Übergänge – Folge 4 

Was wir kön­nen müs­sen

Es war ein­mal selbst­ver­ständ­lich, dass ein Betrieb Lehr­lin­ge fand, ein Pfle­ge­heim genü­gend Kräf­te hat­te und eine Behör­de aus einem Sta­pel Bewer­bun­gen wäh­len konn­te. Die­se Zeit ist vor­bei, und zwar nicht vor­über­ge­hend. Der Fach­kräf­te­man­gel ist kein Eng­pass, den man aus­sitzt, son­dern ein struk­tu­rel­ler Zustand, der Hand­werk, Kitas, Pra­xen, Han­del und Ver­wal­tung glei­cher­ma­ßen trifft, auch hier bei uns.

Der Markt hat sich umge­dreht. Nicht mehr die Men­schen bewer­ben sich bei den Betrie­ben, son­dern die Betrie­be bei den Men­schen; wer gut aus­ge­bil­det ist, sucht sich den Arbeits­platz aus. Die Fra­ge lau­tet des­halb nicht mehr, ob eine Regi­on etwas ändern muss, son­dern wie sie anzie­hend bleibt – für die, die schon hier sind, und für die, die man gewin­nen möch­te.

Am deut­lichs­ten zeigt sich der Über­gang in der Bil­dung. Kin­der wach­sen heu­te in eine Welt hin­ein, die sich schnel­ler dreht als die, in der ihre Eltern zur Schu­le gin­gen. Sie brau­chen den siche­ren Umgang mit digi­ta­len Werk­zeu­gen, sie brau­chen Raum für eige­nes Den­ken – und sie brau­chen zugleich das Hand­werk­li­che, das Prak­ti­sche, dass man mit den Hän­den lernt. Es ist ein Irr­tum zu glau­ben, man müs­se sich zwi­schen bei­dem ent­schei­den. Wer­mels­kir­chen lebt seit jeher von der Ver­bin­dung: von Betrie­ben, die Welt­markt­pro­duk­te her­stel­len, und von Leu­ten, die wis­sen, wie man eine Maschi­ne wie­der zum Lau­fen bringt.

Und hier lohnt der Blick auf einen Feh­ler, den man bei Refor­men gern begeht: Man nimmt eine neue Mög­lich­keit und presst sie in alten For­men. Man führt eine neue Tech­nik in der Schu­le ein und misst am Ende doch nur, was sich leicht mes­sen lässt. Man beklagt den Per­so­nal­man­gel und ant­wor­tet mit noch mehr Doku­men­ta­ti­on, die die ver­blie­be­nen Kräf­te zusätz­lich bin­det. Wer Erzie­he­rin­nen und Pfle­ge­kräf­ten zuhört, hört fast immer den­sel­ben Satz: nicht in ers­ter Linie mehr Geld, son­dern mehr Frei­heit, den Beruf ordent­lich aus­zu­üben, und mehr Hän­de, die mit anpa­cken.

Zu guter Letzt: ob jun­ge Men­schen blei­ben oder weg­zie­hen, ent­schei­det sich sel­ten an einem gro­ßen Argu­ment, son­dern an der Sum­me klei­ner Din­ge: an der Kita, die ver­läss­lich öff­net, am Schul­weg, der sicher ist, an der Aus­bil­dung, die etwas taugt, an dem Gefühl, gebraucht zu wer­den. Eine Stadt, die will, dass ihre Jugend bleibt – oder noch bes­ser wie­der  zurück­kommt, muss ihr etwas anbie­ten, bevor sie geht.

Was wir künf­tig kön­nen müs­sen, ist am Ende weni­ger eine Lis­te von Fähig­kei­ten als eine Grund­hal­tung: Lern­be­reit blei­ben, ohne das bewähr­te zu ver­ach­ten. Das gilt für die Schü­le­rin. Es gilt für den Meis­ter. Es gilt für die Stadt.

Bei­trags­bild: Pri­vat Klaus Ulin­ski


Hier fin­den Sie eine Über­sicht der Kolum­ne “Über­gän­ge” von Klaus Ulin­ski

  • Übergänge – Folge 1 

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  • Übergänge – Folge 4 

  • Übergänge – Folge 5


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