Übergänge — Folge 7

Wie wir woh­nen wol­len

Stellt man sich Wer­mels­kir­chen im Jahr 2035 vor, haben die meis­ten sofort Bil­der im Kopf: eine beleb­te Innen­stadt, siche­re Wege, grü­ne Plät­ze, bezahl­ba­re Woh­nun­gen, kur­ze Wege für den All­tag. Zwi­schen die­sen Bil­dern und der Wirk­lich­keit liegt jedoch Pla­nung – und Pla­nung braucht Ent­schei­dun­gen, die weh­tun, weil sie Prio­ri­tä­ten set­zen.

Die Auf­ga­ben las­sen sich nicht aus­sit­zen. Die Mie­ten stei­gen, Wohn­raum fehlt, über Ver­dich­tung und über Frei­flä­chen wird zugleich geklagt, Leer­stän­de prä­gen ein­zel­ne Lagen, und die Fra­ge, ob jun­ge Fami­li­en hier­blei­ben, ent­schei­det sich auch dar­an, ob sie eine Woh­nung fin­den. Stadt­ge­stal­tung heißt, auf die­se Fra­gen zu ant­wor­ten, statt Sie zu ver­wal­ten: Wo wol­len wir wach­sen? Wo aus­drück­lich nicht? Wel­che Orte brau­chen wir drin­gend – Spiel­plät­ze, Plät­ze zum Ver­wei­len, siche­re Schul­we­ge, Grün, das mehr ist als ein Rest zwi­schen zwei Stra­ßen?

An die­ser Stel­le gehört das Rhom­bus-Gelän­de hin. Über kaum ein Vor­ha­ben ist in die­ser Stadt so viel gestrit­ten wor­den, und der Streit war berech­tigt, denn es geht um viel Geld und um eine Wei­chen­stel­lung. Ob man die Ent­schei­dung für rich­tig hält oder für gewagt: sie ist ein Anfang, und Anfän­ge haben die Eigen­schaft, dass man an ihnen spä­ter gemes­sen wird. Ein Gelän­de die­ser Grö­ße kann eine Stadt bele­ben oder jahr­zehn­te­lang bin­den; wel­cher der bei­den Fäl­le ein­tritt, ent­schei­det sich nicht an der Absichts­er­klä­rung, son­dern an der Beharr­lich­keit, mit der man dran­bleibt.

Woh­nen und Ener­gie hän­gen dabei enger zusam­men, als die getrenn­ten Aus­schüs­se ver­mu­ten las­sen. Ein Neu­bau­ge­biet mit einem Nah­wär­me­netz und Dächern vol­ler Pho­to­vol­ta­ik ist ein ande­res Gebiet als eines, in dem jedes Haus für sich kämpft. Eine sanier­te Alt­bau­zel­le ist gleich­zei­tig Woh­nungs­po­li­tik, Kli­ma­po­li­tik und Sozi­al­po­li­tik. Wer beim Pla­nen nur eines die­ser Fel­der im Blick hat, ver­schenkt die Hälf­te des Nut­zens.

Ein letz­tes noch: „Wie wol­len wir leben?“  klingt nach einer Fra­ge für Sonn­tags­re­den. In Wahr­heit wird sie jeden Werk­tag beant­wor­tet, im Bau­aus­schuss, im Bebau­ungs­plan, in der Ent­schei­dung, ob eine Flä­che ver­sie­gelt oder frei­ge­hal­ten wird. Nur merkt man die Sum­me die­ser vie­len klei­nen Ant­wor­ten erst, wenn sie gebaut ist und sich nicht mehr ändern lässt.

Wie wir woh­nen wol­len, soll­ten wir des­halb aus­spre­chen, bevor es der Zufall für uns ent­schei­det.

Bild: Pri­vat Klaus Ulin­ski


Hier fin­den Sie eine Über­sicht der Kolum­ne “Über­gän­ge” von Klaus Ulin­ski

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