshalb gingen sie so tief. In diesen wenigen Augenblicken lagen Liebe, Verlust, Stolz, Treue und Schmerz dicht beieinander.
Und als Wermelskirchener bekommt man in so einem Moment ein mulmiges Gefühl.
Denn ich kann sicher über die Telegrafenstraße gehen. Ich kann unbesorgt über die Kölner Straße laufen. Ich stehe morgens auf, stelle ganz selbstverständlich den Toaster oder die Kaffeemaschine an, drücke auf einen Schalter, und der Strom ist da. Das warme Wasser fließt. Die Heizung läuft. Das Licht geht an. Der Alltag trägt uns, weil er verlässlich ist. So verlässlich, dass wir ihn kaum noch bemerken.
Und genau darin liegt vielleicht unsere Schwäche.
Denn was wäre, wenn diese Verlässlichkeit bricht?
Was wäre, wenn über Stunden, Tage oder länger kein Strom mehr da ist? Kein Licht. Kein Kühlschrank. Kein Telefon, das geladen werden kann. Kein warmes Wasser. Vielleicht überhaupt kein Wasser mehr aus der Leitung. Was wäre, wenn Tankstellen trotz voller Preistafeln kein Benzin mehr ausgeben können, weil nichts mehr funktioniert? Wenn Aldi, Lidl oder der Bäcker um die Ecke keine Waren verkaufen können, weil Kassen, Kühlungen und Lieferketten ausfallen? Wenn Behörden zwar warnen wollen, aber keine akustischen Sirenen mehr Gefahr melden und digitale Hinweise die Menschen nicht erreichen, weil Netze gestört sind?
Das klingt für viele noch immer nach Ausnahmezustand, nach düsterem Szenario, nach etwas, das anderswo geschieht. Aber genau das ist die unbequeme Lehre aus den Begegnungen mit unseren ukrainischen Freunden: Das Undenkbare ist nicht undenkbar. Es kann unser Land betreffen. Unsere Region. Unsere Stadt.
Nicht nur Raketen und Bomben bedrohen ein Gemeinwesen. Auch der Ausfall von Infrastruktur kann eine Gesellschaft in kürzester Zeit an ihre Grenzen bringen. Moderne Städte leben von stillen Selbstverständlichkeiten: Strom, Wasser, Kommunikation, Logistik, medizinische Versorgung, digitale Systeme. Fällt davon mehreres zugleich aus, zeigt sich sehr schnell, wie belastbar eine Gemeinschaft wirklich ist.
Und damit stellt sich eine ernste Frage, die über Technik weit hinausgeht:
Wie resilient sind wir eigentlich in Wermelskirchen?
Sind wir vorbereitet auf längere Störungen? Haben wir Vorräte, Lichtquellen, Wasserreserven, Medikamente, Batterien, ein Radio, einen Plan? Wissen Familien noch, was zu tun ist, wenn digitale Kommunikation ausfällt? Wissen Nachbarn voneinander, wer Hilfe braucht, wer allein lebt, wer krank ist, wer Unterstützung nicht einfordern kann? Oder verlassen wir uns darauf, dass „schon irgendwer“ zuständig sein wird?
Resilienz beginnt nicht erst im Katastrophenfall. Sie beginnt vorher. In der Haltung. In der Vorsorge. Im Bewusstsein, dass Sicherheit keine ewige Garantie ist.
Ein ukrainischer Bürgermeister sagte uns einen Satz, der besonders hängen blieb:
„Unsere eigentliche Stärke in dieser Zeit sind unsere Frauen.“
Sie übernehmen all die Aufgaben, die ihre Männer nicht mehr übernehmen können, weil sie an der Front sind oder weil sie tot sind. In diesem Satz lag Trauer. Aber auch Anerkennung. Und eine Wahrheit, die größer ist als dieser Krieg: Wenn Systeme wanken, tragen Menschen das Leben weiter. Nicht Institutionen allein. Nicht Gebäude. Nicht Technik. Menschen.
Deshalb ist die eigentliche Frage am Ende nicht nur, ob unsere Infrastruktur robust genug wäre. Die eigentliche Frage lautet: Wie solidarisch wären wir noch, wenn es ernst wird?
Wie solidarisch sind die Dellmänner dann noch?
Bleiben wir eine Stadtgemeinschaft, wenn Supermarktregale leer bleiben, wenn Treibstoff knapp wird, wenn es kalt wird, dunkel, unbequem und ungewiss? Helfen wir der älteren Nachbarin im dritten Stock, wenn kein Aufzug mehr fährt? Teilen wir Wasser, Lebensmittel, Kerzen, Informationen? Nehmen wir Rücksicht? Bewahren wir Ruhe? Oder kippt das Selbstverständnis einer freundlichen Nachbarschaft in Nervosität, Misstrauen und den schnellen Griff nach dem Eigenen?
Diese Fragen sind unangenehm. Aber sie sind notwendig.
Wir hier in Wermelskirchen – nicht nur hier, aber eben auch hier – können viel von unseren ukrainischen Freunden lernen: Respekt, Achtung, Demut. Und auch dies: wie man sich schützt, wie man vorbereitet ist, wie man unter Druck menschlich bleibt und wie man überlebt. Nicht in einem heroischen Sinn, sondern im ganz praktischen. Mit Haltung, mit Klugheit, mit Gemeinschaft.
Es geht nicht darum, Angst zu verbreiten. Angst macht selten handlungsfähig. Aber Sorglosigkeit ist ebenso wenig ein guter Ratgeber. Zwischen Panik und Bequemlichkeit liegt ein vernünftiger, erwachsener Weg: aufmerksam sein, vorsorgen, zusammenhalten.
Der Nachmittag in Berlin hat genau das gezeigt. Die ukrainischen Bürgermeister baten nicht um Mitleid. Sie zeigten uns Würde. Ihre Mitreisenden zeigten uns Hoffnung. Die jungen Frauen, die ihre Gläser erhoben, zeigten uns, was Erinnerung und Tapferkeit bedeuten. Und wir, die wir aus einer sicheren Stadt kommen, sollten daraus mehr mitnehmen als bloße Betroffenheit.
Vielleicht sollten wir uns in Wermelskirchen wieder stärker fragen, wie belastbar unser Alltag wirklich ist. Vielleicht sollten wir neu lernen, dass Katastrophenschutz nicht nur Sache von Behörden ist, sondern auch von Bürgern. Vielleicht sollten wir uns bewusster machen, dass die Stärke einer Stadt nicht erst an ihrer Kaufkraft oder ihrer schönen Mitte zu erkennen ist, sondern daran, ob Menschen füreinander einstehen, wenn es dunkel wird.
Denn in guten Zeiten ist Zusammenhalt leicht. In schlechten zeigt sich, ob er echt ist.
Die Ukraine führt uns das Tag für Tag vor Augen. Mit Schmerz. Mit Mut. Mit einer Entschlossenheit, die beschämt und beeindruckt. Und vielleicht ist genau das die warnende Botschaft für uns hier: Unser Sicherheitsgefühl ist kostbar – aber es darf uns nicht träge machen.
Bild: Privat Klaus Ulinski


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