Giftwolke über Rheinlandia!

Sire­nen heu­len. Groß­alarm in Rhein­lan­dia. Eine Gift­wol­ke, die sich unmit­tel­bar nach einer gewal­ti­gen Explo­si­on bei einem gro­ßen Pes­ti­zid­her­stel­ler gebil­det hat, treibt unauf­halt­sam auf die Aus­tra­gungs­stät­te einer sport­li­chen Groß­ver­an­stal­tung zu. Lebens­ge­fahr! Der Kata­stro­phen­fall ist ein­ge­tre­ten.

So lau­te­te ges­tern eines der mög­li­chen Sze­na­ri­en. Rhein­lan­dia ist, so heißt es, eine fik­ti­ve Regi­on irgend­wo in Euro­pa. Rund 800 Ein­satz­kräf­te des Tech­ni­schen Hilfs­werks (THW), der Bun­des­po­li­zei und der Feu­er­wehr übten gemein­sam im Rhein­Ener­gie-Sta­di­on in Köln den Umgang mit che­mi­schen, bio­lo­gi­schen, radio­lo­gi­schen und nuklea­ren Gefah­ren­la­gen (CBRN). Beob­ach­tet wur­den sie dabei von etwa 250 Fach­leu­ten aus 15 Län­dern.

Ziel der Übung war es, die euro­päi­schen Fähig­kei­ten zur Bewäl­ti­gung außer­ge­wöhn­li­cher Kri­sen­la­gen zu stär­ken – Situa­tio­nen, die ein­zel­ne Staa­ten allein kaum beherr­schen könn­ten. Die inter­na­tio­na­le Zusam­men­ar­beit soll ver­bes­sert und bestehen­de Schwach­stel­len sol­len erkannt wer­den. „Wir wol­len wis­sen, wo wir ste­hen, und neh­men heu­te bewusst in Kauf, dass ein­zel­ne Abläu­fe noch nicht per­fekt sind“, lau­tet eine der zen­tra­len Vor­ga­ben. Im Rah­men der euro­päi­schen Auf­ga­ben­tei­lung über­neh­men die deut­schen Teams die Spe­zia­li­sie­rung auf Dekon­ta­mi­na­ti­on.

Koor­di­niert wur­de die Groß­übung „rescEU’26“ vom Bun­des­amt für Bevöl­ke­rungs­schutz und Kata­stro­phen­hil­fe (BBK). In die­ser Grö­ßen­ord­nung war die Übung bis­lang ein­zig­ar­tig.

Alarm im Sta­di­on. Rund 500 Sta­tis­tin­nen und Sta­tis­ten müs­sen ihre Plät­ze so schnell wie mög­lich ver­las­sen. Am Aus­gang wer­den sie von Ein­satz­kräf­ten in Schutz­an­zü­gen emp­fan­gen und zu den auf­ge­bau­ten Zel­ten und Con­tai­nern zur Dekon­ta­mi­na­ti­on gelei­tet. Die Betrof­fe­nen müs­sen ihre Klei­dung able­gen und unter die Duschen tre­ten, aus denen eine Dekon­ta­mi­na­ti­ons­lö­sung her­ab­rie­selt. In der Übung ist es ledig­lich Was­ser.

Mit etwas Glück kön­nen klei­ne­re per­sön­li­che Gegen­stän­de gerei­nigt wer­den. Alles muss dis­zi­pli­niert und vor allem schnell ablau­fen. Die schwit­zen­den Hel­fe­rin­nen und Hel­fer in ihren oran­ge­far­be­nen Schutz­an­zü­gen machen deut­lich: Eine voll­stän­di­ge Ent­gif­tung gibt es nicht. Es geht dar­um, die Fol­gen der Kon­ta­mi­na­ti­on so weit wie mög­lich zu begren­zen.

Beson­ders ein­drucks­voll sind die Sze­nen im Ret­tungs­zelt der Feu­er­wehr im unmit­tel­bar anschlie­ßen­den dekon­ta­mi­nier­ten Bereich. Selbst Schwer­ver­letz­te müs­sen die­sen Pro­zess durch­lau­fen. Eben noch waren sie gut gelaun­te Zuschaue­rin­nen und Zuschau­er – jetzt kämp­fen sie in der Übung um ihr Leben. Man­che stöh­nen, ande­re schrei­en vor Schmer­zen. Tria­ge ist im Ernst­fall har­te Rea­li­tät. Not­ärz­tin­nen und Not­ärz­te müs­sen inner­halb von Sekun­den schwer­wie­gen­de Ent­schei­dun­gen tref­fen.

Auf der Stra­ße neben dem Sta­di­on kommt das blaue Spe­zi­al­fahr­zeug des THW zum Ein­satz. Aus unzäh­li­gen Düsen wird die Fahr­bahn besprüht. Alles gilt als kon­ta­mi­niert. Weni­ge Meter wei­ter wer­den Pkw und Lkw mit Spe­zi­al­aus­rüs­tung und gro­ßen Men­gen Flüs­sig­keit dekon­ta­mi­niert.

Und dann ste­hen sie dort vor der Kulis­se des Köl­ner Sta­di­ons: etwa 15 Spe­zia­lis­ten aus der Ost­ukrai­ne. Das Hoheits­zei­chen und das Emblem ihres tech­ni­schen Hilfs­diens­tes machen sie im Kreis der inter­na­tio­na­len Fach­welt sofort erkenn­bar. Die­ses Team hat einen ganz beson­de­ren Bezug zum The­ma. Längst ste­hen die Ein­satz­kräf­te im engen Aus­tausch mit ihren euro­päi­schen Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen. Was hier als groß ange­leg­te Kata­stro­phen­schutz­übung simu­liert wird, erle­ben sie in ihrem Hei­mat­land tag­täg­lich in der bit­te­ren Rea­li­tät.

Die sechs Beob­ach­ter­grup­pen, bestehend aus Fach­leu­ten und Jour­na­lis­tin­nen und Jour­na­lis­ten, wer­den zu den ein­zel­nen Sta­tio­nen geführt. Alle not­wen­di­gen Maß­nah­men wer­den mög­lichst rea­li­täts­nah im Umfeld des Sta­di­ons demons­triert. Unzäh­li­ge Kame­ras, Smart­phones und Mikro­fo­ne sind im Dau­er­ein­satz. Fra­gen über Fra­gen. Das Inter­es­se ist groß. Die Öffent­lich­keit war­tet offen­sicht­lich auf Ant­wor­ten.

Auf dem Gelän­de tref­fe ich den Wer­mels­kir­che­ner Tim Bos­bach. Er enga­giert sich seit vie­len Jah­ren bei der Frei­wil­li­gen Feu­er­wehr. Schnell sind wir uns einig: Eine sol­che Gefah­ren­la­ge möch­ten wir weder in unse­rer Stadt noch irgend­wo in unse­rer Regi­on erle­ben.

Gleich­zei­tig kom­men wir nicht um die ent­schei­den­de Fra­ge her­um: Wie gut sind wir tech­nisch und per­so­nell auf­ge­stellt, um im Ernst­fall lebens­wich­ti­ge Sofort­maß­nah­men vor Ort ergrei­fen zu kön­nen?

Und wir sind uns eben­so einig, dass alle, die heu­te in Köln dabei waren, genau die­se Fra­ge mit nach Hau­se neh­men.

Fotos: Lothar Dähn

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