“Schade”

Ich habe heu­te eine Schlag­zei­le gele­sen, die mich mehr über mich selbst erschreckt hat als über das eigent­li­che Ereig­nis:

„Gala-Din­ner endet im Cha­os: Trump ent­geht offen­bar einem wei­te­ren Atten­tats­ver­such“

Was pas­siert ist, lässt sich kurz zusam­men­fas­sen: Bei einem Gala-Din­ner in Washing­ton fie­len Schüs­se; ein bewaff­ne­ter Mann ver­such­te offen­bar, sich Zutritt zu ver­schaf­fen. Ein Sicher­heits­be­am­ter wur­de ange­schos­sen (glück­li­cher­wei­se ret­te­te ihn sei­ne kugel­si­che­re Wes­te), Trump wur­de in Sicher­heit gebracht und der Täter fest­ge­nom­men. 

Also im Grun­de ein klas­si­scher Fall, bei dem man erwar­ten wür­de: Schock. Betrof­fen­heit. Erleich­te­rung, dass nie­mand ums Leben gekom­men ist.

Und dann kam mir die­ser Gedan­ke: „Scha­de“

Und genau die­ser Moment erschüt­ter­te mich mehr als die Nach­richt selbst.

Was ist mit uns pas­siert?

Ich hal­te mich eigent­lich für einen nach­denk­li­chen, empa­thi­schen Men­schen. Aber die­ser eine Gedan­ke zeigt mir: Die per­ma­nen­te Kon­fron­ta­ti­on mit Hass, Pola­ri­sie­rung und Eska­la­ti­on ver­än­dert etwas in uns. Nicht plötz­lich. Nicht laut. Son­dern all­mäh­lich, schlei­chend.

Wenn man jah­re­lang eine Figur wie Donald Trump erlebt – sei­ne Spra­che, sei­ne Pro­vo­ka­tio­nen, sei­nem Ein­fluss auf die Gesell­schaft –, dann stumpft man ab. Oder schlim­mer noch: Man ver­fällt einer Denk­wei­se, die man frü­her ver­ur­teilt hät­te.

Und genau da wird es gefähr­lich.

Die wah­re Ver­ro­hung fin­det in uns selbst statt

Wir spre­chen oft von der „Ver­ro­hung der Gesell­schaft“, als wäre das etwas Abs­trak­tes da drau­ßen. Doch die Wahr­heit ist unbe­que­mer: Sie pas­siert in jedem Ein­zel­nen  von uns. Wenn wir anfan­gen, Men­schen nicht mehr als Men­schen zu sehen. Wenn wir Scha­den­freu­de bei Gewalt emp­fin­den. Wenn wir inner­lich anfan­gen zu sor­tie­ren: „Der hat es ver­dient – der nicht“ Dann ist die Gren­ze längst über­schrit­ten.

Mein Gedan­ke heu­te – die­ses „Scha­de“ – war genau so ein Moment.

Und ich fin­de, man kann das nicht ein­fach weg­wi­schen oder rela­ti­vie­ren. Man muss sich dem stel­len.

Krie­ge, Kri­sen und Abstump­fung

Wir leben in einer Zeit, in der Nach­rich­ten die­ser Art fast schon zum All­tag gewor­den sind: Krie­ge in Nah­ost, Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen schlimms­ter Art im Iran, Krieg, Bom­ben und Droh­nen in der Ukrai­ne, ver­ges­se­ne Krie­ge in Afri­ka, Sudan, Gewalt, Atten­ta­te und poli­ti­sche Eska­la­ti­on.

Die Lis­te könn­te noch län­ger sein. Sie könn­te zu lang sein. Viel zu lang.

Denn irgend­wann pas­siert etwas Gefähr­li­ches: Wir gewöh­nen uns dar­an. Wir haben uns schon dar­an gewöhnt. Was frü­her ein Schock war, ist heu­te nur noch eine Rand­no­tiz, eine Fuß­no­te. Und unse­re emo­tio­na­le Reak­ti­on wird immer küh­ler.

Die eigent­li­che Fra­ge

Die wich­tigs­te Fra­ge ist für mich nicht: „Wie konn­te das pas­sie­ren?“ Son­dern viel­mehr: „Was macht das mit mir?“ Wenn ich ehr­lich bin: Es macht mich här­ter. Zyni­scher. Gleich­gül­ti­ger.

Und das ist kein gutes Zei­chen.

Viel­leicht ist dies der Moment, Din­ge zu über­den­ken

Ich glau­be nicht, dass wir den „Zustand der Welt“ über Nacht ändern kön­nen. Aber wir kön­nen bei uns selbst anfan­gen: Die Mensch­lich­keit bewusst wie­der in unser Leben las­sen. Davon abse­hen, jeden poli­ti­schen Geg­ner zu ent­mensch­li­chen und uns selbst hin­ter­fra­gen, wenn sol­che Gedan­ken auf­kom­men

Denn genau dort ent­schei­det sich, ob eine Gesell­schaft ver­roht oder nicht.

Ich schä­me mich für mei­nen ers­ten Gedan­ken. Aber viel­leicht ist genau das wich­tig: Dass man es erkennt.

Denn Ver­ro­hung  beginnt nicht mit Gewalt. Sie beginnt im Kopf. Und manch­mal mit einem ein­zi­gen Wort:

„Scha­de“

Bild: Pri­vat Klaus Ulin­ski

Kommentare

Ein Kommentar zu „“Schade”“

  1. Avatar von Walter Schubert
    Walter Schubert

    Sehr gut beschrie­ben und “scha­de” – es geht mir genau­so.
    Aber wie wer­den wir die­se unfä­hi­gen, kor­rup­ten, inkom­pe­ten­ten, gefähr­li­chen und ein­ge­bil­de­ten Ver­ant­wor­tungs­trä­ger los? Sie wer­den für ihr Tun nie zur Ver­ant­wor­tung gezo­gen, müs­sen sich nicht recht­fer­ti­gen und wer­den – wenn über­haupt, mit viel Glück – mit üppi­gen lebens­lan­gen Bezü­gen nach Hau­se geschickt. Natür­lich ist eine gewalt­tä­ti­ge Akti­on kei­ne Lösung und auch nicht gut zu hei­ßen – aber ver­ste­hen kann ich eine sol­che Ver­zweif­lung schon. Scha­de, so weit bin ich schon und ich bin über mich selbst erschro­cken.

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