Die fremde Handschrift

VON YVONNE SCHWANKE

Schon ein­mal wur­de ich von einem Über­ra­schungs-Feld­post­fund aus dem ers­ten Welt­krieg gepackt und in eine längst ver­ges­se­ne Zeit zurück­ge­schleu­dert. Die „Post von Paul“ führ­te mich auf eine Odys­see, die an der Ost­front des Kriegs­jah­res 1916 ihren Anfang nahm und bis ins tiefs­te Sibi­ri­en in das Jahr 1919 führ­te.

Mein Uropa Wal­ter Hes­sen­bruch wur­de sei­ner­zeit eben­falls ein­ge­zo­gen.

Man ver­frach­te­te ihn an die West­front in Bel­gi­en und Frank­reich. Von dort schrieb er über 100 Kar­ten und Brie­fe an sei­ne Frau Toni und die bei­den klei­nen Kin­der Karl und Anto­nie.
Die Kor­re­spon­denz reicht zeit­lich von Sep­tem­ber 1914 bis zum Okto­ber 1918.
Uropa Wal­ters Hand­schrift war gesto­chen schmal und er ver­fass­te alles in Kurr­ent­schrift.
Mit ande­ren Wor­ten: Uropa Wal­ter ver­moch­te es mit sei­ner sau­be­ren Sau­klaue, Unmen­gen eng anein­an­der­ge­dräng­te Infor­ma­tio­nen auf einer klei­nen Post­kar­te zu ver­ewi­gen.
(So er denn nicht nur einen ein­zi­gen Satz schrieb.)
Jeder der schon ein­mal als Anfän­ger ver­sucht hat, uralte Post­kar­ten­in­hal­te zu tran­skri­bie­ren, weiß, dass es sich dabei um ner­ven­auf­rei­ben­de Kleinst­ar­beit han­deln kann.
Vor mehr als 20 Jah­ren hat­te ich es schon ein­mal mit einer Über­set­zung sei­ner ver­ma­le­dei­ten Hand­schrift ver­sucht und war kläg­lich geschei­tert.

Uropa Wal­ter Hes­sen­bruch 2.v.r.vorne

Die Exis­tenz der Feld­post an sich war somit seit lan­gem bekannt.
Doch inhalt­lich ent­hielt sie dann doch eine Über­ra­schung:

Als ich die Kar­ten nach Datum sor­tie­re und dabei jede ein­zel­ne kurz über­flie­ge, fällt mir urplötz­lich eine leicht les­ba­re Hand­schrift ins Auge.
Die Kar­te ist vom 7.11.1915 und zeigt vor­ne den gemal­ten Hafen­ein­gang von Ost­ende und Schif­fe auf einer stür­mi­schen See.
Ver­wirrt star­re ich auf den Text: „Erlaubt sich zu grü­ßen, See­sol­dat vom Stein“, steht da unver­mit­telt.

Neu­gie­rig gehe ich im Inter­net die Ver­lust­lis­ten des ers­ten Welt­kriegs durch und fin­de tat­säch­lich zwei See­sol­da­ten mit Namen Wal­ter vom Stein.
(Zur Info: In den Ver­lust­lis­ten wur­den nicht nur Todes­fäl­le, son­dern auch Ver­wun­de­te und in Gefan­gen­schaft gera­te­ne Sol­da­ten auf­ge­führt. )
Der eine Wal­ter stamm­te aus Solin­gen und der ande­re – erstaunt star­re ich auf den Orts­na­men – aus unse­rem Nach­bar­dorf Dur­hol­zen. Der muss es sein!

Der Link führt mich zu dem uralten Lis­ten­ein­trag und hin­ter Wal­ter vom Steins Namen steht : t. = Tot.
Zusätz­lich che­cke ich sei­nen Namen in der soge­nann­ten „Gehei­men Mari­ne Ver­lust­lis­te“ und sto­ße dort tat­säch­lich auf wei­te­re Anga­ben:
T.3.12, g. G, K. = Tod am 3.12 durch ein gro­ßes Geschoss in den Kopf.

Der Mann mit der leser­li­chen Hand­schrift, der sich am 7.11.15 auf Uropas Kar­te „erlaubt hat­te zu grü­ßen“, starb nur knapp 4 Wochen spä­ter durch einen Kopf­schuss.
Für mich eine dys­to­pisch sur­rea­le Vor­stel­lung.
Ich fah­re mit dem Fin­ger über die Schrift und fra­ge mich, wie die­ser Mensch wohl gewe­sen sein mag.
Wel­chen Beruf hat­te er? Was waren sei­ne Träu­me? War er ver­liebt, ver­hei­ra­tet? Hat­te er Kin­der?

Hin­ter die­sem kurz hin­ge­krit­zel­ten 105 Jah­re alten Gruß steckt eine Geschich­te und ich will wis­sen, was ich dazu noch her­aus­fin­den kann.
Doch, wie schon bei der Recher­che nach Paul, ist auch hier mal wie­der mei­ne Geduld gefor­dert.

Eini­ge Wochen spä­ter emp­fängt Herr Gries die lie­be Ute Kel­ler und mich in den auf­re­gen­den Archiv­ka­ta­kom­ben des Ber­gi­schen Geschichts­ver­eins (BGV) Wer­mels­kir­chen. Dank sei­ner Hil­fe fin­den wir die Ster­be­ur­kun­de recht zügig, was mich bei der Recher­che zu „mei­nem“ See­sol­da­ten vom Stein tat­säch­lich ein gan­zes Stück wei­ter­bringt

Die Ster­be­ur­kun­de wur­de mehr als ein hal­bes Jahr nach Wal­ters Tod, am 29.6.1916, aus­ge­stellt und ent­hält fol­gen­de Infor­ma­tio­nen:
der Kom­man­deur des 2. Ersatz-See­ba­tail­lons Num­mer 2 hat mit­ge­teilt, dass der See­sol­dat des 3. Mari­ne Infan­te­rie Regi­ments, Eugen Wal­ter vom Stein, Anstrei­cher, ledig.
21 Jah­re alt, evan­ge­li­scher Reli­gi­on, wohn­haft in Wer­mels­kir­chen-Dur­hol­zen, gebo­ren zu Dur­hol­zen, Stadt­ge­mein­de Wer­mels­kir­chen
Sohn der Ehe­leu­te Anstrei­cher und Land­wirt Albert vom Stein und Eli­se gebo­re­ne Paf­frath, wohn­haft in Wer­mels­kir­chen, bei Kets­brug in Bel­gi­en, am drit­ten Dezem­ber des Jah­res tau­send­neun­hun­dert­fünf­zehn gefal­len sei.
Die genaue Zeit des Todes ist nicht fest­ge­stellt wor­den
.

„Ach guck“, den­ke ich, „EUGEN Wal­ter! Du See­sol­dat warst eigent­lich gelern­ter Anstrei­cher. Und wur­dest nur 21 Jah­re alt.“
Ver­damm­ter Krieg.

In den dar­auf­fol­gen­den Wochen begin­ne ich damit, sämt­li­che zusam­men­ge­tra­ge­nen Abstell­raum­fund-Fotos zu sor­tie­ren.
Mein Urgroß­va­ter Wal­ter Hes­sen­bruch brach­te erstaun­lich vie­le Fotos aus sei­ner Kriegs­zeit mit.
Damals wur­den die­se meist mit einer Post­kar­te auf der Rück­sei­te aus­ge­druckt und so dach­te ich zunächst, dass es sich bei fast allen um „all­ge­mei­ne“, also eher unper­sön­li­che Fotos han­del­te.
Als ich, mit einer gro­ße Lupe und dem Han­dy im Anschlag, die vor­han­de­nen Fotos sich­te, erken­ne ich dar­auf jedoch recht häu­fig mei­nen Urgroß­va­ter.
Ein Foto zeigt ein gro­ßes dunk­les Holz­kreuz auf einem fri­schen Grab inmit­ten ande­rer fri­scher Grä­ber. Schon sehr oft habe ich es in den Hän­den gehal­ten und betrach­tet. Heu­te, es ist der 20.11.2019, bin ich dabei, es per Whats­app an mei­nen lie­ben Recher­che-Hel­fer und Exper­ten Tom­my Gratza wei­ter­zu­lei­ten, als mir ein bis­her unbe­merk­tes Detail ins Auge fällt. 
Auf dem Kreuz­bal­ken ist eine schwa­che Inschrift erkenn­bar.
Neu­gie­rig schaue ich mir das Gan­ze dar­auf­hin noch ein­mal näher an und mir stockt der Atem.

„Nein! Nein! Das kann nicht sein!“, den­ke ich und mei­ne Nacken­haa­re rich­ten sich ein klein wenig auf.
Noch ein­mal neh­me ich mein Han­dy zur Hand, zoo­me näher her­an und bekom­me Gän­se­haut.

Auf dem Grab­kreuz steht: 
See­sol­dat Wal­ter vom Stein
(Kom­pa­nie und Dienst­grad)
gefal­len 3.12.1915 in Kets­brug

Ruhe in Frie­den

Ich besit­ze tat­säch­lich ein Bild vom Grab „mei­nes“ gesuch­ten See­sol­da­ten!
Fas­sungs­los set­ze ich mich erst ein­mal hin.
„Das gibt es doch gar nicht!“, den­ke ich und rufe sofort Ute Kel­ler an, um ihr von dem Fund zu berich­ten.
Es dau­ert eine Wei­le bis mei­ne Gän­se­haut ver­schwin­det.

Und wie­der ist es wie sei­ner­zeit bei Paul. Ute und ich sind uns einig:
Ich MUSS wei­ter­su­chen.
Wie sah er aus, der See­sol­dat Wal­ter vom Stein? Wo hat er in Dur­hol­zen gewohnt? Wer ist mit ihm ver­wandt?

Die­ses Mal set­ze ich im Nach­bar­dorf Dur­hol­zen an und fra­ge mei­nen Freund Elmar Kai­ser, der dort auf­ge­wach­sen ist.
„Sag mal, gibt es in Dur­hol­zen noch irgend­wo „vom Steins“?“, fra­ge ich
„Boah, also nicht, dass ich wüss­te. Könn­ten ja aber auch in Unter­dur­hol­zen gewohnt haben“, erwi­dert Elmar.
Also fra­ge ich mei­ne Nach­ba­rin Mimi (Mari­on Posin­gies), die ursprüng­lich aus Unter­dur­hol­zen stammt.

(Aus 12 Häu­sern und fünf Scheu­nen bestehen­de Ort­schaf­ten wer­den hier im Ber­gi­schen ger­ne in Ober- und Unter­dorf unter­teilt, das ist meist auf geo­gra­phi­sche Gege­ben­hei­ten zurück­zu­füh­ren und sel­ten auf aku­ten Grö­ßen­wahn.)

Aber auch Mimi kann lei­der nicht mit wei­te­ren Infor­ma­tio­nen auf­war­ten.
Ich tre­te also auf der Stel­le und kom­me nicht wei­ter. Mal wie­der.

Mona­te ver­ge­hen. Mona­te, ich denen ich viel arbei­te und viel wan­de­re.
Schon unzäh­li­ge Male wan­der­te ich am Mahn­mal im Wel­ler­busch vor­bei.
Schon unzäh­li­ge Male über­flog ich die in Stein gemei­ßel­ten Namen.
Und nun neh­me ich zum ers­ten Mal bewußt wahr, dass auch der Name „mei­nes“ See­sol­da­ten dar­auf fest­ge­hal­ten ist.
Für uns sind es nur noch anein­an­der­ge­reih­te Buch­sta­ben ohne Inhalt, ohne Leben, ohne Bil­der, ohne eige­ne Geschich­te.
„Ich ver­su­che wirk­lich, ein Stück von Dir zu wie­der­zu­fin­den, See­sol­dat“, ver­spre­che ich dem Namen auf dem Denk­mal und über­le­ge, wie mei­ne Suche wei­ter­ge­hen könn­te.

Wie­der eini­ge Wochen spä­ter….
Der Fami­li­en­na­me „vom Stein“ ist fest in Wer­mels­kir­chen ver­an­kert.

Aus einem Impuls her­aus wen­de ich mich daher an den ein­zi­gen mir bekann­ten Namens­vet­ter mei­nes See­sol­da­ten: den außer­ge­wöhn­li­chen Wal­ter vom Stein.
Im Janu­ar 2020 kommt es in der Fir­ma Stein­tex zu einem her­aus­ra­gen­den Tref­fen mit dem inter­es­san­ten und inter­es­sier­ten Wal­ter vom Stein.
Schnell wird klar, dass der „Steintex“-Zweig nicht der gesuch­te „vom Stein“-Zweig ist.
Das gesam­te Sit-In ist jedoch ein infor­ma­ti­ves, mul­ti­di­men­sio­na­les Erleb­nis auf allen Ebe­nen im Zuge des­sen ich auch noch den Seni­or Herrn August Gün­ther vom Stein ken­nen­ler­nen und ein biss­chen zula­bern darf.

Wie­der gerät mei­ne See­sol­da­ten-Suche ins Sto­cken, denn ein bis dato unbe­kann­tes Virus stellt die bis­her bekann­te Welt auf den Kopf.

Es ist Anfang August 2020, ich fege vor mei­ner Laden­tür als ein Wagen auf der gegen­über­lie­gen­den Stra­ßen­sei­te Halt macht.
Ein freund­lich wir­ken­der älte­rer Herr steigt aus und beginnt mit der aus­gie­bi­gen Auf­be­rei­tung der Holz­tür mei­ner Nach­barn.
„Maler­meis­ter Jür­gen vom Stein“ lese ich, lege den Kopf schief und den­ke nach.

Spä­ter am glei­chen Tag bege­be ich mich mit Andre­as „Kem­mi“ Kem­man in den Unter­grund.
Wir „aben­teu­ern“ gemein­sam in die alte Mine zwi­schen Sta­els- und Kno­chen­müh­le, die ich schon lan­ge mal erkun­den woll­te.
Kem­mi erklär­te sich freund­li­cher­wei­se bereit, mit mir in das dunk­le Loch im Boden zu stei­gen. Er kennt sich näm­lich dort aus. Ich nicht.

Wäh­rend unse­rer Tour erzäh­le ich ihm von der See­sol­da­ten Recher­che und dass mei­ne nächs­te Akti­on so aus­se­hen wird, dass ich den momen­tan in Buch­hol­zen beschäf­tig­ten Maler­meis­ter Jür­gen vom Stein dies­be­züg­lich heu­te noch anspre­chen wer­de.
Immer­hin haben er und der See­sol­dat den glei­chen Beruf.
„Maler und Lackie­rer in der xten Gene­ra­ti­on? Fin­dest Du nicht, dass ist ein biss­chen weit her­ge­holt?“, meint Kem­mi, eben­falls Ahnen­for­scher.
„Wir Hes­sen­bruchs sind Schrei­ner in der vier­ten Gene­ra­ti­on“, ant­wor­te ich schul­ter­zu­ckend, „sooo weit her­ge­holt fin­de ich das gar nicht. Fra­gen scha­det nicht.“
„Bin gespannt“, ant­wor­tet er.

Kem­mi ent­puppt sich übri­gens als groß­ar­ti­ger „Frem­den­füh­rer“.
Zwei Stun­den, eine Mine, ein Grab im Wald, einen Stein­bruch und eine Ent­de­ckung von alten Ket­ten­fahr­zeug­lauf­rä­dern spä­ter lan­de ich wie­der zuhau­se.

Im Aben­teu­er­mo­dus und in Gum­mi­stie­feln stür­ze ich aus dem Auto und stür­me ent­schlos­sen auf den nichts­ah­nen­den Herrn vom Stein zu, der fried­lich an der Haus­tür her­um­wer­kelt.
„Guten Tag! Ent­schul­di­gung“, sage ich, „ich hät­te da mal eine Fra­ge an Sie: Hat Ihre Fami­lie mal in Dur­hol­zen gewohnt? Also, so vor unge­fähr 100 Jah­ren?“
„ Ja klar!“, lacht er, „genau in dem Haus, in dem die Fami­lie Kai­ser wohnt!“
(„Ach guck, Elmar. Es wohn­ten doch „vom Steins“ in Dur­hol­zen!“, den­ke ich fas­sungs­los.)
„Wis­sen Sie, ich suche nach einem See­sol­da­ten namens Wal­ter vom Stein aus Dur­hol­zen“, sage ich, „der hat 1915 auf einer der Feld­post­kar­ten mei­nes Urgroß­va­ters einen Gruß hin­ter­las­sen.“
Wäh­rend ich das sage, fällt mir auf, wie schräg sich das Gan­ze für Außen­ste­hen­de anhö­ren muß. Auweia.

„Ach, der Wal­ter! Ja, der war mit mir ver­wandt. Ist aber damals in Bel­gi­en erschos­sen wor­den“, erwi­dert Herr vom Stein so, als sei es das selbst­ver­ständ­lichs­te der Welt.  
„In Kets­brug“, erwi­de­re ich in erstaun­tem Auto­pi­lot­mo­dus.
„Ja, irgend­wo da“, sagt er.
„Wie? Sie ken­nen sei­ne Geschich­te? Nach all der Zeit?“, ich bin erschüt­tert.
„Natür­lich! Der Wal­ter, das war ein Drauf­gän­ger. Wo immer irgend­was los war, da stand der in vor­ders­ter Rei­he. So ein Aben­teu­rer war das. Und nach dem Krieg woll­te der sogar nach Afri­ka aus­wan­dern. Na ja, dazu kam es dann ja nicht mehr“, endet Herr vom Stein freund­lich lächelnd.
„Der war Anstrei­cher so wie Sie“, sage ich und muss mich davon abhal­ten, die­sen net­ten Men­schen nicht fest zu knud­deln.
„Ich bin Anstrei­cher in 7. Gene­ra­ti­on. Aber nach mir ist dann auch Schluss“, sagt er lachend.
(„7. Gene­ra­ti­on, Kem­mi! Ha! Unwahr­schein­lich, aber mög­lich!“, inner­lich tan­ze ich vor Freu­de.)
„Sagen Sie, exis­tiert viel­leicht irgend­wo noch ein Foto die­ses See­sol­da­ten und Drauf­gän­gers Wal­ter vom Stein?“, fra­ge ich zag­haft und wage nicht zu hof­fen.
„Klar. Mei­ne Toch­ter hat eins.“
Nach die­sem Satz schlägt mir das Herz bis zum Hals.
„Könn­ten Sie mir das abfo­to­gra­fie­ren und dann via Whats­app zuschi­cken“, fra­ge ich auf­ge­regt.
„Ich kann das nicht so mit dem neu­mo­di­schen Kram. Aber ich fra­ge mei­ne Toch­ter ger­ne“, sagt er und schon wie­der könn­te ich ihn her­zen.
„Ich habe sogar ein Foto vom Grab“, sagt er.
„Ich auch! Hat, glau­be ich, mein Urgroß­va­ter gemacht“, sage ich.
„Wer war denn der Urgroß­va­ter?“
„Wal­ter Hes­sen­bruch.“
„Ach nee, die Welt ist klein“, sagt er und freut sich mit mir.
„Der Wal­ter, der war ein rich­ti­ger Drauf­gän­ger“, sagt er noch ein­mal lächelnd und seufzt.
Ich gebe ihm mei­ne Visi­ten­kar­te und erneu­tes War­ten beginnt.  

Noch am glei­chen Abend erhal­te ich von Kris­ti­na vom Stein, der Toch­ter des freund­li­chen Maler­meis­ters, das ersehn­te Foto von See­sol­dat Wal­ter vom Stein, sei­nes Zei­chens Drauf­gän­ger und Anstrei­cher.

Darf ich vor­stel­len?

Drauf­gän­ger, Anstrei­cher und See­sol­dat Eugen Wal­ter vom Stein

Ein kur­zer Gruß auf einer 105Jahre alten Post­kar­te führ­te nicht nur zu Begeg­nun­gen mit inter­es­san­ten und hilfs­be­rei­ten Men­schen, son­dern ließ die Erin­ne­rung an einen jun­gen Mann auf­le­ben, der vor über 100 Jah­ren in den Krieg zog und nicht mehr zurück­kehr­te.

Hin­ter allen Namen auf allen Kriegs-Mahn­mä­lern der Welt stand einst ein Men­schen­le­ben.
Gin­gen wir ehr­füch­ti­ger mit dem Leben um, wenn wir ver­such­ten, uns bewußt zu machen, dass hin­ter allen Namen auf allen Kriegs-Mahn­mä­lern der Welt einst ein Men­schen­le­ben stand?

Wal­ter vom Stein jeden­falls ist nicht mehr län­ger nur ein Name unter vie­len auf einem alten Gedenk­stein im Wel­ler Busch, also nicht für mich jeden­falls.
Die­ser Name hier bekam sein Gesicht und einen klei­nen Teil sei­ner Geschich­te zurück.
(Und ich dan­ke allen, die das mög­lich gemacht haben, von Her­zen.)

Das Leben eines Men­schen besteht aus Geschich­ten.
Und man ist erst dann wirk­lich tot, wenn die Spu­ren und Geschich­ten, die man in der Welt hin­ter­las­sen hat, ver­ges­sen sind.

Fotos: Yvonne Schwan­ke

Kommentare

Eine Antwort zu „Die fremde Handschrift“

  1. Avatar von Hiltrud Hessenbruch
    Hiltrud Hessenbruch

    Dei­ne Geschich­te ist span­nend, je näher ich auf” vom Stein ” kam,viel mir direkt der Maler­meis­ter vom Stein ein.
    Dhünn, Neu­en­weg. und sie­he da, das wei­ter­le­sen wur­de immer spannender.Am Ende bestä­tig­te sich mei­ne Ver­mu­tung. Wie cool ist das denn. Super tol­le Recher­che.

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