Hervorgekommen

Oder: Was der 7. Okto­ber 2023 mit Wer­mels­kir­chen zu tun hat

VON KLAUS ULINSKI

Vor drei Jah­ren, am Mor­gen des 7. Okto­ber 2023, dran­gen Kämp­fer der Hamas an mehr als zwan­zig Orten nach Isra­el ein. Sie töte­ten rund 1200 Men­schen, die meis­ten von ihnen Zivi­lis­ten, und ver­schlepp­ten etwa 250 in den Gaza­strei­fen. Es war das gröss­te Mas­sa­ker an Jüdin­nen und Juden seit dem Holo­caust. Dar­an zu erin­nern, auch hier in Wer­mels­kir­chen, ist kein Ritu­al, son­dern Pflicht. Der Jah­res­tag ver­langt aber noch ein zwei­tes: den Blick auf das, was seit­her in unse­rem Land gesche­hen ist. Und in unse­rer Stadt.

Begin­nen wir mit dem, was sich zäh­len lässt. Die Mel­de­stel­len des Bun­des­ver­ban­des RIAS ver­zeich­ne­ten zwi­schen dem 7. Okto­ber und dem 9. Novem­ber 2023 bun­des­weit 994 veri­fi­zier­te anti­se­mi­ti­sche Vor­fäl­le. Das sind rech­ne­risch 29 an jedem ein­zel­nen Tag, vier­mal so vie­le wie im Jah­res­durch­schnitt 2022. Schmie­re­rei­en im öffent­li­chen Raum, Het­ze an Hoch­schu­len, geschän­de­te Gedenk­or­te, David­stern und Haken­kreu­ze an den Türen jüdi­scher Woh­nun­gen, schließ­lich ein Brand­an­schlag auf ein jüdi­sches Gemein­de­zen­trum in Ber­lin. Der Bun­des­kanz­ler spricht inzwi­schen von einer neu­en Wel­le des Anti­se­mi­tis­mus in Deutsch­land. Ich wür­de ergän­zen: es ist kei­ne neue Wel­le, es ist die alte, die lan­ge nur nicht sicht­bar war.

Und Wer­mels­kir­chen? Ich habe kei­ne Zah­len für unse­re Stadt. Ich weiß nicht, wie vie­le Vor­fäl­le es hier gege­ben hat, und ich weiß nicht, ob jemand sie über­haupt gezählt hat. Das ist schon der ers­te Befund. Denn es leben Jüdin­nen und Juden unter uns, es sind mehr, als man denkt, und es sind Bür­ge­rin­nen und Bür­ger die­ser Stadt wie Sie und ich. Man­che von ihnen lei­den unter dem ver­än­der­ten Kli­ma mehr, man­che viel­leicht weni­ger. Aber wis­sen wir davon? Haben wir gefragt? Wir wis­sen nichts oder fast nichts. Viel­leicht, weil sie schwei­gen. Und viel­leicht schwei­gen sie, weil Schwei­gen schützt.

Eine jüdi­sche Bekann­te aus Wer­mels­kir­chen hat es mir kürz­lich so gesagt: Die Anti­se­mi­ten waren immer da. Jahr­zehn­te­lang hät­ten sie sich in ihren Löchern ver­steckt. Jetzt aber, nach­dem die AfD immer stär­ker wer­de, kämen sie mehr oder weni­ger aus den Rat­ten­lö­chern her­aus und gäben sich unge­niert zu erken­nen. Ich habe die­sen Satz nicht ver­ges­sen, und ich will ihn nicht abschwä­chen. Ob und wie­weit eine Par­tei dafür ver­ant­wort­lich zu machen ist, mögen Poli­tik­wis­sen­schaft­ler im ein­zel­nen klä­ren – und viel­leicht auch dem­nächst die Ver­fas­sungs­rich­ter. Daß ein poli­ti­sches Kli­ma die Hemm­schwel­le senkt, daß, was ges­tern noch hin­ter vor­ge­hal­te­ner Hand gesagt wur­de, heu­te am Stamm­tisch, im Netz und auf der Stra­ße laut gesagt wird, das kann ich beob­ach­ten, und ich ver­mu­te, Sie kön­nen es auch.

Nun zu dem, was ich für eben­so wich­tig hal­te. Kri­tik an der Regie­rung Isra­els ist kei­ne Kri­tik an Isra­el und schon gar kei­ne am Exis­tenz­recht die­ses Staa­tes. Wer die Sied­lungs­po­li­tik im West­jor­dan­land für falsch hält, wer die Krieg­füh­rung im Gaza­strei­fen und das Leid der dor­ti­gen Zivil­be­völ­ke­rung nicht hin­neh­men mag, wer den Umgang mit den Paläs­ti­nen­sern, die seit Jah­ren unter­drückt wer­den, für ein Unrecht hält, der ist kein Anti­se­mit. Er ist, im bes­ten Fall, ein auf­merk­sa­mer Zeit­ge­nos­se. Man kann Netan­ja­hu scharf kri­ti­sie­ren, und vie­le Israe­lis tun es täg­lich, laut und auf offe­ner Stra­ße. Anti­se­mi­tisch wird die Kri­tik erst dort, wo aus der Regie­rung „die Juden” wer­den, wo man die Men­schen hier, die mit Isra­els Poli­tik nichts zu tun haben, in Haf­tung nimmt, wo das Exis­tenz­recht bestrit­ten wird.

Und des­halb sage ich es ohne Umschwei­fe. Anti­se­mi­tis­mus, von rechts, von links oder aus einem mus­li­misch gepräg­ten Umfeld, ist immer eines:

Dumm, weil er auf der Annah­me beruht, ein gan­zes Volk, ver­streut über die Welt, den­ke, hand­le und wol­le das glei­che. Weil er die Wirk­lich­keit durch eine Ver­schwö­rungs­ge­schich­te ersetzt, die schon im Mit­tel­al­ter nicht stimm­te.

Nie­der­träch­tig, weil er sich gegen Men­schen rich­tet, die nichts getan haben, außer da zu sein. Gegen Kin­der auf dem Schul­hof, gegen alte Men­schen vor der Syn­ago­ge, gegen Nach­barn.

Ver­lo­gen, weil er sich tarnt. Von rechts als Sor­ge um das Volk, von links als Anti­zio­nis­mus oder Soli­da­ri­tät mit den Unter­drück­ten, aus dem reli­gi­ös-poli­ti­schen Milieu als Glau­bens­ei­fer. Jedes­mal ist es das­sel­be alte Res­sen­ti­ment, nur im jeweils pas­sen­den Kos­tüm.

Fei­ge schließ­lich, weil er sich ver­steckt, im Schutz der Anony­mi­tät, der Men­ge, des Dun­kels. Wer ein Haken­kreuz an eine frem­de Haus­tür schmiert, tut das nicht am hel­lich­ten Tag mit sei­nem Namen dar­un­ter.

Ein letz­tes und wich­ti­ges  noch. Wenn Sie in Wer­mels­kir­chen jüdisch sind und uns erzäh­len mögen, wie es Ihnen geht, was Sie erlebt haben oder was Sie sich von uns wün­schen, dann hören wir zu. Wenn Sie es nicht mögen, ist auch das Ihr gutes Recht. Alle ande­ren aber, wir, die wir die­se Stadt aus­ma­chen, soll­ten uns eines fra­gen: Wo waren wir, als es hier laut wur­de? Und wo sind wir, wenn es wie­der still wird?

Her­vor­ge­kom­men sind sie. Wir soll­ten hin­se­hen.


Quel­len:

Zah­len zum Angriff vom 7. Okto­ber 2023 und zu sei­nen Fol­gen: Lan­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung Baden-Würt­tem­berg, „Der Hamas-Angriff am 7. Okto­ber 2023 und die Fol­gen” (https://www.lpb-bw.de/israel-hamas-7-oktober-2023). Zu den anti­se­mi­ti­schen Vor­fäl­len in Deutsch­land: Bun­des­ver­band RIAS, „Anti­se­mi­ti­sche Reak­tio­nen in Deutsch­land auf die Hamas-Mas­sa­ker in Isra­el” (18. Okto­ber 2023 und Fol­ge­be­richt), sowie Hein­rich-Böll-Stif­tung, „Anti­se­mi­ti­sche Reak­tio­nen am 7. Okto­ber und in der Zeit danach” (20. Dezem­ber 2023).

RIAS: Mel­de­stel­le: https://vorfall.report-antisemitism.de 

Bild: Pri­vat Klaus Ulin­ski

Bewer­te die­sen Post!
[Gesamt: 6 Durch­schnitt: 5]

Kommentare

Hinweis der Redaktion

Für den Inhalt der Kommentare sind ausschließlich die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Die in den Kommentaren geäußerten Meinungen geben nicht zwingend die Meinung der Redaktion von forumwk.de wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu prüfen, zu bearbeiten, zu kürzen oder nicht zu veröffentlichen. Ein Anspruch auf Veröffentlichung besteht nicht. Kommentare, die gegen geltendes Recht, die Netiquette (siehe „Wir über uns“) oder die redaktionellen Grundsätze von forumwk.de verstoßen, werden nicht veröffentlicht bzw. können nachträglich entfernt werden. Gleiches gilt für Beiträge und Kommentare, die keinen direkten Bezug zu den auf forumwk.de veröffentlichten Inhalten haben.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert