Was wir können müssen
Es war einmal selbstverständlich, dass ein Betrieb Lehrlinge fand, ein Pflegeheim genügend Kräfte hatte und eine Behörde aus einem Stapel Bewerbungen wählen konnte. Diese Zeit ist vorbei, und zwar nicht vorübergehend. Der Fachkräftemangel ist kein Engpass, den man aussitzt, sondern ein struktureller Zustand, der Handwerk, Kitas, Praxen, Handel und Verwaltung gleichermaßen trifft, auch hier bei uns.
Der Markt hat sich umgedreht. Nicht mehr die Menschen bewerben sich bei den Betrieben, sondern die Betriebe bei den Menschen; wer gut ausgebildet ist, sucht sich den Arbeitsplatz aus. Die Frage lautet deshalb nicht mehr, ob eine Region etwas ändern muss, sondern wie sie anziehend bleibt – für die, die schon hier sind, und für die, die man gewinnen möchte.
Am deutlichsten zeigt sich der Übergang in der Bildung. Kinder wachsen heute in eine Welt hinein, die sich schneller dreht als die, in der ihre Eltern zur Schule gingen. Sie brauchen den sicheren Umgang mit digitalen Werkzeugen, sie brauchen Raum für eigenes Denken – und sie brauchen zugleich das Handwerkliche, das Praktische, dass man mit den Händen lernt. Es ist ein Irrtum zu glauben, man müsse sich zwischen beidem entscheiden. Wermelskirchen lebt seit jeher von der Verbindung: von Betrieben, die Weltmarktprodukte herstellen, und von Leuten, die wissen, wie man eine Maschine wieder zum Laufen bringt.
Und hier lohnt der Blick auf einen Fehler, den man bei Reformen gern begeht: Man nimmt eine neue Möglichkeit und presst sie in alten Formen. Man führt eine neue Technik in der Schule ein und misst am Ende doch nur, was sich leicht messen lässt. Man beklagt den Personalmangel und antwortet mit noch mehr Dokumentation, die die verbliebenen Kräfte zusätzlich bindet. Wer Erzieherinnen und Pflegekräften zuhört, hört fast immer denselben Satz: nicht in erster Linie mehr Geld, sondern mehr Freiheit, den Beruf ordentlich auszuüben, und mehr Hände, die mit anpacken.
Zu guter Letzt: ob junge Menschen bleiben oder wegziehen, entscheidet sich selten an einem großen Argument, sondern an der Summe kleiner Dinge: an der Kita, die verlässlich öffnet, am Schulweg, der sicher ist, an der Ausbildung, die etwas taugt, an dem Gefühl, gebraucht zu werden. Eine Stadt, die will, dass ihre Jugend bleibt – oder noch besser wieder zurückkommt, muss ihr etwas anbieten, bevor sie geht.
Was wir künftig können müssen, ist am Ende weniger eine Liste von Fähigkeiten als eine Grundhaltung: Lernbereit bleiben, ohne das bewährte zu verachten. Das gilt für die Schülerin. Es gilt für den Meister. Es gilt für die Stadt.
Beitragsbild: Privat Klaus Ulinski
Hier finden Sie eine Übersicht der Kolumne “Übergänge” von Klaus Ulinski
-
Übergänge – Folge 1
-
Übergänge – Folge 2
-
Übergänge – Folge 3
-
Übergänge – Folge 4


Schreibe einen Kommentar