Der Kitt
Wermelskirchen ist eine Stadt, in der man sich kennt: im Verein, beim Bäcker, auf dem Wochenmarkt, im Chor, bei der Feuerwehr. Das ist kein romantisches Detail, sondern ein handfester Vorteil. In einer Zeit, in der vieles unübersichtlicher wird, sind Orte, an denen Gemeinschaft entsteht und hält, ein Standortfaktor, den keine Bilanz erfasst und den jeder spürt, der ihn vermisst.
Aber auch die Stadtgesellschaft steht in einem Übergang. Menschen ziehen zu, andere fort; die Lebensentwürfe werden vielfältiger, die Arbeitswelt verlangt mehr Beweglichkeit, die Streitigkeiten Themen häufen sich-Verkehr, wohnen, Lärm, Erwartungen an Politik und Verwaltung. Die soziale Balance eines Ortes wird dadurch empfindlicher, und Empfindlichkeit ist ansteckend.
Gemeinschaft entsteht nämlich nicht von selbst. Sie muss gepflegt werden: durch offene Begegnungsräume, durch feste, durch das Ehrenamt, vor allem durch die Bereitschaft, den anderen nicht als Gegner zu sehen, sondern als jemanden, mit dem man etwas gemeinsam zu regeln hat. Manches davon lässt sich fördern, vieles nicht; was eine Stadt aber jederzeit tun kann, ist, den Rahmen nicht mutwillig zu verengen.
Der Ton gehört in diesem Rahmen. Wer die Kommentarspalten dieses Forums verfolgt hat-Man denke an die hitzige Debatte um die Kinderstadt und ihre Demonstration‑, weiß, wie schnell aus einer Sachfrage ein Grabenkampf wird und wie mühsam der Weg zurück ist. Es ist eine alltägliche Beobachtung, dass ein zu spät gebremster Radfahrer auf der Trasse und ein zu spät gebremster Ratsherr im Ausschuss demselben Reflex erliegen: sofort laut zu werden. Wer permanent zuspitzt, beschädigt Beziehungen, auf die er später angewiesen ist. Wer eine Brücke baut, ermöglicht eine Lösung, die es sonst nicht gäbe.
Man muss das nicht mit Nachsicht verwechseln. In der Sache darf man hart sein, im Ton sollte man verlässlich bleiben; das eine schließt das andere nicht aus, im Gegenteil, es macht Kritik erst wirksam. Der Abend im Haus der Begegnung, zu dem geladen wurde unter dem schlichten Satz: „Lasst uns reden“, hat gezeigt, das Zuhören keine Schwäche ist, sondern eine Fähigkeit, die man üben kann.
Und zum Schluss: Zusammenhalt ist kein weiches Thema, das man gegenüber Härten abhandelt. Er ist die Voraussetzung dafür, dass Härten überhaupt lösbar sind. Eine Stadt, die streitet, ohne sich zu zerstreiten, hält mehr aus als eine, die höflich aneinander vorbeilebt.
Der Kitt hält nur, solange man ihn erneuert.
Beitragsbild: Privat Klaus Ulinski
Hier finden Sie eine Übersicht der Kolumne “Übergänge” von Klaus Ulinski
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