Übergänge — Folge 8

Der Wald, das Was­ser und wir

Wer in die­sem Som­mer durch die Wäl­der rund um Wer­mels­kir­chen gegan­gen ist, hat es gese­hen: tro­cke­ne Fich­ten, kah­le Hän­ge, wenig Nach­wuchs, Böden, die den Regen nicht mehr hal­ten. Die Feu­er­wehr hat nicht ohne Grund gewarnt und von der zweit­höchs­ten Gefah­ren­stu­fe gespro­chen. Was vor eini­gen Jahr­zehn­ten selbst­ver­ständ­lich schien – ein sta­bi­ler Wald, aus­ge­gli­che­ne Was­ser­läu­fe, gesun­de Böden -, ist heu­te kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit mehr.

Dass dies kein Wer­mels­kir­che­ner Son­der­fall ist, hat das Umwelt­pro­gramm der Ver­ein­ten Natio­nen in die­ser Woche noch ein­mal nüch­tern fest­ge­stellt. Sein jüngs­ter Bericht zur soge­nann­ten Emis­si­ons­lü­cke, also zum Abstand zwi­schen den erklär­ten Kli­ma­zie­le und der tat­säch­li­chen Poli­tik, kommt zu dem Ergeb­nis, dass das Fens­ter für die Begren­zung der Erwär­mung auf 1,5 Grad geschlos­sen ist. Mög­lich blei­be allein, das Über­schrei­ten die­ser Mar­ke klein und kurz zu hal­ten. Wür­den alle bis­he­ri­gen Zusa­gen der Staa­ten erfüllt, stie­ge die Tem­pe­ra­tur den­noch um 2,6 Grad; bei der gegen­wär­ti­gen Poli­tik wären es 2,8 Grad. Um bei etwa 1,7 Grad zu blei­ben, müss­ten die welt­wei­ten Emis­sio­nen bis 2030 um 18 und bis 2045 um 45 Pro­zent sin­ken. Selbst dann, so der Bericht, wür­den Hit­ze­wel­len wie die der ver­gan­ge­nen Mona­te häu­fig und all­täg­lich, sie wür­den aber wenigs­tens nicht noch weit schlim­mer.

Die­se Sys­te­me – Wald, Was­ser, Boden – sind kei­ne Kulis­se. Sie sind die Grund­la­ge, auf der alles ande­re steht. Der Wald spei­chert Was­ser und kühlt die Luft; die Bäche und Rück­hal­te­flä­chen ent­schei­den dar­über, ob ein Stark­re­gen abfließt oder in die Kel­ler läuft; das Grün in der Stadt ist ein Ort der Erho­lung und, für vie­le, der see­li­schen Gesund­heit. Eine Kom­mu­ne, die ihre Natur schützt, schützt am Ende sich selbst.

Es lohnt, hier einen Gedan­ken ein­zu­schie­ben, der über das Gärt­ne­ri­sche hin­aus­geht. Man kann Gren­zen als Ein­schrän­kung erle­ben – oder als Form. Die Wup­per, die Dhünn oder der Eif­gen­bach , dem man sei­ne Aue lässt, ist kein gebän­dig­ter Fluss- oder Bach­lauf, son­dern ein Was­ser­lauf, der sei­ne Arbeit tun kann. Ein Wald, der nicht bis an die letz­te Rei­he genutzt wird, trägt län­ger. Die Ein­sicht, dass ein leben­di­ges Sys­tem eine bestimm­te Gestalt braucht und sich nicht belie­big in jede Rich­tung deh­nen lässt, ohne dass etwas ver­lo­ren geht, ist kei­ne Schwär­me­rei; sie ist die nüch­ter­ne Vor­aus­set­zung dafür, dass wir von die­sen Sys­te­men wei­ter­le­ben kön­nen. Die Kli­ma­for­schung sagt das­sel­be im Gro­ßen: Je wei­ter wir die Gren­ze über­schrei­ten, des­to grö­ßer wird die Gefahr, dass Kip­punk­te erreicht wer­den, die sich nicht mehr zurück­ho­len las­sen.

Und es gehört zur Ehr­lich­keit, an die Kin­der des Som­mer­pro­jekts „Kin­der­stadt“  zu erin­nern, die vor dem Rat­haus mit selbst­ge­mal­ten Schil­dern stan­den und deren Anlie­gen man­cher als über­trie­ben abtat. Wer drau­ßen Hit­ze, Tro­cken­heit und Wald­brän­de erlebt und dar­über Sor­ge äußert, ist nicht auf­ge­hetzt, son­dern auf­merk­sam. Man muss die Schlüs­se der Kin­der nicht tei­len; ihre Beob­ach­tung teilt man, ob man will oder nicht. Der Pots­da­mer Kli­ma­for­scher Johan Rock­ström hat es in die­sen Tagen so gefasst, die Wis­sen­schaft sei ein­deu­tig, und das Schlie­ßen der Lücke sei eine Fra­ge des poli­ti­schen Han­delns, nicht feh­len­der Erkennt­nis.

Natur­schutz gilt so man­chem oft als Luxus, den man sich in guten Jah­ren leis­tet und in Schlech­ten streicht. Das ist ein teu­rer Irr­tum. Die rena­tu­rier­te Bach­aue, die ent­sie­gel­te Flä­che, der kli­ma­fes­te Wald­um­bau kos­ten heu­te Geld und spa­ren mor­gen ein Viel­fa­ches, weil sie den Scha­den ver­hin­dern, den zu bezah­len nie­mand ein­ge­plant hat.

Wie gewal­tig die Sum­men sind, über die wir dabei spre­chen, zeigt eine Unter­su­chung der Kre­dit­an­stalt für Wie­der­auf­bau von Anfang Okto­ber. Sie bezif­fert den Inves­ti­ti­ons­be­darf für die Kli­ma­neu­tra­li­tät Deutsch­lands bis 2045 auf rund sechs Bil­lio­nen Euro — im Durch­schnitt 290 Mil­li­ar­den Euro, Jahr für Jahr, mehr als das Zwei­ein­halb­fa­che des­sen, was bis­her auf­ge­bracht wur­de. Der größ­te Teil ent­fällt auf Ver­kehr, Ener­gie und Gebäu­de; der Wald kommt in die­ser Rech­nung nicht vor, und man darf ihre Zah­len des­halb nicht auf ihn über­tra­gen.

Lehr­reich ist sie trotz­dem. Denn das Nichts­tun ist kei­nes­wegs bil­lig: Allein für fos­si­le Ener­gie­ein­fuh­ren flie­ßen jähr­lich rund 81 Mil­li­ar­den Euro ins Aus­land, und für ver­fehl­te Kli­ma­zie­le könn­ten wei­te­re 15 bis 38 Mil­li­ar­den Euro an Zukäu­fen von Emis­si­ons­rech­ten anfal­len. Zugleich soll die öffent­li­che Hand etwa ein Ach­tel des Bedarfs tra­gen, mit dem Schwer­punkt bei Län­dern und Kom­mu­nen — bei genau jener Ebe­ne also, die schon heu­te einen Inves­ti­ti­ons­rück­stand von mehr als 230 Mil­li­ar­den Euro vor sich her­schiebt, fast so viel wie der Jah­res­be­darf der gesam­ten Kli­ma­neu­tra­li­tät. Hier liegt der kras­se Gegen­satz: Was die ener­ge­ti­sche Erneue­rung ver­langt, trifft auf lee­re Kas­sen, und sie kon­kur­riert mit dem Erhalt der Schu­len, Stra­ßen und Lei­tun­gen um die­sel­ben Mit­tel.

Für Wer­mels­kir­chen heißt das: Die Fra­ge, ob wir uns Bach­re­natu­rie­rung, Ent­sie­ge­lung und Wald­um­bau leis­ten kön­nen, ist falsch gestellt. Rich­tig lau­tet sie, wie wir die begrenz­ten Mit­tel so ein­set­zen, dass sie spä­ter Schä­den ver­hin­dern, statt sie nur zu besei­ti­gen. Die Stu­die mahnt dazu ver­läss­li­che För­de­rung und schnel­le­re Ver­fah­ren an; bei­des liegt nicht in der Hand der Stadt, die Rei­hen­fol­ge ihrer Ent­schei­dun­gen aber sehr wohl. Und die Frist ist kür­zer, als es die Jah­res­zahl 2045 ver­mu­ten lässt: Nach dem Bericht der Ver­ein­ten Natio­nen ent­schei­det sich der größ­te Teil in den kom­men­den vier Jah­ren.

Der Wald, das Was­ser und wir – das ist kei­ne Auf­zäh­lung von drei Din­gen, son­dern die Beschrei­bung eines ein­zi­gen Zusam­men­hangs, aus dem sich kei­ner der drei her­aus­lö­sen lässt.


Quel­len:

UNEP, Emis­si­ons Gap Report 2026, nach: Fio­na Har­vey, „World must cut emis­si­ons by 18% in four years ‚to find our way back‘, UN says“, The Guar­di­an, 21.10.2026. https://www.theguardian.com/environment/2026/oct/21/world-cut-emissions-un-climate-crisis

KfW Rese­arch, Focus on Eco­no­mics Nr. 561, 12.10.2026, „Ger­ma­ny on the pathway to cli­ma­te neu­tra­li­ty – around EUR 6 tril­li­on need to be inves­ted“, Grund­la­ge: Pro­g­nos (2026), „Inves­ti­tio­nen für Kli­ma­schutz“.


Bild: Pri­vat Klaus Ulin­ski


Hier fin­den Sie eine Über­sicht der Kolum­ne “Über­gän­ge” von Klaus Ulin­ski

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Kommentare

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3 Kommentare zu „Übergänge — Folge 8“

  1. Avatar von Klaus Ulinski
    Klaus Ulinski

    Lie­ber Richard,

    du bezeich­nest den Bei­trag als sach­lich falsch. Das ist ein schwe­rer Vor­wurf, und er ver­dient eine eben­so genaue Prü­fung. Des­halb bit­te ich dich, die Aus­sa­ge zu benen­nen, die du für unzu­tref­fend hältst. Der Hin­weis, das The­ma könn­te ein eige­nes Buch fül­len, ersetzt die­se Prü­fung nicht. Der Arti­kel stützt sich auf Anga­ben des Umwelt­pro­gramms der Ver­ein­ten Natio­nen zu den Kli­ma­zie­len und auf eine Unter­su­chung der KfW zum Inves­ti­ti­ons­be­darf bis 2045. Hältst du die­se Zah­len für falsch, nen­ne bit­te die Quel­le, auf die du dich stützt. Dann lässt sich in der Sache strei­ten.
    Auch der Hin­weis auf die Stadt­fi­nan­zen führt nur wei­ter, wenn du eine abwei­chen­de Zahl nennst. Der Bei­trag beschreibt einen Inves­ti­ti­ons­rück­stand der Kom­mu­nen von über 230 Mil­li­ar­den Euro. Eine blo­ße Fest­stel­lung ist kein Gegen­ar­gu­ment.
    Begrif­fe wie „Fos­sil­ma­fia“ oder der Vor­wurf, Akteu­re der Stadt sei­en ver­strickt, ver­schie­ben die Aus­ein­an­der­set­zung von der Sache zur Per­son. Das soll­ten wir gera­de jetzt ver­mei­den. Der Som­mer 2026 hat nach einer Unter­su­chung des Impe­ri­al Col­lege Lon­don und der Lon­don School of Hygie­ne & Tro­pi­cal Medi­ci­ne in euro­päi­schen Städ­ten rund 50.000 hit­ze­be­ding­te Todes­fäl­le gefor­dert. Etwa zwei Drit­tel davon, so die Autoren, sind dem men­schen­ge­mach­ten Kli­ma­wan­del zuzu­schrei­ben. Ange­sichts die­ser Zahl ver­bie­tet sich ein Ton, der spal­tet. Den Opfern schul­den wir, dass wir auch dort sach­lich strei­ten, wo wir poli­tisch nicht über­ein­stim­men, und dabei im Gespräch blei­ben. Dein Bei­trag ist in die­sem Gespräch will­kom­men, wenn er mit Bele­gen geschieht.

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  2. Avatar von Richard Kranz
    Richard Kranz

    Net­ter Ver­such, aber reich­lich ober­fläch­lich und auch SACHLICH FALSCH! Allein mit dem The­ma “BEW, RWE, Kli­ma­schutz und Stadt­fi­nan­zen” könn­te ich ein dickes Buch fül­len; dafür ist hier kein Platz. Wenn die spd Wer­mels­kir­chen in ihrem jüngs­ten Antrag zu “Hit­ze-Vor­sor­ge” für den MIST, den sie in der Ver­gan­gen­heit ver­bro­chen hat, um Ver­zei­hung bit­tet, dann steckt dar­in sowohl ein (ers­ter?) Fun­ke Ein­sicht als auch ein ers­ter Krat­zer an ihrer Über­heb­lich­keit gegen­über einer über­wäl­ti­gen­den Fak­ten­la­ge, die ja nicht erst seit Sep­tem­ber 2026 bekannt ist (bes­ser: sein soll­te); aber immer­hin! Von der hoff­nungs­los in die kri­mi­nel­len Machen­schaf­ten der Fos­sil­ma­fia ver­strick­ten Pseu­do-Chris­ten und der von ihnen ver­seuch­ten Stadt­ver­wal­tung ist der­glei­chen ver­mut­lich noch lan­ge nicht zu erwar­ten.

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    1. Avatar von Lutz Balschuweit

      Hal­lo Richard, war­um ist hier kein Platz? Du kannst wie jede/r ande­re ger­ne einen Mei­nungs­bei­trag ein­rei­chen. Ein­fach an info@forumwk.de sen­den.

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