Teilzeit-Lifestyle? Nein. Systemrelevant – und müde

Mei­nungs­bei­trag von Phil­ipp Scholz

Bei der Über­schrift denkt man viel­leicht zuerst: Außen­dienst, Teil­zeit-Life­style, was will der jetzt erzäh­len? Oder: Ach, wie­der so ein Buz­zword aus der Poli­tik.

Ich arbei­te im Gesund­heits­we­sen. Und ja: In mei­ner Fir­ma sind 35 Stun­den Voll­zeit. Nach der Les­art unse­res Bun­des­kanz­lers wäre ich damit also jemand, der nicht genug tut. Einer von denen, die offen­bar zu wenig arbei­ten, damit „das Land kon­kur­renz­fä­hig bleibt“.
Ganz ehr­lich? Das macht mich wütend.

Ich will gar nicht anfan­gen auf­zu­zäh­len, wie sel­ten ich in den letz­ten 20 Jah­ren krank war. Wer im Gesund­heits­we­sen arbei­tet, weiß: Man kommt trotz­dem. Oft ange­schla­gen. Oft müde. Oft über der eige­nen Gren­ze. Ich erzäh­le auch nicht, wie oft mei­ne Kin­der am Wochen­en­de dabei waren, weil ich ein­sprin­gen muss­te, damit eine Uni­kli­nik nicht kol­la­biert.

Ich erzäh­le nur von die­ser Woche.
Mitt­woch. Berg­fest. Mei­ne 35 Stun­den sind da schon voll. Und trotz­dem zie­he ich bis Frei­tag durch. Über­stun­den inklu­si­ve. Nicht, weil ich Bock auf Selbst­aus­beu­tung habe – son­dern weil das Sys­tem sonst nicht funk­tio­niert.

Uni­kli­nik in NRW. Streik. Gro­ße Schlag­zei­len.
Und trotz­dem: Alle da. Von 5:30 bis 20:30 Uhr, drei Tage am Stück. Rei­se­zeit inklu­si­ve. Hotel? Könn­te man machen. Habe aber Kin­der. Und Kos­ten sind auch real.

Natür­lich kommt die Auf­sichts­be­hör­de genau im Streik. Per­fek­tes Timing.
Also: Regie­rung, Behör­den, Kon­trol­le – und wir mit­ten­drin. Wie­der die, die lie­fern müs­sen.

Auf der Hin- und Rück­fahrt: Stau wegen schwe­rer Ver­kehrs­un­fäl­le. Poli­zei. Feu­er­wehr. Ret­tungs­dienst. Alle im Ein­satz. Die­se berühm­ten „Teil­zeit-Life­style-Poli­zis­ten“. Die­se „Teil­zeit-Life­style-Sani­tä­ter“, die als Ers­te vor Ort sind – und die Bil­der danach irgend­wie ver­ar­bei­ten müs­sen. Viel­leicht mit weni­ger Stun­den. Viel­leicht mit The­ra­pie. Viel­leicht mit Sport. Viel­leicht mit Fami­lie.

Und dann heißt es: 30 Stun­den? Teil­zeit-Life­style. Faul.
Wie zynisch kann man eigent­lich sein?

Das Gesund­heits­we­sen ist kaputt.
Die Kran­ken­ver­si­che­run­gen wer­den teu­rer – und decken trotz­dem nicht alles ab. Hoch­mo­der­ne Ein­grif­fe wer­den abge­rech­net wie Stan­dard von ges­tern. Effi­zi­enz für den Pati­en­ten, Defi­zit fürs Haus. Und dann wun­dert man sich, war­um Kli­ni­ken ster­ben.

Mich macht die­se Arro­ganz von oben sprach­los.
Wir hal­ten das Sys­tem am Lau­fen. Pfle­ge. Tech­nik. Ärzt:innen. Ser­vice. Ehren­amt. Eltern. Ange­hö­ri­ge.
Und poli­tisch? Wird drauf­ge­hau­en.

Ich weiß nicht wohin mit mei­ner Wut. Also schrei­be ich.
Nicht als Lösung. Son­dern als Ven­til.

Macht euch bit­te selbst ein Bild.
Fragt euch: Wie soll die­ses Sys­tem funk­tio­nie­ren, wenn Care-Arbeit, Fami­lie und Mensch­sein kei­nen Platz haben?

Ich erwar­te kei­ne Wun­der.
Aber ich erwar­te sozia­le Gerech­tig­keit. Einen demo­kra­ti­schen Staat, der trägt, wenn Men­schen krank wer­den, altern, erschöpft sind. Ein Sys­tem, in dem der Mensch im Mit­tel­punkt steht – nicht nur die Kenn­zahl.

Skan­di­na­vi­en denkt da wei­ter. Viel­leicht soll­ten wir weni­ger über „Teil­zeit-Life­style“ reden
und mehr über Respekt, Rea­li­tät und Ver­ant­wor­tung.

Foto: Phil­ipp Scholz

Kommentare

Eine Antwort zu „Teilzeit-Lifestyle? Nein. Systemrelevant – und müde“

  1. Avatar von Karl-Reiner Engels
    Karl-Reiner Engels

    Dan­ke für die­sen wich­ti­gen Bei­trag, der zurecht rückt, was in der poli­ti­schen Dis­kus­si­on falsch läuft.

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