Was sind heute Menschenrechte, was Demokratie und Freiheit wert?

Persönliche Eindrücke und Gedanken nach der Teilnahme an einer Tagung in Bonn.

Als Ver­tre­ter der deutsch-ukrai­ni­schen Hilfs­or­ga­ni­sa­ti­on Blau-Gel­bes Kreuz folg­te ich am 11. April 2026 der Ein­la­dung der Inter­na­tio­na­len Gesell­schaft für Men­schen­rech­te (IGFM) zu ihrer 54. Jah­res­ta­gung in Bonn im Gus­tav-Stre­se­mann-Insti­tut.

Die Tages­ord­nung lag mir zwar vor – doch was mich tat­säch­lich erwar­te­te, konn­te ich nicht erah­nen.

Reli­gi­ons­frei­heit welt­weit: Zustän­de wie im Mit­tel­al­ter

Den Auf­takt mach­te der Beauf­trag­te der Bun­des­re­gie­rung für Reli­gi­ons- und Welt­an­schau­ungs­frei­heit, Tho­mas Rachel MdB. In sei­nem Vor­trag schil­der­te er die Ver­fol­gung und grau­sa­me Bestra­fung Anders­gläu­bi­ger in zahl­rei­chen Län­dern.

Die Viel­zahl der Bei­spie­le schien kein Ende zu neh­men. Unwei­ger­lich stell­te sich die Fra­ge: Wie ist das im Jahr 2026 mög­lich? Trotz glo­ba­ler Ver­net­zung, Inter­net und inten­si­ver Rei­se­tä­tig­keit wir­ken die­se Zustän­de wie aus dem tiefs­ten Mit­tel­al­ter.

Men­schen­rechts­ar­beit in der Ukrai­ne

Die Juris­tin Ana­sta­si­ja Alek­se­je­wa berich­te­te ein­drück­lich über die Arbeit der IGFM in der Ukrai­ne. Sie sprach über huma­ni­tä­re Hil­fen, die ins­be­son­de­re in Front­nä­he bei wei­tem nicht aus­rei­chen, aber auch über die Unter­stüt­zung staat­li­cher Struk­tu­ren bei der Anglei­chung an euro­päi­sche Stan­dards.

Ein per­sön­li­ches Schick­sal: Der Fall Kevin Lick

Beson­ders unter die Haut gin­gen die Schil­de­run­gen von Kevin Lick, einem 21-jäh­ri­gen Rus­sen. Wegen eines ver­meint­li­chen „Schü­ler­streichs“ – er hat­te auf sei­nem Han­dy ein Pro­pa­gan­da­fo­to von Putin durch eines von Nawal­ny ersetzt – wur­de er wegen Hoch­ver­rats ver­ur­teilt und ver­brach­te meh­re­re Jah­re im Kau­ka­sus in Haft.

Die Bedin­gun­gen für den jüngs­ten poli­ti­schen Gefan­ge­nen des Lan­des waren unvor­stell­bar. Heu­te lebt er mit sei­ner Mut­ter in Deutsch­land und arbei­tet – sprach­lich hoch­be­gabt – an sei­nem Abitur.

Berich­te aus aller Welt: Iran, Bela­rus, Kuba und Kur­di­stan

Unver­ges­sen blei­ben auch die Bei­trä­ge wei­te­rer Vor­tra­gen­der aus dem Iran, Bela­rus und Kuba. Beson­ders bewe­gend war die Zuschal­tung der Jesi­din Sub­az Ali aus einem Flücht­lings­la­ger in Kur­di­stan.

Erschüt­ternd waren zudem die Aus­füh­run­gen des uigu­ri­schen Arz­tes und Men­schen­rechts­ak­ti­vis­ten Dr. Enver Toh­ti. Die von ihm gezeig­ten Bil­der – unter ande­rem von zu mobi­len Kre­ma­to­ri­en umfunk­tio­nier­ten Kran­ken­wa­gen – sowie die beleg­ten Hin­wei­se auf sys­te­ma­ti­schen Organ­han­del in Chi­na, der für die „Spen­der“ meist töd­lich endet, las­sen sich kaum ver­ar­bei­ten.

Erschüt­tern­de Zah­len aus dem Iran

Die neu­es­ten, von unab­hän­gi­gen Quel­len veri­fi­zier­ten Zah­len aus dem Iran, prä­sen­tiert per Power­Point, lie­ßen selbst lang­jäh­ri­ge IGFM-Mit­glie­der erschau­dern.

Mehr als 40.000 Men­schen wur­den in den ver­gan­ge­nen Wochen durch geziel­te Schüs­se getö­tet. Die Zahl der Ver­letz­ten und Inhaf­tier­ten ist kaum zu erfas­sen. Seit über 1.000 Stun­den ist das Inter­net abge­schal­tet – Kom­mu­ni­ka­ti­ons­we­ge sind sowohl inner­halb des Lan­des als auch nach außen nahe­zu voll­stän­dig unter­bro­chen.

Was bewir­ken sol­che Berich­te?

An die­sem Nach­mit­tag stell­te sich wohl nicht nur mir die Fra­ge: Was ver­än­dern die­se Berich­te? Was bewir­ken die­se kaum aus­zu­hal­ten­den Schil­de­run­gen?

Die Ant­wort der Inter­na­tio­na­len Gesell­schaft für Men­schen­rech­te ist klar:
• Erfas­sen
• Doku­men­tie­ren
• Vor inter­na­tio­na­len Gerich­ten ankla­gen
• Ver­öf­fent­li­chen

Unse­re Arbeit im Blau-Gel­ben Kreuz

Auch das Blau-Gel­be Kreuz leis­tet kon­ti­nu­ier­lich Hil­fe: Wir brin­gen drin­gend benö­tig­te huma­ni­tä­re Güter, Ret­tungs­fahr­zeu­ge, Strom­ge­ne­ra­to­ren und Inku­ba­to­ren für Früh­ge­bo­re­ne in die Kriegs­ge­bie­te.

Unse­re Mit­glie­der – dar­un­ter vie­le ukrai­ni­sche Geflüch­te­te im Köl­ner Hilfs­la­ger – haben Schreck­li­ches erlebt. Eben­so berich­ten Hel­fer, die von Ein­sät­zen vor Ort nach Deutsch­land zurück­keh­ren, von ihren Erfah­run­gen.

Eini­ge die­ser Geschich­ten ken­ne ich per­sön­lich. Eige­ne Ein­drü­cke konn­te ich bei der Beglei­tung eines Ret­tungs­kon­vois Ende letz­ten Jah­res gewin­nen.

Dass in die­sem Angriffs­krieg Men­schen­rech­te und die Gen­fer Kon­ven­ti­on miss­ach­tet wer­den, zei­gen wir auch Besu­che­rin­nen und Besu­chern unse­res Lagers in der Markt­stra­ße – unter ande­rem anhand eines zer­schos­se­nen Kran­ken­wa­gens, in dem Fah­rer und Pati­en­ten getö­tet wur­den.

Ein per­sön­li­ches Fazit

Am Abend sprach ich mit Lin­da, der Vor­sit­zen­den des Blau-Gel­ben Kreu­zes.

„Die Teil­nah­me an die­ser Ver­an­stal­tung, bei der unglaub­lich muti­ge Augen­zeu­gen und Opfer von selbst erleb­ten Grau­sam­kei­ten berich­ten, erschreckt mich und mei­ne Lands­leu­te – trotz unse­rer stän­di­gen, unver­meid­li­chen Nähe zum Krieg und sei­nen Fol­gen. Das ist kein Trost, das rela­ti­viert nichts. Aber wir wis­sen: Wir sind nicht allein.“

Fotos: Lothar Dähn

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