In Bewegung bleiben
Kaum ein Thema erhitzt die Gemüter so zuverlässig wie der Verkehr. Parkplätze, Einbahnstraßen, Radwege, Busverbindungen – fast jeder hat dazu eine feste Meinung, und fast jede Meinung ist ehrlich begründet. Für die einen ist das Auto ein Stück Freiheit, für die anderen ein täglicher Ärger, für alle zusammen eine Notwendigkeit. Wer über Mobilität redet, redet also nie nur über Technik, sondern über Lebensgefühl.
Wermelskirchen ist, wie die meisten Städte der Region, historisch gewachsen; enge Straßen, viele Fahrzeuge, wenig Platz. Ein Ausbau nach dem Muster der 70er Jahre ‑immer breiter, immer mehr – ist weder möglich noch wünschenswert. Zugleich pendeln viele Menschen jeden Tag in die umliegenden Städte; die Busse sind mancherorts rar und nicht immer verlässlich, die Radwege haben Lücken und bisweilen gefährliche Löcher, und für viele bleibt das Auto trotz allem das praktischste Mittel.
Das ist kein Zustand, den man wegdiskutieren kann.
Die Frage ist deshalb nicht, welche Verkehrsart die moralisch überlegene ist, sondern was hier, unter diesen Bedingungen, funktioniert. Was macht den Schulweg sicher? Nicht was verkürzt die Wege zwischen Wohnung, Arbeit und Einkauf? Was nimmt der einen Fahrt ihre Nerven, ohne der anderen ihre aufzuzwingen? Wer diese Fragen ideologisch beantwortet, in die eine wie in die andere Richtung, verliert die Hälfte der Stadt, bevor er begonnen hat.
Es lohnt, sich an einen Gedanken aus der ersten Folge unserer Kolumnenreihe zu erinnern: Jeder große Übergang war an neue Formen der Fortbewegung gebunden. Die Frage, wie wir uns bewegen, ist also selten nur eine Verkehrsfrage; sie hängt an Energie, an Gewohnheit – vielleicht gar manchmal an Starrsinn. Ein Elektrofahrzeug, das mit Strom vom eigenen Dach fährt, ist etwas anderes als eines, das an der teuersten Säule lädt. Ein sicherer Radweg entlastet nicht nur den Radfahrer, sondern auch den Autofahrer, der ihn nicht mehr überholen muss.
Zum Schluss: Der Streit um einzelne Parkplätze wird geführt, als ginge es um Grundsätze; der Streit um Grundsätze wird oft vermieden, weil er anstrengt. Dabei wäre die nüchterne Grundsatzfrage die einfachere: wie soll sich eine Stadt von rund fünfunddreißigtausend Einwohnern in zwanzig Jahren bewegen, wenn Kraftstoff teurer, die Bevölkerung älter und der Platz derselbe bleibt?
In Bewegung zu bleiben heißt nicht, ständig alles umzuwerfen. Es heißt, nicht stehen zu bleiben, wo stehen bleiben nur so lange bequem ist, bis es teuer wird.
Bild: Privat Klaus Ulinski
Hier finden Sie eine Übersicht der Kolumne “Übergänge” von Klaus Ulinski
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Übergänge – Folge 1
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Übergänge – Folge 2
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Übergänge – Folge 3
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Übergänge – Folge 4
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Übergänge – Folge 5
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Übergänge — Folge 6


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