The second Hit… der zweite Schlag tötet!

Zer­schos­se­ne Feu­er­wehr­fahr­zeu­ge, zer­fetz­te Ret­tungs­wa­gen und die rau­chen­den Trüm­mer ein­ge­stürz­ter Wohn­häu­ser zeigt die gro­ße Lein­wand im Hör­saal des Insti­tuts der Feu­er­wehr NRW in Müns­ter. In den Fahr­zeu­gen kamen Ein­satz­kräf­te ums Leben, unter den Trüm­mern kämpf­ten Men­schen um ihr Über­le­ben. Rund 300 Feu­er­wehr­leu­te hören zu, als ihre ukrai­ni­schen Kame­ra­din­nen und Kame­ra­den aus der nord­rhein-west­fä­li­schen Part­ner­re­gi­on Dni­pro­pe­trowsk von ihren Ein­sät­zen erzäh­len, Vie­len sind Fas­sungs­lo­sig­keit und Wut anzu­se­hen. Die Bil­der und die Schil­de­run­gen von Ser­hii, einem ehe­ma­li­gen Geschichts­leh­rer, der heu­te selbst Feu­er­wehr­mann ist, gehen auch den erfah­re­nen Ein­satz­kräf­ten im Saal unter die Haut.

Wie arbei­tet die Feu­er­wehr im Krieg? Das ist die Fra­ge, die die Dele­ga­ti­on eine Woche lang beant­wor­tet hat, die ich für das Blau-Gel­be Kreuz e. V. in Zusam­men­ar­beit mit dem Insti­tut der Feu­er­wehr NRW beglei­ten durf­te.

Wenn die ukrai­ni­sche Feu­er­wehr nach Angrif­fen auf Schu­len, Kin­der­gär­ten, Wohn­häu­ser, Büro­ge­bäu­de oder Geschäf­te ein­trifft, fin­det sie oft nur noch Trüm­mer vor. Die Ein­satz­kräf­te suchen nach Ver­schüt­te­ten, ber­gen Schwer­ver­letz­te und brin­gen Über­le­ben­de in Sicher­heit. Und dann, erzählt Ser­hii, kommt der zwei­te Schlag. Dort, wo Droh­nen und Bom­ben bereits schwe­re Ver­wüs­tun­gen ange­rich­tet haben, wo Men­schen, dar­un­ter Kin­der, um ihr Leben kämp­fen und die Ret­tungs­kräf­te ihnen zu Hil­fe kom­men, schla­gen die Angrei­fer erneut zu. Oft sei der zwei­te Angriff noch hef­ti­ger als der ers­te, sagt Ser­hii.

Ohne schwe­re bal­lis­ti­sche Schutz­wes­ten und wei­te­re mili­tä­ri­sche Schutz­aus­rüs­tung kom­men die Feu­er­wehr­leu­te in der Regi­on Dni­pro­pe­trowsk längst nicht mehr aus.

Tetia­na erzählt den deut­schen Feu­er­wehr­leu­ten, wie sie mit Qua­dro­kop­ter-Droh­nen das Ein­satz­ge­biet absucht, um die drin­gend erwar­te­ten Ret­tungs­kräf­te vor Spreng­kör­pern zu schüt­zen. Man­che sei­en kaum grö­ßer als ein Ten­nis­ball und könn­ten noch mit Ver­zö­ge­rung explo­die­ren. Tetia­na und die Frau­en in ihrem Team tun das ehren­amt­lich, in jeder frei­en Minu­te. Sie ent­de­cken Minen, Rake­ten­tei­le und gefähr­li­che Blind­gän­ger. Damit schüt­zen sie die­je­ni­gen, die in der Ukrai­ne als unbe­waff­ne­te Hel­din­nen und Hel­den bezeich­net wer­den.

Ein jün­ge­rer Kol­le­ge aus einer ande­ren Stadt in der Ost­ukrai­ne zeigt ein Foto auf sei­nem Han­dy. Es zeigt sei­nen von Split­tern durch­sieb­ten Ein­satz­wa­gen. Er und sei­ne Kol­le­gen hät­ten den Angriff nur über­lebt, weil sie gera­de eini­ge Meter vom Fahr­zeug ent­fernt waren und die Schläu­che aus­roll­ten, erzählt er.

Die zwölf Feu­er­wehr­leu­te kamen auf Ein­la­dung des Lan­des Nord­rhein-West­fa­len und mit orga­ni­sa­to­ri­scher Unter­stüt­zung des Blau-Gel­ben Kreu­zes nach Müns­ter. Sie besuch­ten die Frei­wil­li­ge Feu­er­wehr in Werl sowie die Berufs­feu­er­weh­ren in Dort­mund und Köln. Über­all war zu spü­ren, dass Feu­er­wehr­leu­te eine gro­ße inter­na­tio­na­le Fami­lie sind. Die Feu­er­weh­ren in NRW hat­ten sich gut vor­be­rei­tet. Sie zeig­ten ihren ukrai­ni­schen Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen ihre Aus­rüs­tung und erläu­ter­ten, wie sie bei ver­schie­de­nen Ein­sät­zen tech­nisch und tak­tisch vor­ge­hen. Auch das Tech­ni­sche Hilfs­werk betei­lig­te sich an dem Aus­tausch. In prak­ti­schen Übun­gen wur­de gezeigt, wie man Men­schen ret­tet, die unter Trüm­mern ver­schüt­tet sind.

Am Frei­tag beglei­te­te die Insti­tuts­lei­tung die ukrai­ni­sche Dele­ga­ti­on zu ihren Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen nach Köln. Dort hiel­ten die Gäs­te ihren Vor­trag erneut vor Ange­hö­ri­gen der Köl­ner Feu­er­wehr. Lin­da Mai, Vor­sit­zen­de des Blau-Gel­ben Kreu­zes, bat ein­dring­lich dar­um, Aus­rüs­tung und Fahr­zeu­ge zur Ver­fü­gung zu stel­len. Solan­ge die Fahr­zeu­ge noch fah­ren, sei­en sie vor Ort eine gro­ße Hil­fe. Der Kilo­me­ter­stand spie­le dabei kei­ne Rol­le.

Natha­na­el Lim­in­ski, Minis­ter für Bun­des- und Euro­pa­an­ge­le­gen­hei­ten, Inter­na­tio­na­les sowie Medi­en des Lan­des Nord­rhein-West­fa­len und Chef der Staats­kanz­lei, bedau­er­te in einer Video­bot­schaft, dass er per­sön­lich nicht dabei sein konn­te. Er fand Wor­te des Respekts und der Aner­ken­nung für die­se Euro­päe­rin­nen und Euro­pä­er, die für ihre rund 50-stün­di­ge, gefähr­li­che Rück­rei­se wie­der in den Bus stie­gen.

Wir vom Blau-Gel­ben Kreuz waren erleich­tert, dass wir für die Anrei­se den Bus gewählt hat­ten. Kurz vor Beginn des Besuchs hat­te eine rus­si­sche Droh­ne am Bahn­hof von Dni­pro einen Per­so­nen­zug getrof­fen. Bei dem Angriff kamen min­des­tens 15 Men­schen ums Leben.

Ich bin noch immer benom­men von dem, was uns die­se muti­gen Frau­en und Män­ner erzählt haben. Unter ihnen sind Müt­ter und Väter. Man­che wur­den im Krieg ver­wun­det und sind aus dem Mili­tär­dienst aus­ge­schie­den. Heu­te ret­ten sie als Feu­er­wehr­leu­te Men­schen und gera­ten dabei selbst immer wie­der in Lebens­ge­fahr. Was Ser­hii, der frü­he­re Geschichts­leh­rer, in Müns­ter geschil­dert hat, lässt mich seit­dem nicht los. Sei­ne Ein­heit rückt aus, um Men­schen zu ret­ten, und ist dabei immer im Visier des Fein­des.

Fotos: Lothar Dähn

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Kommentare

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Ein Kommentar zu „The second Hit… der zweite Schlag tötet!“

  1. Avatar von Barbara Horn-Birkhölzer
    Barbara Horn-Birkhölzer

    So ein Bericht öff­net Augen, die meist geschlos­sen blei­ben. Dan­ke!

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