Zurück in den Krieg…

15 jun­ge Fuß­bal­ler aus der ukrai­ni­schen Front­stadt Dni­pro erleb­ten unbe­schwer­te Tage beim 1. FC Köln. Jetzt müs­sen sie zurück in eine Hei­mat, in der selbst ein Fuß­ball­trai­ning lebens­ge­fähr­lich wer­den kann.

Mir schnürt es die Keh­le zu. Fünf­zehn Kin­der ste­hen an die­sem grau­en, nass­kal­ten Okto­ber­mor­gen am Bus­bahn­hof des Flug­ha­fens Köln/Bonn. Vier­zehn Jun­gen und ein Mäd­chen, zwi­schen zwölf und vier­zehn Jah­re alt. Fuß­ball begeis­ter­te Kin­der aus Dni­pro, einer ukrai­ni­schen Mil­lio­nen­stadt, die seit fast 5 Jah­ren rus­si­schen Angrif­fen aus­ge­setzt ist.

Sie rufen mei­nen Namen. Einer nach dem ande­ren kommt auf mich zu, umarmt mich, drückt mich fest. Man­che lächeln, ande­re wir­ken nach­denk­lich. Viel­leicht ahnen sie, wie schwer mir die­ser Abschied fällt.

Denn die­se Kin­der fah­ren nicht ein­fach nach Hau­se. Sie fah­ren zurück in den Krieg. Sie erle­ben Din­ge, die kein Kind erle­ben darf.

In weni­gen Minu­ten wird der Flix­bus ein­tref­fen. Eine Rei­se von rund 48 Stun­den liegt vor ihnen und ihren drei Beglei­tern. Am Ende war­tet ihre Hei­mat­stadt Dni­pro. Dort gehö­ren Luft­alarm, Droh­nen­an­grif­fe und Explo­sio­nen zum All­tag. Dort ist nichts selbst­ver­ständ­lich. Nicht ein­mal das, was für Kin­der in Deutsch­land so nor­mal ist: drau­ßen Fuß­ball zu spie­len, ohne um sein Leben fürch­ten zu müs­sen.

Das feuch­te Grau die­ses Okto­ber­mor­gens passt zu mei­ner Stim­mung.

Sieben Tage ohne Krieg

Eine Woche lang durf­ten die fünf­zehn Nach­wuchs­spie­ler des Peo­p­les Sports Club aus Dni­pro Frie­den erfah­ren.

Sie waren Gäs­te der Jugend-Fuß­ball­schu­le des 1. FC Köln. Ein eigens auf sie abge­stimm­tes Trai­nings­pro­gramm ermög­lich­te ihnen, ihrer gro­ßen Lei­den­schaft nach­zu­ge­hen. Sie trai­nier­ten, spiel­ten, lach­ten, hat­ten Spaß und sam­mel­ten Ein­drü­cke, die sie nicht ver­ges­sen wer­den.

Sie­ben Tage ohne krei­schen­de Sire­nen. Ohne das furcht­erre­gen­de Geräusch her­an­na­hen­der Droh­nen. Ohne Ein­schlä­ge in der Nach­bar­schaft. Ohne die Angst, dass aus einem ganz gewöhn­li­chen Augen­blick plötz­lich ein Kampf ums Über­le­ben wird.

Sie­ben Tage Fuß­ball und Kind sein.

Yaros­lav, einer ihrer Betreu­er, erzählt mir, wie außer­ge­wöhn­lich die­ses Erleb­nis für die jun­gen Sport­ler ist. Eine gan­ze Woche ohne Luft­alarm, ohne Bedro­hung, ohne die stän­di­ge Bereit­schaft, Schutz suchen zu müs­sen.

Allein dafür, sagt er, habe sich die lan­ge und stra­pa­ziö­se Rei­se gelohnt.

Mich lässt die­ser Gedan­ke nicht los.

Wir spre­chen hier so selbst­ver­ständ­lich über Frie­den. Für uns ist er der Nor­mal­zu­stand. Wir ärgern uns über das Wet­ter, über Ver­spä­tun­gen, über die klei­nen Unan­nehm­lich­kei­ten des All­tags.

Die­se Kin­der dage­gen haben in Köln etwas erlebt, das für uns kaum der Erwäh­nung wert wäre: Sie konn­ten mor­gens auf­ste­hen, früh­stü­cken, zum Trai­ning fah­ren und abends schla­fen gehen, ohne Angst vor dem nächs­ten Angriff haben zu müs­sen.

Viel­leicht haben sie gera­de in die­sen Tagen zum ers­ten Mal ganz bewusst erfah­ren, wie groß der Unter­schied zwi­schen Krieg und Frie­den tat­säch­lich ist.

Und wie unend­lich kost­bar Frie­den sein kann.

Wenn aus dem Fußballplatz ein gefährlicher Ort wird

Yaros­lav berich­tet vom All­tag der Nach­wuchs­fuß­bal­ler in Dni­pro. Rund zwan­zig Ver­ei­ne ver­su­chen dort, Kin­dern und Jugend­li­chen wei­ter­hin ihren gelieb­ten Sport zu ermög­li­chen.

Erschütternde Bedingungen

Vie­le Sport­an­la­gen sind zer­stört oder sind von Schrab­nell­split­tern über­säht in einem erbärm­li­chen Zustand. Geeig­ne­te Trai­nings­plät­ze sind Man­gel­wa­re. Trotz­dem geben die Ver­ant­wort­li­chen nicht auf.

Ehren­amt­li­che, dar­un­ter vie­le Müt­ter und Kriegs­ve­te­ra­nen, enga­gie­ren sich dafür, dass die Kin­der wei­ter­hin Fuß­ball spie­len kön­nen. Sie orga­ni­sie­ren Trai­nings­ein­hei­ten, betreu­en Mann­schaf­ten und ver­su­chen, inmit­ten des Krie­ges ein klei­nes Stück Nor­ma­li­tät zu bewah­ren.

Die Gefahr ist allgegenwärtig

„Manch­mal geht es um Sekun­den“, erzählt Yaros­lav. „Dann müs­sen wir so schnell wie mög­lich lau­fen, um Deckung zu fin­den.“

Wenn die Sire­nen ertö­nen, wird das Trai­ning sofort abge­bro­chen. Die Kin­der suchen Schutz. Manch­mal wird die sport­li­che Betä­ti­gung kur­zer­hand in eine Tief­ga­ra­ge ver­legt.

Haupt­sa­che Bewe­gung. Haupt­sa­che gemein­sam etwas erle­ben. Haupt­sa­che für einen Moment die Angst ver­ges­sen.

Eine grau­sa­me Wirk­lich­keit, wenn Kin­der nicht nur ler­nen müs­sen, wie man einen Geg­ner aus­spielt, son­dern auch wie man sich vor angrei­fen­den Droh­nen in Sicher­heit bringt.

Und was für eine bewun­derns­wer­te Hal­tung der Men­schen, die unter die­sen Umstän­den nicht auf­ge­ben und den Kin­dern wei­ter­hin Freu­de, Gemein­schaft und Zuver­sicht ver­mit­teln.

Städtepartnerschaft der besonderen Qualität

Weil Soli­da­ri­tät eine sol­che Part­ner­schaft in die­sen Zei­ten unab­ding­bar macht, wur­de die­ser Besuch trotz aller Wid­rig­kei­ten durch die Ein­la­dung des Städ­te­part­ner­schafts­ver­eins Köln–Dnipro, der das Pro­jekt nur mit Unter­stüt­zung des deutsch-ukrai­ni­schen Hilfs­ver­eins Blau-Gel­bes Kreuz und der Stadt Köln ermög­lich konn­te. Klar war, dass eine sol­che Städ­te­part­ner­schaft sich nicht in Urkun­den, Fest­re­den und freund­li­chen Bot­schaf­ten allei­ne aus­drü­cken darf.

Sie muss dann funk­tio­nie­ren, wenn Men­schen spür­ba­re Hil­fe brau­chen. Wenn kon­kre­tes Han­deln ange­sagt ist. In die­sem Fall damit Kin­der aus einer vom Krieg gezeich­ne­ten Stadt für eini­ge Tage die Mög­lich­keit erhal­ten, dem Schre­cken ihrer Hei­mat zu ent­kom­men.

Neben dem Fuß­ball­trai­ning beim 1. FC Köln konn­ten unse­re jun­gen Gäs­te zahl­rei­che wei­te­re Höhe­punk­te in der Dom­stadt erle­ben. Es wur­de gemein­sam gelacht, gestaunt und gefei­ert. Es ent­stan­den Begeg­nun­gen, die weit über sprach­li­che Gren­zen hin­aus­gin­gen.

Ich bin sicher, dass die­se fünf­zehn Kin­der ihre Woche in Köln nie­mals ver­ges­sen wer­den.

Und ich hof­fe von Her­zen, dass sie aus die­sen Tagen nicht nur schö­ne Erin­ne­run­gen mit­neh­men, son­dern auch das Gefühl, dass sie nicht allein sind. Dass es Men­schen gibt, die an sie den­ken, die sich für sie ein­set­zen und denen ihr Schick­sal nicht gleich­gül­tig ist.

Der schwerste Moment

Jetzt ste­hen wir wie­der am Bus­bahn­hof des Flug­ha­fens.

Die Kin­der sind vol­ler Ein­drü­cke, viel­leicht auch vol­ler Vor­freu­de auf ihre Fami­li­en. Natür­lich wol­len sie ihre Eltern, Geschwis­ter und Freun­de wie­der­se­hen.

Ich sehe in ihre Gesich­ter. Es sind die Gesich­ter ganz nor­ma­ler Kin­der. Kin­der, die Tore schie­ßen, gewin­nen, ver­lie­ren, lachen und manch­mal Unsinn machen wol­len. Kin­der, die Träu­me haben und eine Zukunft ver­die­nen, in der sie kei­ne Angst haben müs­sen.

Sie drü­cken mich noch ein­mal. Rufen mei­nen Namen. Ich ver­su­che zu lächeln.

Was soll man ihnen zum Abschied sagen?

Gute Rei­se? Viel Spaß? Bis bald?

Wie ver­ab­schie­det man Kin­der, die nach einer Woche Frie­den zurück in einen Krieg fah­ren müs­sen, des­sen Ende nie­mand kennt?

Der Bus wird sie hof­fent­lich sicher nach Hau­se brin­gen. Mei­ne Gedan­ken wer­den sie beglei­ten.

Fünfzehn Kinder. Frieden ihre größte Sehnsucht

Ich wün­sche mir so sehr, dass die­se Kin­der eines Tages auf ihre Rei­se nach Köln zurück­bli­cken und sagen kön­nen: Damals haben wir erlebt, wie sich Frie­den anfühlt. Und jetzt ist er auch bei uns!

Kommt gut nach Hau­se, ihr Lie­ben. Und vor allem: Bleibt am Leben!


Seit April 2026 ist Lothar Dähn Vor­sit­zen­der des Städ­te­part­ner­schafts­ver­ein Köln-Dni­pro. Er berich­tet über eine Woche mit Kin­dern des Fuß­ball­ver­eins Peo­p­les Club in der Fuß­ball­schu­le des 1. FC Köln.

Fotos: Lothar Dähn

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