Die Kälte ist nicht vorbei – Gedanken vor dem 27. Januar

Ich sit­ze im ICE, irgend­wo zwi­schen Wer­mels­kir­chen und Ber­lin, Janu­ar 2026.

Die Fahrt ist ruhig, fast kom­for­ta­bel. Deutsch­land zieht an mir vor­bei, Fel­der, Ort­schaf­ten, Indus­trie – und dar­über eine kal­te Janu­ar­son­ne, gedämpft durch dün­ne Wol­ken. Man sieht sie kaum, man ahnt sie eher. Sie strahlt kei­ne Wär­me aus, eher Distanz. Käl­te.

Die­se Käl­te beglei­tet mei­ne Gedan­ken.

In weni­gen Tagen jährt sich der 27. Janu­ar zum 81. Mal – der Tag, an dem Ausch­witz-Bir­ken­au befreit wur­de. Der Tag, an dem der orga­ni­sier­te, indus­tri­el­le Wahn­sinn ein Ende fin­den soll­te. Ein Wahn­sinn, der auf Ent­mensch­li­chung, auf Ideo­lo­gien vom „Volk“, auf Aus­gren­zung und Gewalt beruh­te.

Und wäh­rend der Zug mit 250 km/h durch ein frei­es, demo­kra­ti­sches Land fährt, fra­ge ich mich:

Ist die­se Käl­te wirk­lich Ver­gan­gen­heit? Oder kehrt sie zurück – lang­sam, schlei­chend, manch­mal laut, manch­mal erschre­ckend nor­mal?

Ich den­ke an den 9. Mai 2025 in Wer­mels­kir­chen. Und was mir eine gute Freun­din anschlie­ßend berich­te­te:

„Ich war in den Bür­ger­häu­sern, früh dort. Zunächst saßen nur weni­ge Men­schen im Saal, ver­lo­ren ver­teilt. Dann füll­te sich der Raum. Immer mehr Besu­cher, vie­le davon ein­schlä­gig erkenn­bar: jun­ge Män­ner, Glat­zen, kla­re Codes, Tat­toos, Auf­tre­ten. Am Ende etwa 70 Per­so­nen. Kein Zufalls­pu­bli­kum. Ein Milieu.“

Der AfD-Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te Mat­thi­as Hel­fe­rich wur­de mit ste­hen­dem Bei­fall emp­fan­gen, berich­tet sie. Ein Mann, der sich einst selbst als das „freund­li­che Gesicht des Natio­nal­so­zia­lis­mus“ bezeich­ne­te. Die­se Wor­te hal­len bis heu­te nach. Wei­ter erzählt sie:

“Was ich an die­sem Abend hör­te, war kei­ne zufäl­li­ge Pro­vo­ka­ti­on. Es war Ideo­lo­gie.

Es wur­de von einer angeb­li­chen „Migran­ten­flut“ gespro­chen, von „Mes­ser­ste­cher­kul­tur“, von täg­lich statt­fin­den­den „Mas­sen­ver­ge­wal­ti­gun­gen“. Zah­len wur­den in den Raum gestellt – Mil­li­ar­den­kos­ten, Bedro­hungs­sze­na­ri­en – ohne Bele­ge, aber mit Wir­kung.

Deutsch­land sei kein Rechts­staat mehr. Es gebe eine geziel­te „Umvol­kung“, einen „Volks­aus­tausch“. Das „deut­sche Volk“ sei durch Abstam­mung defi­niert, durch einen „Stamm“. Mul­ti­kul­tu­ra­li­tät sei mit Demo­kra­tie unver­ein­bar. Man wol­le zurück in eine Zeit um 1960. Kein Viel­völ­ker­staat. Kei­ne Viel­falt.

Und dann die­se Sät­ze, die sich fest­set­zen: Man habe „nur einen Schuss“, und der müs­se sit­zen. Man müs­se „radi­kal bis an die Wur­zel“ vor­ge­hen. Auf den Zuruf „not­falls mit der Ket­ten­sä­ge“ folg­te kein Wider­spruch – son­dern Zustim­mung.“

Das alles geschah hier, in Wer­mels­kir­chen. Nicht in Geschichts­bü­chern. Nicht in fer­nen Zei­ten. Es geschah in unse­ren Bür­ger­häu­sern, am 9. Mai 2025

Wei­ter erzählt sie:

„Was mich an die­sem Abend beson­ders erschüt­tert hat, war nicht nur die Wort­wahl, son­dern die Selbst­ver­ständ­lich­keit, mit der sie vor­ge­tra­gen wur­de. Die Ver­traut­heit im Raum. Das „per du“. Die Stra­te­gie: Netz­wer­ke auf­bau­en, Nor­ma­li­tät her­stel­len, den Nach­barn freund­lich erschei­nen las­sen, Struk­tu­ren schaf­fen – für spä­ter.“

Ich schaue aus dem Zug­fens­ter. Die schö­ne fla­che Land­schaft fliegt an mir vor­bei. Die Fel­der sind mit fros­ti­gem Rau­reif über­zo­gen. Käl­te brei­tet sich in mir aus. 

Ich den­ke dabei an die Wor­te von Karin Prien, Bun­des­bil­dungs­mi­nis­te­rin, die in der “Jüdi­schen All­ge­mei­nen” von einem „Grund zur Sor­ge und einem Grund für Hoff­nung“ spricht.

Grund zur Sor­ge, weil Anti­se­mi­tis­mus, völ­ki­sches Den­ken und auto­ri­tä­re Fan­ta­sien wie­der sag­bar wer­den. Weil Jüdin­nen und Juden sich in Deutsch­land wie­der unsi­cher füh­len.

Aber auch Grund zur Hoff­nung – wenn wir hin­schau­en, wider­spre­chen, erin­nern, Ver­ant­wor­tung über­neh­men.

Der 27. Janu­ar ist kein Ritu­al. Er ist kein his­to­ri­scher Pflicht­ter­min.

Er ist eine War­nung.

Die Ver­bre­chen, die 1945 sicht­bar wur­den, began­nen nicht mit Lagern und Gas­kam­mern. Sie began­nen mit Spra­che. Mit Abwer­tung. Mit der Idee eines „rei­nen Vol­kes“. Mit der Ein­tei­lung in „wir“ und „die ande­ren“.

Wäh­rend mein ICE Ber­lin erreicht hat sehe ich aus dem Zug­fens­ter den Reichs­tag. Und mir wird klar: Erin­ne­rung allein reicht nicht. Hal­tung ist gefragt.

Hier. Heu­te. Auch – und gera­de – in Wer­mels­kir­chen.

Die Käl­te von damals soll nie wie­der Macht gewin­nen. Dafür sind wir alle ver­ant­wort­lich.

Bil­der: Pri­vat Klaus Ulin­ski

Kommentare

Eine Antwort zu „Die Kälte ist nicht vorbei – Gedanken vor dem 27. Januar“

  1. Avatar von Stefan Janosi
    Stefan Janosi

    Ein wich­ti­ger Bei­trag in kal­ten Zei­ten.
    Wich­tig vor allem um noch­mal klar dar­zu­le­gen wel­che Ideen und Plä­ne nicht nur in der Bun­des AfD prä­sent sind, son­dern vor allem auch hier unter uns in Wer­mels­kir­chen. Man kann nicht oft genug vor die­ser rechts­extre­men Par­tei war­nen. Alle Fak­ten lie­gen auf dem Tisch, die­se sind für uns alle erkenn­bar. In Kennt­nis der Fak­ten trägt jeder Wäh­ler und jede Wäh­le­rin der AfD Ver­ant­wor­tung für die schlei­chen­de Zer­stö­rung unse­rer Demo­kra­tie! Nie­mand kann sich mehr damit ent­schul­di­gen die­se Par­tei aus Pro­test oder aus Frust über die aktu­el­le Poli­tik gewählt zu haben.

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