Nature Journaling – Mit Stift und Papier die Natur neu entdecken

Von Caro­lin Pfeif­fer

Wann habt ihr euch das letz­te Mal eine Pflan­ze, ein Insekt oder einen Pilz wirk­lich genau ange­se­hen? Nicht nur kurz betrach­tet oder foto­gra­fiert, son­dern euch die Zeit genom­men, auch die klei­nen Details zu ent­de­cken? Viel­leicht habt ihr euch dabei gefragt, war­um etwas so aus­sieht, wie es aus­sieht, oder wie etwas funk­tio­niert?

Genau dar­um geht es beim soge­nann­ten Natu­re Jour­na­ling.

Was ist Nature Journaling eigentlich?

Der eng­li­sche Begriff lässt sich unge­fähr mit „Natur­ta­ge­buch füh­ren“ über­set­zen. Dahin­ter steckt aller­dings mehr als das klas­si­sche Tage­buch­schrei­ben.

Beim Natu­re Jour­na­ling wer­den Beob­ach­tun­gen, Ent­de­ckun­gen und Erleb­nis­se in der Natur auf ganz per­sön­li­che Wei­se fest­ge­hal­ten. Das kann durch Zeich­nun­gen, Aqua­rel­le, kur­ze Tex­te, Fotos, Mes­sun­gen, Tabel­len oder ein­fach durch Fra­gen gesche­hen, die einem wäh­rend einer Beob­ach­tung in den Sinn kom­men.

Ein Natu­re Jour­nal kann also gleich­zei­tig Skiz­zen­buch, Beob­ach­tungs­pro­to­koll, For­schungs­ta­ge­buch und per­sön­li­che Erin­ne­rungs­samm­lung sein.

Man nimmt sich bewusst Zeit, schaut genau­er hin und beschäf­tigt sich inten­si­ver mit Din­gen, an denen man sonst viel­leicht acht­los vor­bei­ge­gan­gen wäre.

Drei Sätze als Grundlage

Eine zen­tra­le Metho­de beim Natu­re Jour­na­ling sind drei ganz ein­fa­che „Sät­ze”:

„Mir fällt auf …“

„Ich fra­ge mich …“

„Das erin­nert mich an …“

Mit die­sen „Fra­gen” lässt sich prak­tisch jede Natur­be­ob­ach­tung ver­tie­fen.

Neh­men wir bei­spiels­wei­se einen Kie­fern­zap­fen. Zunächst bemer­ke ich viel­leicht, dass sei­ne Schup­pen unter­schied­lich weit geöff­net sind. Dann fra­ge ich mich, war­um das so ist und ob es etwas mit der Feuch­tig­keit zu tun haben könn­te. Oder ich sehe die Samen vom Ahorn und sie erin­nern mich an Libel­len­flü­gel und ich fra­ge mich, war­um das so ist. 

Schon ist aus einem unschein­ba­ren Zap­fen eine klei­ne natur­wis­sen­schaft­li­che Fra­ge­stel­lung gewor­den. Viel­leicht möch­te ich jetzt sogar aus­pro­bie­ren, wie sich der Zap­fen bei unter­schied­li­cher Luft­feuch­tig­keit ver­hält.

Nicht jede Fra­ge muss sofort beant­wor­tet wer­den. Manch­mal ent­ste­hen aus einer Beob­ach­tung auch zehn neue Fra­gen. Und genau das macht die Sache span­nend! Ich muss auch nicht jeden Art­na­men ken­nen. Etwas genau anschau­en und sich Fra­gen zu stel­len geht ganz ohne, dass ich weiß, wie ein Tier oder Pflan­ze heißt. Ich kann ihr auch einen eige­nen Namen geben, den ich pas­send fin­de. Viel­leicht einen, an den ich mich spä­ter gut erin­nern kann. Im Jour­nal ist alles erlaubt.

Zwischen Naturwissenschaft und Kreativität

Das Schö­ne am Natu­re Jour­na­ling ist, dass sich natur­wis­sen­schaft­li­che Neu­gier und Krea­ti­vi­tät wun­der­bar mit­ein­an­der ver­bin­den las­sen.

Man kann die Blät­ter ver­schie­de­ner Pflan­zen ver­glei­chen, die Grö­ße eines Pil­zes mes­sen, die Ent­wick­lung einer Rau­pe doku­men­tie­ren oder das Ver­hal­ten von Vögeln beob­ach­ten. Genau­so gut kann man aber auch die Far­ben einer Land­schaft fest­hal­ten, Geräu­sche beschrei­ben oder ein­fach sei­ne Gedan­ken zu einer Beob­ach­tung auf­schrei­ben.

Es gibt dabei kein Rich­tig oder Falsch und auch kei­ne Vor­ga­ben, wie eine Jour­nal­sei­te aus­zu­se­hen hat.

Vor allem muss man nicht zeich­nen kön­nen! Eine ein­fa­che Blei­stift­skiz­ze kann genau­so wert­voll sein wie ein auf­wen­dig gestal­te­tes Aqua­rell. Denn beim Zeich­nen geht es in ers­ter Linie dar­um, genau hin­zu­schau­en. Wer ver­sucht, ein Insekt oder eine Pflan­ze zu zeich­nen, muss sich zwangs­läu­fig mit Details beschäf­ti­gen, die einem beim blo­ßen Betrach­ten mög­li­cher­wei­se ent­gan­gen wären. Außer­dem: Ich muss mein Jour­nal nie­man­dem zei­gen oder die Bil­der gar bei Social media hoch­la­den. 

Wie ich zum Nature Journaling gekommen bin

2020 bin ich eher zufäl­lig über die Insta­gram-Sei­te von Vere­na Hill­gärt­ner (Wie­der Wil­der Wer­den) gestol­pert. Damals gab es auch ihren Pod­cast und Live-Vide­os, in denen sie zeich­ne­te und über Natu­re Jour­na­ling sprach. Das hat mich sofort ange­spro­chen.

Ich war schon immer neu­gie­rig, was die Natur angeht. Ich habe mir Tie­re und Pflan­zen ger­ne genau­er ange­se­hen, ver­sucht, Arten zu bestim­men, und woll­te am liebs­ten auf jede mei­ner Fra­gen eine Ant­wort fin­den. Der Gedan­ke, all die­se Beob­ach­tun­gen, Fra­gen und Ent­de­ckun­gen in einem Jour­nal fest­zu­hal­ten, gefiel mir des­halb auf Anhieb.

Aller­dings gab es da ein klei­nes Pro­blem: das Zeich­nen.

Als Kind hat­te ich eigent­lich ger­ne gemalt. Schu­le und Stu­di­um hat­ten aller­dings mit ihren Vor­ga­ben und Bewer­tun­gen ziem­lich erfolg­reich dafür gesorgt, dass mir der Spaß dar­an irgend­wann ver­gan­gen war.

Als ich mit über 30 wie­der anfing, muss­te ich fest­stel­len, dass mei­ne zeich­ne­ri­schen Fähig­kei­ten unge­fähr auf dem Stand geblie­ben waren, auf dem ich sie mit 14 zurück­ge­las­sen hat­te. Das war zunächst schon etwas depri­mie­rend.

Aber dage­gen kann man ja etwas tun: üben!

Oder, wie man in der Natu­re-Jour­na­ling-Com­mu­ni­ty ger­ne sagt: Stif­te­ki­lo­me­ter sam­meln. Schließ­lich erwar­tet auch nie­mand, ohne Trai­ning einen Mara­thon lau­fen zu kön­nen.

Und vor allem muss­te ich mir immer wie­der bewusst machen, dass es beim Natu­re Jour­na­ling gar nicht dar­um geht, schö­ne Bil­der zu malen. 

Das Zeich­nen ist ein Werk­zeug, das einen dazu bringt, wirk­lich genau hin­zu­schau­en. Wie sind die Bei­ne eines Insekts ange­ord­net? Wel­che Form haben die Blät­ter? Wo sit­zen die ein­zel­nen Struk­tu­ren? Plötz­lich fal­len einem Din­ge auf, die man vor­her über­haupt nicht wahr­ge­nom­men hat.

Und ganz neben­bei wer­den die Zeich­nun­gen mit zuneh­men­der Übung natür­lich auch bes­ser. Man muss nur akzep­tie­ren, dass man nicht gleich als Leo­nar­do da Vin­ci wie­der ein­steigt. 

Eine Gemeinschaft voller neugieriger Menschen

2022 habe ich mich zum ers­ten Mal mit Men­schen getrof­fen, die ich zuvor über das Inter­net im Zusam­men­hang mit Natu­re Jour­na­ling ken­nen­ge­lernt hat­te. Wir waren unge­fähr 15 Leu­te und haben uns zu einer Art Camp auf einem Natur­cam­ping­platz ver­ab­re­det. Das war eine groß­ar­ti­ge Erfah­rung!

Mitt­ler­wei­le ist die deutsch­spra­chi­ge Natu­re-Jour­na­ling-Com­mu­ni­ty rich­tig gut ver­netzt. Es gibt Online­tref­fen, aber auch Natu­re Jour­nal Clubs in zahl­rei­chen Städ­ten, bei denen man sich per­sön­lich trifft, gemein­sam die Natur erkun­det, zeich­net, redet und staunt.

Ich neh­me selbst regel­mä­ßig an sol­chen Tref­fen teil und mag die­se Gemein­schaft sehr.

Was ich dar­an beson­ders schät­ze, ist die bun­te Mischung der Men­schen. Vom Kind bis zum Rent­ner sind alle Alters­grup­pen ver­tre­ten, und auch beruf­lich kom­men die Teil­neh­mer aus den unter­schied­lichs­ten Berei­chen. Was alle ver­bin­det, ist ihre Begeis­te­rung für die Natur, ihre Neu­gier und ein acht­sa­mer Umgang mit ihrer Umwelt.

Beson­ders span­nend fin­de ich die vie­len unter­schied­li­chen Spe­zi­al­in­ter­es­sen. Da kennt sich jemand unglaub­lich gut mit Vögeln aus, jemand ande­res begeis­tert sich für Insek­ten oder Spin­nen, der Nächs­te weiß alles über Pil­ze und wie­der jemand ande­res ist ein wan­deln­des Pflan­zen­le­xi­kon.

Dadurch kommt bei sol­chen Tref­fen oft eine erstaun­li­che Men­ge Wis­sen zusam­men. Man tauscht Beob­ach­tun­gen aus, stellt Fra­gen, erklärt sich gegen­sei­tig Din­ge und lernt dabei ganz neben­bei unglaub­lich viel. Manch­mal merkt man erst hin­ter­her, wie viel Neu­es man eigent­lich mit­ge­nom­men hat.

Und das Bes­te: Hier darf jeder nach Her­zens­lust über sein Spe­zi­al­in­ter­es­se erzäh­len!

Denn sei­en wir mal ehr­lich: Freun­de und Fami­lie sind nicht immer das idea­le Publi­kum, wenn man ihnen zum wie­der­hol­ten Mal begeis­tert irgend­wel­che neu­en Fak­ten über Insek­ten erzäh­len möch­te. Irgend­wann sieht man ihnen die Ver­zweif­lung dann doch an. 😂

In der Natu­re-Jour­na­ling-Gemein­schaft ist das anders. Dort fin­det sich meis­tens jemand, der genau­so begeis­tert zuhört, neu­gie­rig nach­fragt oder gleich noch ein paar inter­es­san­te Infor­ma­tio­nen bei­steu­ert.

Alleine oder gemeinsam – beides hat seinen Reiz

Ich jour­na­le sowohl allei­ne als auch bei gemein­sa­men Tref­fen der Natu­re Jour­nal Clubs oder bei Online-Ver­an­stal­tun­gen. Und tat­säch­lich hat bei­des sei­nen ganz eige­nen Reiz.

Wenn ich allei­ne unter­wegs bin, habe ich mehr Ruhe, kann mich ganz auf mei­ne Beob­ach­tun­gen kon­zen­trie­ren und mich so lan­ge mit einer Sache beschäf­ti­gen, wie ich möch­te.

Bei gemein­sa­men Tref­fen kommt dage­gen der Aus­tausch mit ande­ren hin­zu. Man ent­deckt Din­ge, die einem selbst viel­leicht ent­gan­gen wären, pro­fi­tiert vom Wis­sen der ande­ren und lässt sich gegen­sei­tig von sei­ner Begeis­te­rung anste­cken.

Erst im Okto­ber habe ich mich spon­tan mit jeman­dem aus der Natu­re-Jour­na­ling-Com­mu­ni­ty in einem Moor in Nord­deutsch­land getrof­fen. Wir haben sowohl drau­ßen als auch drin­nen gejour­n­alt, mal gemein­sam und mal jeder für sich.

Dabei gab es eini­ges zu ent­de­cken: Schlei­er­eu­len, Schling­nat­tern, Hor­nis­sen­nes­ter und sogar Wolfs­lo­sung. Natür­lich wur­de alles aus­gie­big bestaunt, bespro­chen und im Jour­nal fest­ge­hal­ten.

Und mal ganz im Ernst: Mit wie vie­len Men­schen kann man sich schon vol­ler Lei­den­schaft über Wolfs­lo­sung unter­hal­ten und dar­über phi­lo­so­phie­ren? 😂

Genau sol­che Erleb­nis­se machen für mich einen gro­ßen Teil des Natu­re Jour­na­lin­gs aus. Es geht nicht nur dar­um, Beob­ach­tun­gen auf Papier fest­zu­hal­ten, son­dern auch um die Freu­de am Ent­de­cken, das gemein­sa­me Stau­nen und die vie­len inter­es­san­ten Men­schen, die man dabei ken­nen­lernt.

Ob allei­ne mit dem Skiz­zen­buch im Wald oder gemein­sam mit ande­ren Natur­ver­rück­ten auf Ent­de­ckungs­tour – bei­des möch­te ich nicht mehr mis­sen.

Neugierig geworden? Einfach ausprobieren!

Wer Natu­re Jour­na­ling ein­mal aus­pro­bie­ren möch­te, braucht dafür erstaun­lich wenig. Ein ein­fa­ches Skiz­zen­buch oder auch ein­fach ein Blatt Papier und ein Blei­stift rei­chen für den Anfang voll­kom­men aus.

Wer Freu­de am Zeich­nen hat, kann spä­ter mit Fine­li­nern, Bunt­stif­ten, Aqua­rell­far­ben oder ande­ren Mate­ria­li­en expe­ri­men­tie­ren. Eine Lupe ist ganz prak­tisch, um klei­ne Struk­tu­ren genau­er zu unter­su­chen. Wer ein Fern­glas hat, kann damit gut z.B. Vögel beob­ach­ten.

Man muss dafür übri­gens weder in ein Natur­schutz­ge­biet fah­ren noch eine beson­ders spek­ta­ku­lä­re Tier­art ent­de­cken. Der eige­ne Gar­ten, ein Stadt­park oder sogar eine Pflan­ze auf dem Bal­kon bie­ten bereits unzäh­li­ge Mög­lich­kei­ten.

Und wer sich allei­ne nicht so recht traut oder ger­ne Gleich­ge­sinn­te ken­nen­ler­nen möch­te, kann sich einem Natu­re Jour­nal Club anschlie­ßen.

Zum Weiterlesen und Mitmachen

Wer sich näher mit dem The­ma beschäf­ti­gen möch­te, dem kann ich die Inter­net­sei­te  von Vere­na Hill­gärt­ner www.wiederwilderwerden.de emp­feh­len.

Vere­na beschäf­tigt sich seit vie­len Jah­ren inten­siv mit Natu­re Jour­na­ling und ver­mit­telt ihre Begeis­te­rung für die Natur und das krea­ti­ve Ent­de­cken auch in ihrem beim Kos­mos Ver­lag erschie­ne­nen Buch „Natu­re Jour­na­ling – Dein Weg zu mehr Krea­ti­vi­tät, Natur­ver­bin­dung und Neu­gier“. Dar­in fin­det ihr zahl­rei­che Anre­gun­gen, Metho­den und prak­ti­sche Tipps für den Ein­stieg.

Außer­dem gibt es inzwi­schen vie­le Natu­re Jour­nal Clubs im deutsch­spra­chi­gen Raum, bei­spiels­wei­se auch in Ber­gisch Glad­bach. Wer ger­ne gemein­sam mit ande­ren die Natur erkun­den möch­te, soll­te unbe­dingt ein­mal bei einem sol­chen Tref­fen vor­bei­schau­en.

Viel­leicht ent­deckt ihr dabei nicht nur eine neue Art, die Natur wahr­zu­neh­men, son­dern auch Men­schen, mit denen ihr euch stun­den­lang über Käfer­bei­ne, Pilz­spo­ren oder eben Wolfs­lo­sung unter­hal­ten könnt.

Und denkt dar­an: Es geht nicht dar­um, ein per­fek­tes Bild zu zeich­nen. Es geht dar­um, neu­gie­rig zu blei­ben, genau hin­zu­schau­en und Spaß am Ent­de­cken zu haben!

Fotos: Caro­lin Pfeif­fer

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