Die offene Rechnung

War­um Jugend gehört wer­den muss

Von KLAUS ULINSKI

Empö­rung ist kein Gefühl, dass man sich abge­wöh­nen soll­te, wenn die Fak­ten auf dem Tisch lie­gen. Und sie lie­ben offen vor uns. Das UM Umwelt­pro­gramm (UNEP) misst seit 2010 jähr­lich, wie weit die Staa­ten hin­ter hren Kli­ma­zie­len zurück­blei­ben. Der Bericht von 2025 kommt zu dem Schluss: Mit den heu­te zuge­sag­ten Maß­nah­men erwärmt sich die Erde um 2,3–2,5 Grad. Um die Mar­ke von 1,5 Grad noch zu hal­ten, müss­ten die Emis­sio­nen bis 2035 gegen­über 2019 um rund 55 Pro­zent fal­len. Der Bericht von 2026 ver­langt, sie bis zum Ende des Jahr­zehnts gegen­über 2025 um 18 Pro­zent zu sen­ken, und errech­net bereits mit einer zeit­wei­sen Über­schrei­tung der 1,5‑Grad-Marke. So berich­te­te es der Guar­di­an am 21. Okto­ber unter Beru­fung auf die Ver­ein­ten Natio­nen. Wer das liest und ruhig bleibt, hat den Ernst der Lage nicht ver­stan­den. Wer die Hän­de in den Schoß legt, hat die Rech­nung nicht ver­stan­den, die hier gestellt wird.

Die­se Rech­nung ist nicht neu, und das macht sie so bit­ter. Die KfW hat den Bedarf für die Kli­ma Neu­tra­li­tät bis 2045 schon 2021 auf rund fünf Bil­lio­nen Euro bezif­fert. In die­sem Herbst sind es sechs. Der Unter­schied erklärt sich vor allem durch Preis­stei­ge­run­gen. Wer war­tet, zahlt also mir für die sel­be Auf­ga­be, und wer war­tet, ver­schiebt die Kos­ten auf die­je­ni­gen, die noch nicht wäh­len dür­fen. Das ist der Kern der Empö­rung, die ich mei­ne: Nicht über ein­zel­ne Sät­ze in einer Rede, son­dern über ein Mus­ter, das seit Jah­ren erkenn­bar ist und das die heu­te Ver­ant­wort­li­chen wei­ter fort­set­zen.

Hier liegt der eigent­li­che Zorn. Die Älte­ren, die heu­te in Rat, Land­tag, Bun­des­tag und Regie­rung ent­schei­den, wer­den die Fol­gen ihrer Ent­schei­dun­gen in der Regel nicht mehr selbst tra­gen. Die Jun­gen tra­gen sie. Wer heu­te die Inves­ti­tio­nen auf­schiebt, Vor­la­gen über Zukunft in Aus­schüs­se ver­weist, die sich nicht zustän­dig füh­len, oder Fra­gen nach der lang­fris­ti­gen Finan­zie­rung als Stö­rung behan­delt, der beur­teilt die Zukunft nach dem eige­nen Man­dat und nicht nach der Lebens­zeit derer, die sie erben. Das ist kei­ne böse Absicht, aber es ist eine Schief­la­ge, und sie wird nicht klei­ner, wenn man sie höf­lich über­geht.

Auch in Wer­mels­kir­chen sieht man das. Die Stadt­ver­wal­tung selbst beschreibt die Feu­er- und Ret­tungs­wa­che seit Jah­ren als aus­ge­reizt. Die Gerä­te­häu­ser ent­spre­chen nicht mehr über­all den Anfor­de­run­gen an Sicher­heit. Die Schu­len tra­gen einen Sanie­rungs­stau, der sich über Jah­re auf­ge­baut hat. Im Juli rief die Feu­er­wehr wegen Tro­cken­heit die zweit­höchs­te Warn­stu­fe aus. Zugleich sin­ken die Mit­tel für den Umwelt­schutz. Der Schul­den­stand soll sich bis 2030 mehr als ver­sechs­fa­chen. Die Ver­wal­tung hält eine bilan­zi­el­le Über­schul­dung ab 2031 für mög­lich. Auf Umwelt und Jugend ant­wor­te­te der Zukunfts­aus­schuss mit dem Hin­weis, dafür sei er nicht zustän­dig. Wer so han­delt, gestal­tet kei­ne Zukunft. Er dele­giert sie.

Die Empö­rung rich­tet sich weni­ger gegen ein­zel­ne Ent­schei­dun­gen als gegen eine Hal­tung. Eine her­ab­las­sen­de Auf­fas­sung macht sich breit: Infor­ma­tio­nen sei­en eine Hol­schuld des Bür­gers, kei­ne Bring­schuld der Poli­tik. Wer wis­sen will, was mit sei­nem Geld geschieht, muss suchen, nach­fra­gen und war­ten. Wer inhalt­lich fragt, hört zu oft den Hin­weis auf Zustän­dig­kei­ten, Ver­fah­rens­ab­läu­fe und Fris­ten. Die Fra­ge wird nicht beant­wor­tet, son­dern wei­ter­ge­reicht. Jeder Ver­weis mag für sich kor­rekt sein. In der Sum­me lernt der Bür­ger etwas ande­res: Sei­ne Stadt ist nicht sei­ne Sache. So ent­steht Ent­frem­dung. Wer zehn­mal fragt und zehn­mal an die Ver­wal­tung ver­wie­sen wird, fragt irgend­wann nicht mehr. Aus­kunft ist kei­ne Gna­de. Sie ist Pflicht.

Der Bogen zu die­ser Debat­te führt über zwei Bücher, die man mit­ein­an­der lesen soll­te. Sté­pha­ne Hes­sel, Jahr­gang 1917, kämpf­te als jun­ger Mann in der fran­zö­si­schen Résis­tance, über­leb­te das Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Buchen­wald und wirk­te spä­ter an der All­ge­mei­nen Erklä­rung der Men­schen­rech­te mit. Im Jahr 2010 ver­öf­fent­lich­te er unter dem Titel „Empört euch!“ eine kur­ze Streit­schrift. Dar­in rief er jun­ge Men­schen auf, sich über Unge­rech­tig­keit zu empö­ren und dar­aus Enga­ge­ment zu machen. Sein Vor­bild war das Pro­gramm des Wider­stands­ra­tes von 1944, das sozia­le Siche­rung, eine unab­hän­gi­ge Pres­se und glei­che Bil­dungs­chan­cen ver­lang­te. Für Hes­sel war die Empö­rung also der Anfang einer For­de­rung, nicht deren Er Ersatz.

Omid Nou­ri­pour, Bun­des­tags­vi­ze­prä­si­dent und frü­he­rer Vor­sit­zen­der der Grü­nen, hat 2026 mit „Empört euch nicht!“ geant­wor­tet. Sei­ne Dia­gno­se lau­tet, dass aus dem Weck­ruf eine Dau­er­schlei­fe gewor­den ist, in der die Empö­rung mehr Reich­wei­te bringt als Lösun­gen und den Kom­pro­miss ver­drängt. Er ver­langt Anstand, den Wider­spruch ande­rer und die Bereit­schaft, Kom­ple­xi­tät aus­zu­hal­ten. Bei­de Bücher gehen also von der­sel­ben Sor­ge um das Gemein­we­sen aus und unter­schei­den sich nur in der Fra­ge, wann Empö­rung nützt und wann sie scha­det. Hes­sel und Nou­ri­pour haben dar­in bei­de recht, und bei­de grei­fen zu kurz, wenn man sie gegen­ein­an­der aus­spielt. Empö­rung wird erst dann wirk­sam, wenn sie Gestalt annimmt: Wenn sie sich auf belast­ba­re Tat­sa­chen stützt, sich an bestimm­te Adres­sen ein­rich­tet und For­de­run­gen stellt, die man prü­fen kann. Eine so ver­stan­de­ne Empö­rung ist der Gegen­ent­wurf zum Geschrei, dass Nou­ri­pour kri­ti­siert, und sie ist die Ant­wort auf die Untä­tig­keit, die Hes­sel mein­te.

Frank­reich zeigt, wie es schief­ge­hen kann. Dort haben Schü­le­rin­nen und Schü­ler im Herbst Schu­len blo­ckiert, weil Klas­sen über­füllt und Leh­rer knapp sind. Der Pro­test ist mit dem Unmut über den Spar­haus­halt und die Lebens­hal­tungs­kos­ten zusam­men­ge­wach­sen, und am 17. Okto­ber ent­lud sich die Wut in Plün­de­run­gen und Brän­den. Die Ant­wort des Staa­tes rich­tet sich vor allem auf die Gewalt. Zuge­ständ­nis­se in der Sache blie­ben aus. Das ist kein Grund, Pro­test zu fürch­ten. Es ist ein Grund, Jugend nicht erst dann zu hören, wenn sie nicht mehr anders gehört wer­den kann.

In Deutsch­land wol­len jun­ge Men­schen am 31. Okto­ber in ein­und­zwan­zig Städ­ten auf die Stra­ße gehen. Die Bewe­gung »Gen Z regelt« for­dert mehr Geld für Schu­len und The­ra­pie, eine fai­re Las­ten­ver­tei­lung bei Spar­maß­nah­men, Kli­ma­schutz jetzt und Mit­be­stim­mung. Sie lehnt die Wehr­pflicht ab und distan­ziert sich aus­drück­lich von jeder Gewalt. Man muss ihre For­de­run­gen nicht in allen Punk­ten tei­len, um zu sehen, dass hier nicht Wut um Ihrer selbst wil­len spricht, son­dern der Ver­such, Gehör für eine Rech­nung zu fin­den, die ande­re auf­ge­macht haben. Ob die Bewe­gung über den Pro­test­tag hin­aus Bestand hat, wird sich zei­gen. Die Poli­tik soll­te sie aller­dings nicht danach beur­tei­len, wie laut sie ist, son­dern danach, was sie sagt.

Ein letz­tes noch, und es rich­tet sich auch an uns selbst. Es sind nicht nur die Rats­sä­le, in denen Ver­ant­wor­tung ver­sagt. Wir alle haben Sit­zun­gen ver­passt, Vor­la­gen nicht gele­sen und Fra­gen unter­las­sen. Das ent­schul­digt nie­man­den in der Poli­tik. Es zeigt aber, wie leicht Ver­ta­gen zur Gewohn­heit wird, wenn nie­mand den Ter­min ein­for­dert.

Die jun­ge Gene­ra­ti­on ver­langt kei­ne Gna­de. Sie ver­langt, Ant­wor­ten, Zah­len und Zeit­plä­ne, und sie ver­langt, dass ihre Stim­me in den Ent­schei­dun­gen vor­kommt, die ihre Zukunft bestim­men. Wer ihr das ver­wei­gert, ver­wei­gert auch die Ein­sicht, das Empö­rung ein Anfang ist und kein Ende.

Gehört wer­den ist kein Geschenk.


Quel­len:

Umwelt­pro­gramm der Ver­ein­ten Natio­nen (UNEP): Emis­si­ons Gap Report 2025 (2,3 bis 2,5 Grad; 55 Pro­zent bis 2035 für 1,5 Grad). https://unep.org/resources/emissions-gap-report

Fio­na Har­vey: „World must cut emis­si­ons by 18% in four years ‚to find our way back‘, UN says“, The Guar­di­an, 21. Okto­ber 2026. https://www.theguardian.com/environment/2026/oct/21/world-cut-emissions-un-climate-crisis

KfW Rese­arch, Focus on Eco­no­mics Nr. 561, 12. Okto­ber 2026. 

KfW-Pres­se­mit­tei­lung vom 7. Okto­ber 2021 (rund fünf Bil­lio­nen Euro bis 2045). https://www.kfw.de/Über-die-KfW/Newsroom/Aktuelles/Pressemitteilungen-Details_673344.html

Stadt Wer­mels­kir­chen, Ent­wurf des Dop­pel­haus­halts 2026/2027,

Sté­pha­ne Hes­sel: Empört euch! Ber­lin 2011.

Omid Nou­ri­pour: Empört euch nicht! Ber­lin 2026.

Gen Z regelt: Posi­ti­ons­pa­pier und Impres­sum. https://genz-regelt.de/impressum/

Bild: Pri­vat Klaus Ulin­ski

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