Vom Wert der Wertschöpfung
Die Wirtschaft ist das Rückgrat einer Stadt. Sie schafft Arbeit, sie füllt über Steuern die Kasse, sie prägt das Selbstbild eines Ortes. Und sie steht unter Druck, auch hier: Die Energiepreise schwanken stärker, die Fachkräfte werden knapper, die Kundschaft fragt nach Nachweisen, die es vor zehn Jahren nicht gab. Das ist kein vorübergehendes Wetter, sondern ein Klimawechsel im Wortsinn.
Wermelskirchen hat für diesen Wechsel keine schlechte Ausgangslage. Eine gewachsene mittelständische Kultur, viele Handwerksbetriebe, einige Unternehmen mit Kunden in aller Welt, dazu die Nähe zu den großen Städten der Region — das ist eine Mischung, um die uns mancher beneidet. Nur folgt aus einer guten Ausgangslage nichts von selbst. Wer stehen bleibt, weil es bisher lief, verwechselt Beharrlichkeit mit Sicherheit; die Geschichte kennt genug Branchen, die groß und stolz waren und die Entwicklung trotzdem verschlafen haben.
An dieser Stelle lohnt eine Unterscheidung, die in der Klimadebatte oft untergeht. Die Frage nämlich ist nicht allein, ob in einer Region neue Anlagen entstehen, sondern wem sie gehören und wo die Erträge landen. Wird ein Windrad von einem auswärtigen Fonds gebaut und betrieben, dann fließt der Gewinn dorthin, wo der Fonds sitzt. Beteiligen sich Stadtwerke, örtliche Betriebe oder Bürgerinnen und Bürger, bleibt ein erheblicher Teil der Wertschöpfung vor Ort und stärkt den Kreislauf, aus dem am Ende auch die Gewerbesteuer kommt. Der Unterschied ist nicht ideologisch, er ist buchhalterisch – und für eine Stadt, deren Haushalt vor dem Absturz steht, ist er alles andere als nebensächlich.
Dazu kommt ein Zusammenhang, den man leicht übersieht: wo neue, hochproduktive Betriebe entstehen – Planer, Techniker, spezialisierte Handwerker -, verändert sich die Wirtschaftsstruktur eines Ortes, und zwar zum Besseren. Solche Betriebe zahlen ordentliche Löhne, bilden aus, arbeiten auch in anderen Feldern weiter. Man kann in einzelnen Regionen inzwischen nachrechnen, dass ein guter Teil des Wachstums der vergangenen Jahre auf genau diese Entwicklung zurückgeht, bis hinein in bessere Kinderbetreuungsquoten und einen schnelleren Netzausbau.
Und wie immer: ein letztes noch. „Wirtschaft im Wandel“ klingt nach einer Sache für Wirtschaftsförderer und Kammern. In Wahrheit ist es eine Frage der Haltung: Bestellt eine Stadt Leistungen bevorzugt bei den Betrieben vor Ort? Wirbt sie mit verlässlicher, sauberer Energie um Ansiedlungen, statt nur um Flächen? Denkt sie Energie‑, Wirtschafts- und Strukturpolitik zusammen — oder bearbeitet sie jedes Feld für sich, in einem eigenen Ausschuss, mit eigener Verzögerung?
Der Wert der Wertschöpfung entscheidet sich nicht daran, dass irgendwo etwas produziert wird. Er entscheidet sich daran, wo der Ertrag am Abend liegt.
Beitragsbild: Privat Klaus Ulinski
Hier finden Sie eine Übersicht der Kolumne “Übergänge” von Klaus Ulinski
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Übergänge – Folge 1
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Übergänge – Folge 2
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Übergänge – Folge 3


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