Die Fahne gehört allen

VON KLAUS ULINSKI

Am Rat­haus in Wer­mels­kir­chen sol­len künf­tig häu­fi­ger Flag­gen wehen. So berich­te­te der WGA am 28. Okto­ber 2026 und die Ber­gi­sche Mor­gen­post am 24. Okto­ber 2026. Den Anstoß gab die gemein­sa­me Frak­ti­on von Zukunft Wer­mels­kir­chen und den ver­ei­nig­ten Wäh­ler­ge­mein­schaf­ten (VWG), die Bür­ger­meis­ter Bernd Hibst in einem Schrei­ben am 23. Okto­ber gebe­ten hat­te, die Flag­gen der Bun­des­re­pu­blik, das Lan­des Nord­rhein-West­fa­len und der Stadt dau­er­haft zu his­sen. Die Ant­wort kam prompt: die Ver­wal­tung habe sich die­sel­ben Gedan­ken gemacht und wer­de das so umset­zen. Offen ist nur noch, ob die Flag­gen dau­er­haft wehen oder nur an gro­ßen Flag­gen­ta­gen.

Den Anlass für den Vor­stoß lie­fer­te der Bun­des­trai­ner. Am 17. Sep­tem­ber 2026 gab Jür­gen Klopp bei der ers­ten Kader­no­mi­nie­rung als Bun­des­trai­ner am DFB Cam­pus in Frank­furt eine Grund­satz­re­de gegen rechts. Er wür­de sich ger­ne „die Fah­ne zurück­ho­len“ und „den Natio­nal­stolz nicht den fal­schen Leu­ten über­las­sen“, sag­te er. Er sei kein Poli­tik­ex­per­te, wis­se aber nicht mehr, ob man das Wort Natio­nal­stolz über­haupt benut­zen dür­fe, ohne miss­ver­stan­den zu wer­den, und spre­che des­halb lie­ber von einem posi­ti­ven Patrio­tis­mus. Aus­drück­lich ver­wies er auf die Land­tags­wahl in Sach­sen-Anhalt, bei der die AfD, stark Abschnitt, und auf die vie­len Men­schen, die dar­über erschro­cken waren. 

Die­sem Gedan­ken ist vor­be­halts­los zuzu­stim­men. Klopp unter­schei­det zwi­schen einem Patrio­tis­mus, der sich über das Land freut, und einem, der ande­re aus­grenzt. Er ver­langt nicht, Fah­nen zu schwen­ken, um jeman­den zu beein­dru­cken, son­dern so, dass nie­mand denkt, mit einem stim­me etwas nicht. Wer die Demo­kra­tie ver­tei­di­gen will, darf das Sym­bol die­ser Demo­kra­tie nicht den Lau­tes­ten über­las­sen. Gera­de im Herbst 2026, nach einer Land­tags­wahl, bei der die AfD stark Abschnitt, ist die­ser Satz wich­ti­ger als in ruhi­ge­ren Zei­ten. Dass die Stadt Flag­ge zeigt, ist des­halb ein gutes Signal.

Die Kri­tik rich­tet sich hier nicht gegen den Bun­des­trai­ner, son­dern gegen die Lehr­stel­le im Antrag VWG-Zukunft Wer­mels­kir­chen. Die Frak­ti­on nennt drei Flag­gen: die des Bun­des, des Lan­des und der Kom­mu­ne. Die Euro­pa­flag­ge kommt nicht vor. Das ist bemer­kens­wert, denn die Flag­ge Euro­pas steht für genau das, was Klopp mit sei­nem Satz meint: Frei­heit, Frie­den und ein Zusam­men­le­ben, das nicht an der Staats­gren­ze endet. Die Beflag­gungs­ver­ord­nung des Lan­des sieht vor, dass am Euro­pa­tag, dem 9. Mai, und an Wahl­ta­gen die Euro­pa­flag­ge neben Bun­des und Lan­des­flag­ge gezeigt wer­den soll, soweit mög­lich, und zwar an bevor­zug­ter Stel­le (§1  Abs. 3 der Beflag­gungs­ver­ord­nung NRW in der Fas­sung vom 12. Novem­ber 2014). Wer die Fah­ne zurück­ho­len will, soll­te also nicht bei den drei Flag­gen auf­hö­ren, die schon auf dem Ver­ord­nungs­pa­pier ste­hen.

Wie schnell so ein Sym­bol zum Streit­punkt wer­den kann, zeigt Frank­reich. Dort gibt es für Rat­häu­ser kei­ne gesetz­li­che Pflicht, die Euro­pa­flag­ge zu zei­gen, die Pra­xis beruht über­wie­gend auf Brauch und der wird fast über­all im Land gelebt. Im Früh­jahr 2026 lie­ßen aber neu gewähl­te Bür­ger­meis­ter des Ras­sem­blem­ent Natio­nal an ein­zel­nen Rat­häu­sern, die Euro­pa­flag­ge ent­fer­nen, und Mari­ne Le Pen unter­stütz­te die­ses Vor­ge­hen Berich­ten zufol­ge. Man muss Klopps Satz also nur ein Stück wei­ter den­ken: wer die Euro­pa­flag­ge vom Rat­haus holt, über­lässt das Sym­bol genau den fal­schen Leu­ten. Eine von der Natio­nal­ver­samm­lung 2023-beschlos­se­ne Pflicht zur Beflag­gung mit Tri­ko­lo­re und Euro­pa­flag­ge steck­te im Früh­jahr 2026 im Senat fest.

Die Fra­ge, ob die Flag­gen in Wer­mels­kir­chen dau­er­haft wehen sol­len, ist kei­ne For­ma­lie. Sie ist eine poli­ti­sche Ent­schei­dung, und sie gehört in den Rat, nicht nur auf die Zustim­mung einer Ver­wal­tung zu einem Schrei­ben aus der Frak­ti­on. Der Rat soll­te dabei auch klä­ren, wann die Euro­pa­flag­ge gezeigt wird, und zwar nicht nur am 9. Mai. Klopp hat recht, dass man die Fah­ne zurück­ho­len muss. Dann soll­te man sie aber gleich mit der Fah­ne Euro­pas holen.


Quel­len:

Bericht des WGA vom 28. Okto­ber 2026 zum Antrag der Frak­ti­on VWG/Zukunft; 

Bericht rp-Online: https://rp-online.de/nrw/staedte/wermelskirchen/flaggen-am-rathaus-wermelskirchen-plant-haeufigeres-hissen_aid-157116251

Beflag­gungs­ver­ord­nung NRW: https://recht.nrw.de/lrgv/rechtsverordnung/12112014-beflaggungsverordnung/

https://euronews.com/my-europe/2026/04/01/are-the-french-removing-the-eu-flag-from-public-buildings-and-is-it-illegal

https://www.assemblee-nationale.fr/dyn/16/textes/l16t0114_texte-adopte-seance.pdf

https://www.sport1.de/news/fussball/dfb-team/2026/09/klopp-will-sich-fahne-zurueckholen

https://www1.wdr.de/sport/fussball/klopp-aussagen-zustimmung-erstes-deutschlandspiel-100.html

Bild: Pri­vat Klaus Ulin­ski mit KI-Col­la­ge

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Kommentare

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2 Kommentare zu „Die Fahne gehört allen“

  1. Avatar von Henning Rehse
    Henning Rehse

    Wenn wer einen bis­lang nicht vor­han­de­nen vier­ten Mast spen­det, wäre auch noch einer für die Euro­pa­flag­ge frei 😉

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  2. Avatar von RA Stefan Markel
    RA Stefan Markel

    Hal­loooO?

    WAS für eine Fra­ge!

    Natür­lich dau­er­haft Fah­nen und Flag­gen! Oder soll es an der Abnut­zung der Far­ben schei­tern?

    Ich bin dau­er­haft Bür­ger eines frei­heit­lich-demo­kra­ti­schen, kul­tu­rell viel­fäl­ti­gen und wun­der­schö­nen (Bun­des-) Lan­des – und stolz auf die poli­ti­schen Errun­gen­schaf­ten der zwei­ma­li­gen Ein­heit, der Wei­ma­rer Repu­blik und der Bun­des­re­pu­blik seit 1949.

    Ich per­sön­lich schä­me mich nicht die men­schen­ver­ach­te­nen Taten wäh­rend der mora­li­schen Höl­le des Natio­nal­so­zia­lis­mus‘, weil ìch damals nicht leb­te, und die schreck­li­chen Ent­glei­sun­gen nicht mit­ge­stal­tet, gedul­det oder unter­stützt habe. Wer weiß, wie ich reagiert hät­te, wäre ich in die dama­li­ge schlei­chen­de Ent­wick­lung hin­ein­ge­bo­ren wor­den. Man kennt ja dann nichts ande­res mehr, und Vie­les fällt einem nicht mehr auf. Aller­dings sol­len all die vor­sätz­li­chen und fahr­läs­si­gen Täter, Mit­tä­ter und Bei­hel­fer sowie alle jene, die Hil­fe­leis­tung jeg­li­cher Art bewusst unter­las­sen haben, in Ewig­keit büßen.

    Umso mehr pas­se ich auf, Ent­wick­lun­gen wie damals nicht zu über­se­hen, so wie man Ver­än­de­run­gen im Spie­gel­bild nicht bemerkt, weil sie so schlei­chend sind. Der­zeit ähnelt des Vol­kes Wil­le wie­der dem des von den Nazis vor­ge­ge­be­nen. Wie­der wird dem “Volk” vor­ge­gau­kelt, dass man vie­le fet­te Pfrün­de auf­gibt, wenn man mit Ande­ren” teilt. Dass man Nutz­nie­ßer an Macht- und Geld­ge­winn sein kann, wenn man sich nur vehe­ment genug gegen “Frem­des” abschot­tet.

    Flaggt, flaggt so viel und so lan­ge Ihr könnt: Land; Bund, EU!

    Dan­ke, Wer­mels­kir­chen.

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