Bahndamm Wermelskirchen – Eine Chronik in 12 Teilen (10)

Teil 10 von 12 + 1

Musik, Kultur und der Bahndamm als Szeneort

Mit der Selbst­ver­wal­tung ab 1990 gewann der Bahn­damm nicht nur orga­ni­sa­to­ri­sche Sicher­heit, son­dern auch kul­tu­rel­le Frei­heit. Ent­schei­dun­gen über Pro­gramm und Aus­rich­tung lagen nun voll­stän­dig bei den Akti­ven. Musik blieb dabei der zen­tra­le Motor – nicht als Selbst­zweck, son­dern als Aus­druck einer Hal­tung.

Der Bahn­damm ent­wi­ckel­te sich in den 1990er Jah­ren zu einem fes­ten Punkt auf der Land­kar­te alter­na­ti­ver Kon­zer­tor­te. Punk, Hard­core, Reg­gae, Hip­Hop und spä­ter auch Cross­over-For­ma­te fan­den hier Platz. Vie­le Bands spiel­ten ihre ers­ten Auf­trit­te vor klei­ne­rem Publi­kum, ande­re mach­ten auf Tour bewusst Sta­ti­on in Wer­mels­kir­chen – nicht wegen der Grö­ße, son­dern wegen der Atmo­sphä­re.

Der Kon­zert­be­trieb war geprägt von DIY-Struk­tu­ren. Boo­king, Tech­nik, The­ke, Kas­se – alles wur­de selbst orga­ni­siert. Ein­nah­men flos­sen nicht in Gewin­ne, son­dern zurück in den Betrieb. Das mach­te den Bahn­damm unab­hän­gig von kom­mer­zi­el­len Inter­es­sen und ermög­lich­te Ein­tritts­prei­se, die für Jugend­li­che bezahl­bar blie­ben.

Neben Kon­zer­ten ent­stan­den wei­te­re kul­tu­rel­le Ange­bo­te: The­men­aben­de, poli­ti­sche Ver­an­stal­tun­gen, Lesun­gen, Par­tys. Der Bahn­damm war kein rei­ner Musik­club, son­dern ein Ort, an dem Kul­tur im wei­te­ren Sin­ne statt­fand – oft impro­vi­siert, manch­mal sper­rig, aber stets getra­gen von Betei­li­gung statt Kon­sum.

Der Sze­ne­cha­rak­ter brach­te neue Her­aus­for­de­run­gen. Unter­schied­li­che Sti­le, poli­ti­sche Posi­tio­nen und Alters­grup­pen nutz­ten den Raum par­al­lel. Aus­ein­an­der­set­zun­gen waren unver­meid­lich: über Inhal­te, über Ver­hal­ten, über Gren­zen. Die Selbst­ver­wal­tung erfor­der­te in die­sen Fra­gen ste­ti­ge Mode­ra­ti­on und Kom­pro­miss­be­reit­schaft.

Trotz­dem blieb der Bahn­damm für vie­le ein iden­ti­täts­stif­ten­der Ort. Wer hier aktiv war, lern­te nicht nur, Ver­an­stal­tun­gen zu orga­ni­sie­ren, son­dern auch Ver­ant­wor­tung zu über­neh­men, Kon­flik­te aus­zu­tra­gen und gemein­sam Lösun­gen zu fin­den. Für man­che war das prä­gend weit über die Jugend hin­aus.

In den 1990er Jah­ren erreich­te die­se Form eine gewis­se Sta­bi­li­tät. Der Bahn­damm war eta­bliert, aner­kannt – aber nie voll­stän­dig inte­griert. Sei­ne Stär­ke blieb gera­de das Unan­ge­pass­te, das Nicht-Per­fek­te, das Eigen­stän­di­ge.

Mit zuneh­men­der Dau­er stell­te sich jedoch eine neue Fra­ge: Wie bleibt ein selbst­ver­wal­te­ter Ort leben­dig, wenn Gene­ra­tio­nen wech­seln und Anfor­de­run­gen stei­gen?

Im nächs­ten Teil geht es um Men­schen und Erin­ne­run­gen:
Anek­do­ten, Stim­men und Geschich­ten aus dem Bahn­damm-All­tag.

Bil­der: Jugend­in­itia­ti­ve Wer­mels­kir­chen e. V. / AJZ Bahn­damm

Tei­le der Bahn­damm Chro­nik:

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