Übergänge — Folge 6

In Bewe­gung blei­ben

Kaum ein The­ma erhitzt die Gemü­ter so zuver­läs­sig wie der Ver­kehr. Park­plät­ze, Ein­bahn­stra­ßen, Rad­we­ge, Bus­ver­bin­dun­gen – fast jeder hat dazu eine fes­te Mei­nung, und fast jede Mei­nung ist ehr­lich begrün­det. Für die einen ist das Auto ein Stück Frei­heit, für die ande­ren ein täg­li­cher Ärger, für alle zusam­men eine Not­wen­dig­keit. Wer über Mobi­li­tät redet, redet also nie nur über Tech­nik, son­dern über Lebens­ge­fühl.

Wer­mels­kir­chen ist, wie die meis­ten Städ­te der Regi­on, his­to­risch gewach­sen; enge Stra­ßen, vie­le Fahr­zeu­ge, wenig Platz. Ein Aus­bau nach dem Mus­ter der 70er Jah­re ‑immer brei­ter, immer mehr – ist weder mög­lich noch wün­schens­wert. Zugleich pen­deln vie­le Men­schen jeden Tag in die umlie­gen­den Städ­te; die Bus­se sind man­cher­orts rar und nicht immer ver­läss­lich, die Rad­we­ge haben Lücken und bis­wei­len gefähr­li­che Löcher, und für vie­le bleibt das Auto trotz allem das prak­tischs­te Mit­tel.

Das ist kein Zustand, den man weg­dis­ku­tie­ren kann.

Die Fra­ge ist des­halb nicht, wel­che Ver­kehrs­art die mora­lisch über­le­ge­ne ist, son­dern was hier, unter die­sen Bedin­gun­gen, funk­tio­niert. Was macht den Schul­weg sicher? Nicht was ver­kürzt die Wege zwi­schen Woh­nung, Arbeit und Ein­kauf? Was nimmt der einen Fahrt ihre Ner­ven, ohne der ande­ren ihre auf­zu­zwin­gen? Wer die­se Fra­gen ideo­lo­gisch beant­wor­tet, in die eine wie in die ande­re Rich­tung, ver­liert die Hälf­te der Stadt, bevor er begon­nen hat.

Es lohnt, sich an einen Gedan­ken aus der ers­ten Fol­ge unse­rer Kolum­nen­rei­he zu erin­nern: Jeder gro­ße Über­gang war an neue For­men der Fort­be­we­gung gebun­den. Die Fra­ge, wie wir uns bewe­gen, ist also sel­ten nur eine Ver­kehrs­fra­ge; sie hängt an Ener­gie, an Gewohn­heit – viel­leicht gar manch­mal an Starr­sinn. Ein Elek­tro­fahr­zeug, das mit Strom vom eige­nen Dach fährt, ist etwas ande­res als eines, das an der teu­ers­ten Säu­le lädt. Ein siche­rer Rad­weg ent­las­tet nicht nur den Rad­fah­rer, son­dern auch den Auto­fah­rer, der ihn nicht mehr über­ho­len muss.

Zum Schluss: Der Streit um ein­zel­ne Park­plät­ze wird geführt, als gin­ge es um Grund­sät­ze; der Streit um Grund­sät­ze wird oft ver­mie­den, weil er anstrengt. Dabei wäre die nüch­ter­ne Grund­satz­fra­ge die ein­fa­che­re: wie soll sich eine Stadt von rund fünf­und­drei­ßig­tau­send Ein­woh­nern in zwan­zig Jah­ren bewe­gen, wenn Kraft­stoff teu­rer, die Bevöl­ke­rung älter und der Platz der­sel­be bleibt?

In Bewe­gung zu blei­ben heißt nicht, stän­dig alles umzu­wer­fen. Es heißt, nicht ste­hen zu blei­ben, wo ste­hen blei­ben nur so lan­ge bequem ist, bis es teu­er wird.

Bild: Pri­vat Klaus Ulin­ski


Hier fin­den Sie eine Über­sicht der Kolum­ne “Über­gän­ge” von Klaus Ulin­ski

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