Der Wald, das Wasser und wir
Wer in diesem Sommer durch die Wälder rund um Wermelskirchen gegangen ist, hat es gesehen: trockene Fichten, kahle Hänge, wenig Nachwuchs, Böden, die den Regen nicht mehr halten. Die Feuerwehr hat nicht ohne Grund gewarnt und von der zweithöchsten Gefahrenstufe gesprochen. Was vor einigen Jahrzehnten selbstverständlich schien – ein stabiler Wald, ausgeglichene Wasserläufe, gesunde Böden -, ist heute keine Selbstverständlichkeit mehr.
Dass dies kein Wermelskirchener Sonderfall ist, hat das Umweltprogramm der Vereinten Nationen in dieser Woche noch einmal nüchtern festgestellt. Sein jüngster Bericht zur sogenannten Emissionslücke, also zum Abstand zwischen den erklärten Klimaziele und der tatsächlichen Politik, kommt zu dem Ergebnis, dass das Fenster für die Begrenzung der Erwärmung auf 1,5 Grad geschlossen ist. Möglich bleibe allein, das Überschreiten dieser Marke klein und kurz zu halten. Würden alle bisherigen Zusagen der Staaten erfüllt, stiege die Temperatur dennoch um 2,6 Grad; bei der gegenwärtigen Politik wären es 2,8 Grad. Um bei etwa 1,7 Grad zu bleiben, müssten die weltweiten Emissionen bis 2030 um 18 und bis 2045 um 45 Prozent sinken. Selbst dann, so der Bericht, würden Hitzewellen wie die der vergangenen Monate häufig und alltäglich, sie würden aber wenigstens nicht noch weit schlimmer.
Diese Systeme – Wald, Wasser, Boden – sind keine Kulisse. Sie sind die Grundlage, auf der alles andere steht. Der Wald speichert Wasser und kühlt die Luft; die Bäche und Rückhalteflächen entscheiden darüber, ob ein Starkregen abfließt oder in die Keller läuft; das Grün in der Stadt ist ein Ort der Erholung und, für viele, der seelischen Gesundheit. Eine Kommune, die ihre Natur schützt, schützt am Ende sich selbst.
Es lohnt, hier einen Gedanken einzuschieben, der über das Gärtnerische hinausgeht. Man kann Grenzen als Einschränkung erleben – oder als Form. Die Wupper, die Dhünn oder der Eifgenbach , dem man seine Aue lässt, ist kein gebändigter Fluss- oder Bachlauf, sondern ein Wasserlauf, der seine Arbeit tun kann. Ein Wald, der nicht bis an die letzte Reihe genutzt wird, trägt länger. Die Einsicht, dass ein lebendiges System eine bestimmte Gestalt braucht und sich nicht beliebig in jede Richtung dehnen lässt, ohne dass etwas verloren geht, ist keine Schwärmerei; sie ist die nüchterne Voraussetzung dafür, dass wir von diesen Systemen weiterleben können. Die Klimaforschung sagt dasselbe im Großen: Je weiter wir die Grenze überschreiten, desto größer wird die Gefahr, dass Kippunkte erreicht werden, die sich nicht mehr zurückholen lassen.
Und es gehört zur Ehrlichkeit, an die Kinder des Sommerprojekts „Kinderstadt“ zu erinnern, die vor dem Rathaus mit selbstgemalten Schildern standen und deren Anliegen mancher als übertrieben abtat. Wer draußen Hitze, Trockenheit und Waldbrände erlebt und darüber Sorge äußert, ist nicht aufgehetzt, sondern aufmerksam. Man muss die Schlüsse der Kinder nicht teilen; ihre Beobachtung teilt man, ob man will oder nicht. Der Potsdamer Klimaforscher Johan Rockström hat es in diesen Tagen so gefasst, die Wissenschaft sei eindeutig, und das Schließen der Lücke sei eine Frage des politischen Handelns, nicht fehlender Erkenntnis.
Naturschutz gilt so manchem oft als Luxus, den man sich in guten Jahren leistet und in Schlechten streicht. Das ist ein teurer Irrtum. Die renaturierte Bachaue, die entsiegelte Fläche, der klimafeste Waldumbau kosten heute Geld und sparen morgen ein Vielfaches, weil sie den Schaden verhindern, den zu bezahlen niemand eingeplant hat.
Wie gewaltig die Summen sind, über die wir dabei sprechen, zeigt eine Untersuchung der Kreditanstalt für Wiederaufbau von Anfang Oktober. Sie beziffert den Investitionsbedarf für die Klimaneutralität Deutschlands bis 2045 auf rund sechs Billionen Euro — im Durchschnitt 290 Milliarden Euro, Jahr für Jahr, mehr als das Zweieinhalbfache dessen, was bisher aufgebracht wurde. Der größte Teil entfällt auf Verkehr, Energie und Gebäude; der Wald kommt in dieser Rechnung nicht vor, und man darf ihre Zahlen deshalb nicht auf ihn übertragen.
Lehrreich ist sie trotzdem. Denn das Nichtstun ist keineswegs billig: Allein für fossile Energieeinfuhren fließen jährlich rund 81 Milliarden Euro ins Ausland, und für verfehlte Klimaziele könnten weitere 15 bis 38 Milliarden Euro an Zukäufen von Emissionsrechten anfallen. Zugleich soll die öffentliche Hand etwa ein Achtel des Bedarfs tragen, mit dem Schwerpunkt bei Ländern und Kommunen — bei genau jener Ebene also, die schon heute einen Investitionsrückstand von mehr als 230 Milliarden Euro vor sich herschiebt, fast so viel wie der Jahresbedarf der gesamten Klimaneutralität. Hier liegt der krasse Gegensatz: Was die energetische Erneuerung verlangt, trifft auf leere Kassen, und sie konkurriert mit dem Erhalt der Schulen, Straßen und Leitungen um dieselben Mittel.
Für Wermelskirchen heißt das: Die Frage, ob wir uns Bachrenaturierung, Entsiegelung und Waldumbau leisten können, ist falsch gestellt. Richtig lautet sie, wie wir die begrenzten Mittel so einsetzen, dass sie später Schäden verhindern, statt sie nur zu beseitigen. Die Studie mahnt dazu verlässliche Förderung und schnellere Verfahren an; beides liegt nicht in der Hand der Stadt, die Reihenfolge ihrer Entscheidungen aber sehr wohl. Und die Frist ist kürzer, als es die Jahreszahl 2045 vermuten lässt: Nach dem Bericht der Vereinten Nationen entscheidet sich der größte Teil in den kommenden vier Jahren.
Der Wald, das Wasser und wir – das ist keine Aufzählung von drei Dingen, sondern die Beschreibung eines einzigen Zusammenhangs, aus dem sich keiner der drei herauslösen lässt.
Quellen:
UNEP, Emissions Gap Report 2026, nach: Fiona Harvey, „World must cut emissions by 18% in four years ‚to find our way back‘, UN says“, The Guardian, 21.10.2026. https://www.theguardian.com/environment/2026/oct/21/world-cut-emissions-un-climate-crisis
KfW Research, Focus on Economics Nr. 561, 12.10.2026, „Germany on the pathway to climate neutrality – around EUR 6 trillion need to be invested“, Grundlage: Prognos (2026), „Investitionen für Klimaschutz“.
Bild: Privat Klaus Ulinski
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