Eine Glosse zum Fortbewegungsmittel der Zukunft von Joachim Zappe
Im letzten Sommer fiel mir das faszinierende Stadtbild von Wermelskirchen besonders auf. Überall, selbst frühmorgens um 8 Uhr, in der Telegrafenstraße und an den Knotenpunkten der Stadt – reger Radverkehr! Diese Radler-Ströme süd- und nordwärts hätte ich mir vor einigen Jahren in unserem alltäglichen Stadtbild kaum vorstellen können. Ok, im ADFC-Klimatest hat sich die Kleinstadt mit wenig Herz für Radfahrer immerhin von den letzten Plätzen ins Mittelfeld verbessert. Super! So reibe ich mir also ungläubig die Augen. Ganze Radgruppen ältester Jahrgänge, weit weg von Renitenz und Revoluzzertum, fahren einfach mal so gegenläufig in die Telegrafenstraße herein. Wahrscheinlich, weil sie das von anderswo nicht anders kennen. Einfach toll, Zeuge diese Zeitenwende zu werden, und mich erfasst klammheimliche Freude ob dieser „Einfach-mal-Machen“-Grundhaltung. Bei dieser Gelegenheit sinniere ich vor mich hin und frage ich mich, ob der neue „Aiwanger von Wermelskirchen“, der oberste Rad-Verhinderer der Stadt, es heute immer noch schaffen würde, öffentlichkeitswirksam höchstselbst und feixend-triumphierend die Schilder für den gegenläufigen Radverkehr in der Telegrafenstraße abzumontieren, um damit auf Stimmenfang zu gehen?
Der Erfolg des Rad-Booms gründet sich aber nicht auf Personen oder eine bestimmte Politik, sondern basiert ausschließlich auf der technischen Entwicklung. Einzig dem Fahrrad mit elektrischem Hilfsmotor ist es zu verdanken, dass es einen regelrechten Run auf E‑Bikes und Pedelecs gibt und Jedermann auch im Bergischen auf den Trassen bequem und unangestrengt mit dem Rad unterwegs sein kann. Und das ist einfach nur gut und schön, dies auch im Sinne einer Verkehrs- und Mobilitätswende zu beobachten. Super!

Aber, und jetzt werde ich einmal persönlich, es gibt auch eine Kehrseite. Zwei Dinge versetzen mich nämlich mittlerweile in Rage und sorgen dafür, dass mein Blutdruck dramatisch ansteigt. Es ist zum Einen diese besonders perfide Form von Altersdiskriminierung, der ich immer öfter ausgesetzt bin. Da muss ich mich doch permanent dafür entschuldigen, kein E‑Bike zu fahren. Sätze wie diese muss ich mir immer häufiger anhören: „Wie, Du fährst noch ein Fahrrad ohne Motor? Du bist doch schon über 70! Ist das nicht zu anstrengend und gefährlich für Herz und Kreislauf?“ Diese und ähnliche Äußerungen werden dann meist mit kleinen (für mich nervigen) Kurzreferaten garniert. Der Zweitakku, Akkugröße, Wattleistung, Drehmomente und Reichweiten – das ist eine Wissenschaft für sich. Da nützt es auch nichts, wenn ich mit einem Gegenreferat zu VO2Max, TSS, FTP-Einstellung oder aeroben oder anaeroben Effekten zu kontern versuche.
Und da ist dann noch der zweite Aufreger, der mich regelmäßig in Wallungen versetzt. Das ist dann der Fall, wenn ich hören muss „ Och, du fährst ja noch ein Biobike“. Da könnte ich ausrasten. Was soll das denn sein – ein „Bio-Bike“? Kommt das Rad etwa aus biologischer Bodenhaltung? Kann man das essen? Ist das vegetarisch, vegan oder flexigan? Kommt der Frutarier damit zurecht, fällt das unter Clean eating oder kann man das auch unter Paleo-Essen einsortieren? Wie sieht das mit Unverträglichkeiten oder Allergien aus? Fragen über Fragen. Und was sagt eigentlich der Europäische Gerichthof dazu, wenn man schon höchstrichterlich feststellt, dass man „vegane Schnitzel“ nicht auf den Markt bringen darf oder Eierlikör ohne Eier als solcher nicht verkauft werden darf. Was ist mit der vorgeschriebenen Auszeichnungspflicht. Wie hoch ist der Nutri Score, den Inhaltsstoffen und den gesundheitlichen Standards? Was ist mit dem Mindesthaltbarkeitsdatum und der Resteverwertung? Und wann präsentiert eigentlich der Food-Blogger der Nation aus München sein erstes Bio-Bike-Essen?

Auch interessant: Wie sieht denn eigentlich die Menükarte im Bio-Bike-Sternerestaurant aus? Als Vorspeise vielleicht ein Süppchen aus würziger Dichtmilch garniert mit kleingeschnittenen Faltreifen mit oder ohne Profil. Aus Hauptspeise möglicherweise gut abgehangene, in Bremsflüssigkeit eingelegte Filetstücke des Titan- oder Carbon-Rahmens. Als Beilage dann Shimano- oder Campagnolo-Geschnetzeltes. Naja Nachspeise wird schwierig, wo kann man am Bio-Bike schon was Süßes finden? Da müssten die Hersteller wohl mal nachbessern.
Zuletzt noch die Frage nach den Preisen. Was kostet denn so ein Bio-Bike-Menü? Schwer zu sagen, weil es sich natürlich wie bei Fleisch und Zutaten vor allem nach den nicht gerade preiswerten Komponentenpreisen beim Bio-Bike richtet. Ausgehend von meinem Fahrrad würden bei einem günstigen Jäger*Innen-Schnitzel-Preis von um die 25 Euro 340 Menüs zustande kommen. Für das Bio-Bike-Menü wird sicherlich das Mehrfache veranschlagt werden müssen. Ob man da mit 100 Euro auskommt? Fraglich!
Man kann auch darauf gespannt sein, wann in Wermelskirchen das erste Bio-Bike-Restaurant an den Start geht und neben dem Asiaten und dem Inder eine wichtige Marktlücke geschlossen wird. Bis es dann soweit ist, habe ich mich auch wieder komplett abgeregt und werde natürlich den nächsten Arzt- oder Friseurbesuch in der Stadt mit dem E‑Bike meiner Gattin in nicht verschwitzter Alltagskleidung absolvieren. Und das selbstverständlich mit höchster Turbo-Unterstützungsstufe. Soll ja schließlich Spaß machen!
Comics, Fotos und Video KI erstellt mit Canva


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