NRW: Der Wohnraummangel ist Realität
Der Soziale Wohn-Monitor 2026 des Pestel-Instituts zeigt unmissverständlich, dass der Wohnraummangel in NRW ein strukturelles Problem ist. In Nordrhein-Westfalen fehlen derzeit rund 376.000 Wohnungen. Um diesen Rückstand abzubauen, wären jährlich etwa 94.000 neue Wohnungen erforderlich. Tatsächlich wurden 2024 jedoch nur rund 41.000 Wohnungen fertiggestellt. Der Mangel verschärft sich weiter, vor allem im bezahlbaren Segment.
Warum das Wermelskirchen direkt betrifft
Wohnraummangel bleibt nicht in den Großstädten. Wenn in Köln, Düsseldorf oder Leverkusen keine bezahlbaren Wohnungen mehr zu finden sind, verlagert sich der Druck ins Umland. Wermelskirchen ist davon unmittelbar betroffen. Eine Pestel-Analyse für den Rheinisch-Bergischen Kreis weist bereits heute ein Defizit von rund 2.290 Wohnungen aus. Gleichzeitig wird ein jährlicher Neubau von etwa 1.220 Wohnungen als notwendig beschrieben. Leerstände sind dabei ausdrücklich keine Lösung, da sie größtenteils nicht kurzfristig nutzbar sind.
Überträgt man diese Kreiswerte anteilig auf Wermelskirchen, ergibt sich eine grobe Größenordnung von rund 250 bis 350 fehlenden Wohnungen in der Stadt. Der rechnerisch notwendige jährliche Zuwachs liegt bei etwa 90 bis 140 neuen Wohneinheiten pro Jahr, um den lokalen Bedarf, Haushaltszuwachs und Ersatzbedarf zu decken. Diese Größenordnung zeigt, dass Wermelskirchen kein Randfall ist, sondern Teil des regionalen Engpasses.
Bezahlbarer Wohnraum war die Erwartung
Das Bürgerforum Wermelskirchen hat früh klar benannt, was erwartet wird: die Schaffung bezahlbaren Wohnraums, ausdrücklich im Zusammenhang mit der Entwicklung des Rhombus-Areals. Diese Erwartung ist kein Nebenaspekt, sondern der Maßstab, an dem sich kommunale Großprojekte messen lassen müssen. Angesichts der aktuellen Lage ist bezahlbarer Wohnraum keine Option, sondern eine Notwendigkeit.
Rhombus: Droht ein Prestigeprojekt statt echter Entlastung?
Das Rhombus-Projekt wird häufig als zukunftsweisendes Stadtentwicklungsprojekt dargestellt. Vorgesehen sind unter anderem Hallenbad, VHS, Haus der Vereine – und rund 75 Wohneinheiten. Genau hier beginnt das Problem. In einer Situation, in der in NRW Hunderttausende Wohnungen fehlen, wirken 75 Wohnungen wie ein symbolischer Zusatz, nicht wie eine ernsthafte Antwort auf den Wohnraummangel.
Ohne verbindliche Regelungen zur Bezahlbarkeit, ohne klare Quoten für geförderten Wohnraum und ohne eine erkennbare Skalierung des Wohnungsanteils droht Rhombus zu einem repräsentativen Prestigeprojekt zu werden: architektonisch sichtbar, politisch vermarktbar – aber kaum wirksam gegen den realen Wohnraummangel. In der aktuellen Lage darf Wohnen nicht nur „ein Baustein“ sein, sondern muss eine zentrale Funktion des Projekts werden.
Hüpptal: Aufwertung ohne Wohnraum verschärft den Druck
Die geplante Neugestaltung des Hüpptals wird als Gewinn für Aufenthaltsqualität und Stadtbild beworben. Doch eine attraktivere Stadt bei gleichzeitigem Wohnungsmangel ist kein Fortschritt, sondern ein Risiko. Mehr Attraktivität bedeutet mehr Nachfrage, steigende Preise und noch weniger Chancen für Menschen mit normalem oder geringem Einkommen. Wenn die Aufwertung des Hüpptals nicht mit ausreichendem Wohnungsbau einhergeht, wird sie faktisch Teil des Problems. Hinzu kommt, dass Hüpptal und Rhombus eng miteinander verknüpft sind, da das Hallenbad ins Rhombus-Areal verlagert werden soll. Beide Projekte stehen damit gemeinsam in der Verantwortung.
Stadtbild und / oder Lebensrealität?
Die zentrale Frage lautet daher, ob Wermelskirchen sich nur Prestigeprojekte leisten will und den zunehmenden Wohnraummangel außer acht lässt. Eine schönere Stadt nützt wenig, wenn Menschen, die hier arbeiten, Familien gründen oder alt werden wollen, keine Wohnung mehr finden oder sie nicht bezahlen können. Stadtentwicklung darf kein Selbstzweck sein. In der aktuellen Lage muss sie sich – vielleicht nicht zuerst, aber letztlich auch – daran messen lassen, ob sie bezahlbaren Wohnraum schafft – alles andere bleibt Fassade.
Quellen:
Pestel-Institut / Sozialer Wohn-Monitor 2026; Berichterstattung u. a. DIE ZEIT (15.01.2026).
Pestel-Institut: Wohnungsmarktanalyse Rheinisch-Bergischer Kreis (2024).
Bürgerforum Wermelskirchen, Programm „Familie, Bildung und Freizeit“.
Stadt Wermelskirchen: Beteiligungsverfahren Rhombus-Areal sowie Ratsbeschlüsse vom 26.09.2022 und 01.07.2024.
Bild: Klaus Ulinski


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