Bahndamm Wermelskirchen – Eine Chronik in 12 Teilen (9)

Teil 9 von 12 + 1

Selbstverwaltung wird Realität

Mit der Ent­schei­dung von 1990 begann für den Bahn­damm eine völ­lig neue Pha­se.
Die Selbst­ver­wal­tung war kei­ne sym­bo­li­sche Ges­te, son­dern ein radi­ka­ler Ein­schnitt. Von nun an tru­gen die Nut­ze­rin­nen und Nut­zer des Bahn­damms die vol­le Ver­ant­wor­tung – recht­lich, orga­ni­sa­to­risch und finan­zi­ell.

Die Grund­la­ge bil­de­ten Über­las­sungs­ver­trä­ge mit der Stadt. Sie regel­ten Nut­zung, Pflich­ten und Haf­tung. Was auf dem Papier abs­trakt wirk­te, hat­te im All­tag kon­kre­te Fol­gen. Plötz­lich ging es nicht mehr nur um Pro­gramm und Kul­tur, son­dern um Ver­si­che­run­gen, Brand­schutz, Schlüs­sel­ver­ant­wor­tung, Abrech­nung und Instand­hal­tung. Auf­ga­ben, auf die nie­mand vor­be­rei­tet war – und die trotz­dem erle­digt wer­den muss­ten.

Selbst­ver­wal­tung bedeu­te­te Frei­heit, aber auch Ver­bind­lich­keit. Ent­schei­dun­gen wur­den gemein­sam getrof­fen, meist in offe­nen Ple­na. Das war zeit­in­ten­siv, manch­mal chao­tisch, oft kon­flikt­reich. Unter­schied­li­che Vor­stel­lun­gen dar­über, wie viel Struk­tur nötig und wie viel Offen­heit mög­lich war, prall­ten immer wie­der auf­ein­an­der.

Auch intern blieb der Bahn­damm ein Ort der Aus­ein­an­der­set­zung. Fra­gen nach Macht, infor­mel­len Hier­ar­chien und Ver­ant­wort­lich­kei­ten stell­ten sich neu. Wer ent­schei­det? Wer trägt die Kon­se­quen­zen? Wer bleibt, wenn es müh­sam wird? Nicht jeder hielt die­sem Druck stand. Eini­ge zogen sich zurück, ande­re über­nah­men zunächst mehr, als ihnen gut tat.

Trotz aller Pro­ble­me bewähr­te sich das Modell. Der Bahn­damm funk­tio­nier­te – nicht per­fekt, aber eigen­stän­dig. Ver­an­stal­tun­gen lie­fen, Kon­zer­te fan­den statt, der All­tag wur­de orga­ni­siert. Die Selbst­ver­wal­tung schuf ein star­kes Gefühl von Zuge­hö­rig­keit. Der Ort gehör­te nun tat­säch­lich denen, die ihn betrie­ben.

Gleich­zei­tig ver­än­der­te sich das Ver­hält­nis zur Stadt. Aus einem Beauf­sich­ti­gungs- wur­de ein Ver­trags­ver­hält­nis. Kon­flik­te ver­schwan­den nicht, aber sie wur­den anders geführt. Der Bahn­damm war nun Ansprech­part­ner – nicht mehr Objekt behörd­li­cher Ent­schei­dun­gen.

Die­se Pha­se präg­te den Bahn­damm lang­fris­tig. Sie schuf Rou­ti­nen, aber auch eine poli­ti­sche Hal­tung. Selbst­ver­wal­tung wur­de nicht nur als Orga­ni­sa­ti­ons­form ver­stan­den, son­dern als Aus­sa­ge: über Ver­trau­en, Ver­ant­wor­tung und die Fähig­keit, eige­ne Räu­me zu gestal­ten.

Doch der All­tag der Selbst­ver­wal­tung brach­te neue Her­aus­for­de­run­gen mit sich. Der Bahn­damm muss­te sich wei­ter­ent­wi­ckeln, neue Sze­nen inte­grie­ren und gleich­zei­tig sei­nen Kern bewah­ren.

Im nächs­ten Teil geht es um genau die­se Ent­wick­lung:
Musik, Kul­tur und der Bahn­damm als Sze­ne­ort in den 1990er Jah­ren.

Bil­der: Jugend­in­itia­ti­ve Wer­mels­kir­chen e. V. / AJZ Bahn­damm

Tei­le der Bahn­damm Chro­nik:

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