Nicht nur dagegen

VON KLAUS ULINSKI

Wer­mels­kir­chen | Am Mitt­woch­abend tra­fen sich im Bahn­damm Enga­gier­te des Akti­ons­bünd­nis­ses „Wer­mels­kir­chen gegen rechts“ und eini­ge Gäs­te zum ers­ten Stamm­tisch, und wer mit der Erwar­tung gekom­men war, es wer­de ein Abend der Empö­rung, sah sich rasch eines Bes­se­ren belehrt. Es wur­de dis­ku­tiert, gele­gent­lich auch mit Kul­tur debat­tiert, es wur­de erzählt, geplant und ver­wor­fen; vor allem aber wur­de eine Fra­ge gestellt, die in der Run­de mehr­fach wie­der­kehr­te: Wie zeigt man in die­ser Stadt, daß die gro­ße Mehr­heit ihrer Bür­ge­rin­nen und Bür­ger demo­kra­tisch denkt und fühlt – und wie zeigt man es so, daß es nicht als Kampf­an­sa­ge, son­dern als Ein­la­dung ver­stan­den wird?

Die Ant­wort, auf die man sich im Kern ver­stän­dig­te, läßt sich in einem Satz sagen: Man darf nicht nur dage­gen sein. Wer allein gegen etwas auf­tritt, über­läßt denen, gegen die er auf­tritt, die Deu­tung der Lage. Die extre­me Rech­te lebt davon, unser Land, unse­re Regi­on und unse­re Stadt schlecht­zu­re­den; sie zeich­net ein Bild, in dem alles bedroht, alles ver­fal­len und alles ver­lo­ren ist, und sie benennt auch gleich die Schul­di­gen. Dem, so der Tenor des Abends, sei nicht mit Gegen­em­pö­rung zu begeg­nen, son­dern mit dem Gegen­bild – mit dem, was die­se Stadt und die­ses Land tat­säch­lich aus­macht: eine Demo­kra­tie, die Streit aus­hält und Ver­fah­ren kennt; eine Viel­falt, in der Men­schen unter­schied­li­cher Her­kunft, unter­schied­li­chen Alters und unter­schied­li­cher Lebens­form neben­ein­an­der und mit­ein­an­der leben; eine Frei­heit, die jedem gehört und des­halb auch jedem zuge­mu­tet wer­den darf. Das alles ist nicht links und nicht rechts. Es ist, und das wur­de aus­drück­lich betont, ein gemein­sa­mes Anlie­gen, und es muß auch als gemein­sa­mes sicht­bar wer­den.

Sicht­bar – das war das Stich­wort des ers­ten Teils. Ein Teil­neh­mer berich­te­te, er kle­be Tag für Tag Auf­kle­ber, die meist schon am Nach­mit­tag wie­der ent­fernt sei­en; eine Fah­ne dage­gen, aus dem Fens­ter gehängt, blei­be hän­gen, und gemeint war damit die Regen­bo­gen­fah­ne, das Zei­chen für Viel­falt und für die Frei­heit, zu leben und zu lie­ben, wie man ist. Fünf­hun­dert Haus­hal­te mit einer sol­chen Fah­ne – das wäre im Stadt­bild kaum zu über­se­hen. Es fiel aber auch der Hin­weis, daß Sicht­bar­keit ihren Preis haben kann: Geschil­dert wur­de das Auto eines Men­schen, der sich öffent­lich und erkenn­bar gegen Rechts posi­tio­niert und des­sen Wagen bespuckt wor­den sei; seit­her wacht eine Kame­ra über dem Haus­ein­gang. Wer sich zeigt, braucht also Rück­halt, und Rück­halt ent­steht nur dort, wo vie­le sich zei­gen.

Wie aber erreicht man jene, die der AfD ihre Stim­me geben? Hier, man muß es so deut­lich sagen, herrsch­te kei­ne Einig­keit, und das ist dem Abend nicht zum Nach­teil aus­zu­le­gen. Die einen mein­ten, mit dem Wort „Demo­kra­tie“ allein sei bei die­sen Wäh­lern nichts zu gewin­nen, sie such­ten den star­ken Mann; man müs­se die sozia­le Fra­ge beset­zen, vom Abbau des Sozi­al­staats und von Lohn­ge­fäl­len spre­chen, denn sonst über­las­se man das Feld den ande­ren. Die ande­ren hiel­ten dage­gen, min­des­tens ein Fünf­tel die­ser Wäh­ler habe ein gefes­tig­tes Welt­bild, dem mit sozi­al­po­li­ti­schen Argu­men­ten nicht bei­zu­kom­men sei, und die CDU stär­ke die AfD, solan­ge sie deren The­men auf­grei­fe. Dazwi­schen stan­den jene, die auf die Viel­falt der Moti­ve ver­wie­sen und auf die Erfah­rung, daß schon das Gespräch selbst etwas wert ist: Ein Teil­neh­mer erzähl­te, er sei ein Jahr lang mit einer AfD-wäh­len­den Bekann­ten spa­zie­ren­ge­gan­gen, ohne ein ein­zi­ges Mal über Poli­tik zu reden, und es habe sich gelohnt. Ist das Nai­vi­tät? Oder ist es genau die Geduld, die eine Demo­kra­tie ihren Bür­gern abver­langt?

Aus die­ser Hal­tung her­aus ent­stan­den die Ideen für Aktio­nen, und man wird ihnen anmer­ken, daß sie alle dem­sel­ben Gedan­ken fol­gen: zei­gen, wofür man steht, statt nur zu sagen, woge­gen. Es sind Ein­fäl­le vol­ler Phan­ta­sie, frisch und bewußt uner­war­tet gedacht, und sie sol­len vor allem eines leis­ten: jun­ge Men­schen und jung geblie­be­ne aus­drück­lich anspre­chen und ihnen ein posi­ti­ves Bild von die­ser Stadt anbie­ten, in dem Viel­falt kei­ne Zumu­tung, son­dern ein Gewinn ist. Eben­so soll es Bür­ge­rin­nen und Bür­gern aus dem kon­ser­va­ti­ven Umfeld leicht­fal­len, sich dabei wie­der­zu­fin­den. Wie das im ein­zel­nen aus­se­hen wird, soll an die­ser Stel­le noch nicht ver­ra­ten wer­den; eine Über­ra­schung, die vor­her bekannt ist, ist kei­ne mehr, und davon leben die­se Aktio­nen. Nur soviel sei gesagt: Wer ein­lädt, statt aus­zu­gren­zen, braucht kei­ne gro­ßen Wor­te, und manch­mal genügt es, daß einer anfängt und ande­re ein­stim­men..

Bespro­chen wur­de fer­ner ein eige­ner Chris­to­pher Street Day in Wer­mels­kir­chen. Ein Gast aus Rem­scheid, wo „Rem­scheid Tole­rant“ zugleich als Ver­ein und als locke­res Akti­ons­bünd­nis arbei­tet, erklär­te, man kön­ne ihn als Pri­vat­per­son anmel­den; gebraucht wür­den vor allem eine Gemein­schaft vor Ort und ein Ter­min, der zu den Nach­bar­städ­ten paßt. Er erzähl­te vom ers­ten CSD in Rem­scheid, bei dem ein schwu­les Paar, das sich zuvor nie getraut hat­te, in der Öffent­lich­keit Hand in Hand zu gehen, im geschütz­ten Raum die­ser Ver­an­stal­tung genau das zum ers­ten Mal tat und sich dabei, end­lich ein­mal, sicher und befreit fühl­te; man ver­stand, war­um ihn sol­che Augen­bli­cke antrei­ben. Das Regen­bo­gen­sym­bol, so sein Hin­weis, sei ver­fas­sungs­treu, christ­lich wie jüdisch zu lesen und ein Zei­chen dafür, daß man hier Hil­fe fin­det. Wer immer in Wer­mels­kir­chen lebt und liebt, wie er es eben tut, soll wis­sen, daß die­se Stadt auch sei­ne ist – mehr will ein sol­cher Tag im Grun­de nicht sagen.

Zu den prak­ti­schen Fol­ge­run­gen gehört die Ver­ab­re­dung, sich künf­tig ein­mal im Monat zu tref­fen, um ein­an­der ken­nen­zu­ler­nen und Ver­trau­en auf­zu­bau­en, bevor die ers­te grö­ße­re Akti­on geplant wird. Als mög­li­cher Rah­men wur­de die Inter­na­tio­na­le Woche gegen Ras­sis­mus im März genannt, kurz vor der Wahl im Früh­jahr 2027. Eine Tele­fon­lis­te mach­te die Run­de, der nächs­te Ter­min steht noch nicht fest, und ob sich das Bünd­nis eine fes­te Rechts­form geben soll, wur­de gefragt, aber nicht ent­schie­den. Es gebe, hieß es aus Rem­scheid, einen ein­fa­chen Grund­satz für das Gelin­gen: lie­ber eine Ver­an­stal­tung, zu der alle ihre Leu­te mit­brin­gen, als zehn mit je zehn Besu­chern. Dafür müs­se man das eige­ne Ego ein wenig zurück­stel­len.

Ein letz­tes noch. Meh­re­re Anwe­sen­de berich­te­ten, sie stie­ßen bei Stadt und Ver­ei­nen auf das Neu­tra­li­täts­ge­bot, sobald sie eine Ver­an­stal­tung auf die Bei­ne stel­len wol­len. Der Ein­wand der Run­de war beden­kens­wert: Neu­tra­li­tät hei­ße nicht, kei­ne Mei­nung zu haben. Wer die frei­heit­lich-demo­kra­ti­sche Grund­ord­nung ver­tei­di­ge, ergrei­fe kei­ne Par­tei, und gera­de eine Ver­wal­tung dür­fe hier nicht gleich­gül­tig sein. Man kann das so sehen, man soll­te es jeden­falls in aller Ruhe erör­tern – in der Stadt, im Rat und in den Ver­ei­nen.

Was bleibt von die­sem Abend? Kei­ne Beschlüs­se, son­dern Ideen, kei­ne Einig­keit über alle Wege, wohl aber über das Ziel. Wer­mels­kir­chen muß nicht gegen das Zerr­bild anschrei­en, das ande­re von ihm zeich­nen; es genügt, sich selbst zu zei­gen, und zwar so, wie es ist: viel­fäl­tig, frei und demo­kra­tisch – und dar­auf, mit Ver­laub, darf man auch stolz sein.

Stolz, nicht laut. Aber hör­bar.

Titel­bild: Mit freund­li­cher Erlaub­nis des Akti­ons­bünd­nis “Wer­mels­kir­chen gegen rechts”

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