Übergänge – Folge 3 

Vom Wert der Wert­schöp­fung

Die Wirt­schaft ist das Rück­grat einer Stadt. Sie schafft Arbeit, sie füllt über Steu­ern die Kas­se, sie prägt das Selbst­bild eines Ortes. Und sie steht unter Druck, auch hier: Die Ener­gie­prei­se schwan­ken stär­ker, die Fach­kräf­te wer­den knap­per, die Kund­schaft fragt nach Nach­wei­sen, die es vor zehn Jah­ren nicht gab. Das ist kein vor­über­ge­hen­des Wet­ter, son­dern ein Kli­ma­wech­sel im Wort­sinn.

Wer­mels­kir­chen hat für die­sen Wech­sel kei­ne schlech­te Aus­gangs­la­ge. Eine gewach­se­ne mit­tel­stän­di­sche Kul­tur, vie­le Hand­werks­be­trie­be, eini­ge Unter­neh­men mit Kun­den in aller Welt, dazu die Nähe zu den gro­ßen Städ­ten der Regi­on — das ist eine Mischung, um die uns man­cher benei­det. Nur folgt aus einer guten Aus­gangs­la­ge nichts von selbst. Wer ste­hen bleibt, weil es bis­her lief, ver­wech­selt Beharr­lich­keit mit Sicher­heit; die Geschich­te kennt genug Bran­chen, die groß und stolz waren und die Ent­wick­lung trotz­dem ver­schla­fen haben.

An die­ser Stel­le lohnt eine Unter­schei­dung, die in der Kli­ma­de­bat­te oft unter­geht. Die Fra­ge näm­lich ist nicht allein, ob in einer Regi­on neue Anla­gen ent­ste­hen, son­dern wem sie gehö­ren und wo die Erträ­ge lan­den. Wird ein Wind­rad von einem aus­wär­ti­gen Fonds gebaut und betrie­ben, dann fließt der Gewinn dort­hin, wo der Fonds sitzt. Betei­li­gen sich Stadt­wer­ke, ört­li­che Betrie­be oder Bür­ge­rin­nen und Bür­ger, bleibt ein erheb­li­cher Teil der Wert­schöp­fung vor Ort und stärkt den Kreis­lauf, aus dem am Ende auch die Gewer­be­steu­er kommt. Der Unter­schied ist nicht ideo­lo­gisch, er ist buch­hal­te­risch – und für eine Stadt, deren Haus­halt vor dem Absturz steht, ist er alles ande­re als neben­säch­lich.

Dazu kommt ein Zusam­men­hang, den man leicht über­sieht: wo neue, hoch­pro­duk­ti­ve Betrie­be ent­ste­hen – Pla­ner, Tech­ni­ker, spe­zia­li­sier­te Hand­wer­ker -, ver­än­dert sich die Wirt­schafts­struk­tur eines Ortes, und zwar zum Bes­se­ren. Sol­che Betrie­be zah­len ordent­li­che Löh­ne, bil­den aus, arbei­ten auch in ande­ren Fel­dern wei­ter. Man kann in ein­zel­nen Regio­nen inzwi­schen nach­rech­nen, dass ein guter Teil des Wachs­tums der ver­gan­ge­nen Jah­re auf genau die­se Ent­wick­lung zurück­geht, bis hin­ein in bes­se­re Kin­der­be­treu­ungs­quo­ten und einen schnel­le­ren Netz­aus­bau.

Und wie immer: ein letz­tes noch. „Wirt­schaft im Wan­del“ klingt nach einer Sache für Wirt­schafts­för­de­rer und Kam­mern. In Wahr­heit ist es eine Fra­ge der Hal­tung: Bestellt eine Stadt Leis­tun­gen bevor­zugt bei den Betrie­ben vor Ort? Wirbt sie mit ver­läss­li­cher, sau­be­rer Ener­gie um Ansied­lun­gen, statt nur um Flä­chen? Denkt sie Energie‑, Wirt­schafts- und Struk­tur­po­li­tik zusam­men — oder bear­bei­tet sie jedes Feld für sich, in einem eige­nen Aus­schuss, mit eige­ner Ver­zö­ge­rung?

Der Wert der Wert­schöp­fung ent­schei­det sich nicht dar­an, dass irgend­wo etwas pro­du­ziert wird. Er ent­schei­det sich dar­an, wo der Ertrag am Abend liegt.

Bei­trags­bild: Pri­vat Klaus Ulin­ski


Hier fin­den Sie eine Über­sicht der Kolum­ne “Über­gän­ge” von Klaus Ulin­ski

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