Eine schwere Krankheit raubt jungen Menschen ihre Lebensperspektiven. Die Zahl der Betroffenen steigt dramatisch – doch eine Heilung gibt es bislang nicht. Anna (31)* ist eine von ihnen. Ihr Alltag zeigt, wie radikal ME/CFS ein Leben verändern kann.
Ein Tag, der sich ständig wiederholt
Der Tag beginnt für Anna* oft schon mit völliger Erschöpfung. Obwohl sie viele Stunden geschlafen hat, fühlt sie sich nicht erholt. Waschen, Anziehen und Körperpflege sind manchmal nur mit Unterstützung möglich. Das Frühstück gibt es in der abgedunkelten Küche oder im Bett. Danach geht es zurück ins Schlafzimmer. Dort verbringt Anna* den größten Teil des Tages liegend, häufig mit geschlossenen Augen. Gespräche sind nur kurz möglich. Wenn ihre Verfassung es zulässt, hört sie Hörbücher oder Podcasts – bewusst langsamer abgespielt, um die Reizbelastung zu verringern. Mehrmals täglich meditiert sie jeweils 30 Minuten. Dazwischen bestimmen Ruhe, Schlaf und kleine Mahlzeiten den Tagesablauf. Licht und Geräusche können zur Qual werden.
Dazu kommen nahezu permanente Schmerzen, die bei Anna* den ganzen Körper betreffen. Schon ein leichter Stoß, etwa gegen das Bett, kann die Schmerzen drastisch verstärken. Auch der Abend bringt kaum Abwechslung: Körperpflege, eine Kleinigkeit essen und die Vorbereitung auf die Nacht. Selbst das Einschlafen kann trotz extremer Erschöpfung schwierig sein. Am nächsten Morgen beginnt alles von vorn. An besseren Tagen sind einige kurze Unterhaltungen möglich. Doch im Grunde gleicht eine Woche der anderen: eine endlose Schleife aus Liegen, Ruhen und dem Versuch, die ohnehin knappen Kräfte einzuteilen. Anna* benötigt rund um die Uhr Unterstützung. Ein selbstbestimmter Alltag, spontane Unternehmungen oder einfach einmal den Tag nach eigenen Wünschen gestalten – all das ist kaum noch möglich.
Wenn das Leben stillsteht
Freunde treffen, lernen, arbeiten, Sport treiben, reisen und das Leben genießen – für junge Menschen sollte das selbstverständlich sein. Für Anna* ist vieles davon unerreichbar geworden. Besonders tückisch: Man sieht ihr die Krankheit häufig nicht an. Wer ihr begegnet, sieht vielleicht eine junge Frau, die lächelt und ein paar Worte wechselt. Was sie dieser kurze Moment an Kraft kostet und welche Folgen er später haben kann, bleibt unsichtbar. Denn bei ME/CFS kann bereits eine geringe körperliche, geistige oder emotionale Anstrengung eine massive Verschlechterung auslösen. Diese sogenannte Post-Exertional Malaise (PEM) tritt häufig erst Stunden oder sogar Tage später auf. Die Folgen können lange anhalten. Deshalb muss Anna* jede Aktivität sorgfältig abwägen. Was heute noch möglich ist, kann morgen bereits zu viel gewesen sein. Freundschaften, Hobbys und Zukunftspläne geraten in weite Ferne. Verabredungen müssen abgesagt werden. Spontanität ist praktisch nicht mehr möglich.
Was hinter ME/CFS steckt
ME/CFS steht für Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue-Syndrom. Es handelt sich um eine schwere, komplexe Erkrankung, die keineswegs mit gewöhnlicher Müdigkeit vergleichbar ist. Häufig durch einen viralen Infekt ausgelöst. Zu den möglichen Symptomen zählen extreme Erschöpfung, nicht erholsamer Schlaf, Schmerzen sowie eine ausgeprägte Empfindlichkeit gegenüber Licht und Geräuschen. Die Krankheit verläuft unterschiedlich schwer. Während manche Betroffene noch eingeschränkt am Alltag teilnehmen können, sind andere schwer erkrankt, bettlägerig und auf umfassende Hilfe angewiesen. Eine allgemein anerkannte Heilung gibt es bislang nicht. Die Behandlung konzentriert sich darauf, Beschwerden zu lindern und weitere Verschlechterungen möglichst zu verhindern.
Eine wichtige Strategie ist das sogenannte Pacing: Betroffene müssen ihre körperlichen und geistigen Kräfte sorgfältig einteilen und Überlastungen vermeiden. Starre Trainingsprogramme mit erzwungener Steigerung der Belastung können bei ME/CFS und insbesondere bei ausgeprägter PEM zu erheblichen Verschlechterungen führen.
Die Zahlen aus NRW: Ein deutlicher Anstieg
Auch die Zahlen aus Nordrhein-Westfalen sind alarmierend. Laut einer Antwort der Landesregierung auf eine SPD-Anfrage im Düsseldorfer Landtag waren 2024 insgesamt 57.326 Menschen mit ME/CFS diagnostiziert. Für 2025 nannte das NRW-Gesundheitsministerium auf eine Anfrage der FDP-Landtagsfraktion 61.557 ambulant behandelte Patientinnen und Patienten. 2014 waren es noch rund 15.700. Damit hat sich die Zahl der dokumentierten Fälle innerhalb von elf Jahren nahezu vervierfacht. Allerdings bilden diese Zahlen nicht alle tatsächlich Erkrankten ab. Zudem sind Mehrfacherfassungen möglich.
Mehr Verständnis statt gut gemeinter Ratschläge
ME/CFS betrifft nicht nur die Erkrankten. Wenn ein junger Mensch kaum noch am Leben außerhalb des eigenen Schlafzimmers teilnehmen kann und rund um die Uhr Unterstützung benötigt, verändert das auch den Alltag der Familie. Sorgen, Hilfsbedarf und die Ungewissheit über die weitere Entwicklung gehören dazu. Anna* braucht keine gut gemeinten Ratschläge wie „Reiß dich zusammen“ oder „Geh doch mal an die frische Luft“. Sie braucht Verständnis, Unterstützung und eine medizinische Versorgung, die ihre Erkrankung ernst nimmt. ME/CFS nimmt vielen jungen Menschen nicht nur die Kraft. Es nimmt ihnen ein Stück ihres Lebens – oft genau in dem Alter, in dem es eigentlich erst richtig beginnen sollte. Annas* Alltag macht sichtbar, was diese Krankheit bedeutet: Nicht das Leben bestimmt den Tag, sondern die Krankheit bestimmt, was vom Leben noch möglich ist.
Eine Zukunft voller Ungewissheit
Anna* ist 31. Ein Alter, in dem das Leben eigentlich voller Möglichkeiten stecken sollte. Doch während andere ihre Zukunft gestalten, besteht ihr Alltag aus Ruhe, Rückzug und dem Kampf gegen die eigenen körperlichen Grenzen. Ihre Wünsche sind geblieben. Die Kraft, sie zu verwirklichen, fehlt. Und niemand kann ihr sagen, wann sich das jemals ändern wird.
Zahlen aus Nordrhein-Westfalen
- Landtag NRW: Antwort auf die Kleine Anfrage 5598 der SPD-Fraktion, Drucksache 18/14469, 27. Juni 2025:
https://www.landtag.nrw.de/portal/WWW/dokumentenarchiv/Dokument/MMD18-14469.pdf - FDP-Landtagsfraktion NRW: Angaben zu 61.557 ambulant behandelten Menschen im Jahr 2025, 22. August 2026:
https://fdp.fraktion.nrw/pressemitteilungen/me-cfs-betroffene-besser-unterstuetzen/ - WDR: Bericht zur Entwicklung der ME/CFS-Zahlen in NRW, 29. August 2026:
https://www1.wdr.de/nrw/mecfs-chronisches-erschoepfungssyndrom-anstieg-100.html
Selbsthilfe rund um Köln und medizinische Informationen
Auch im Raum Köln gibt es Anlaufstellen für Betroffene und Angehörige.
- ME/CFS-Selbsthilfe Köln: Monatliche Treffen von 17 bis 19 Uhr im Bürgerhaus Kalk, Kalk-Mülheimer Straße 58, 51103 Köln. Kontakt: selbsthilfe@fatiguefunk.de.
- MCS-CFS-Initiative e. V., Regionalgruppe Köln: Austausch und Beratung auch für Angehörige. Treffen fünfmal jährlich im Bürgerzentrum Deutz, Tempelstraße 41–43, 50679 Köln. Kontakt: 02252 83 74 11, buero@mcs-cfs-initiative.de.
- Selbsthilfe-Kontaktstelle Köln: Sie hilft bei der Suche nach passenden Gruppen und berät kostenlos. Telefon: 0221 95 15 42 16, Internet: https://www.selbsthilfekoeln.de.
- Paritätischer Köln: Selbsthilfegruppen in Köln von A bis Z:
https://www.paritaetischer-koeln.de/selbsthilfe-kontaktstelle/unsere-angebote/angebote-fuer-selbsthilfe-interessierte/gruppenuebersicht - Selbsthilfe-Kontaktstelle Köln: Kontakt und Beratung:
https://www.paritaetischer-koeln.de/selbsthilfe-kontaktstelle/kontakt - Deutsche Gesellschaft für ME/CFS: Therapie und Behandlung:
https://www.mecfs.de/therapie-von-me-cfs/ - Deutsche Gesellschaft für ME/CFS: Informationen zu PEM:
https://www.mecfs.de/was-ist-me-cfs/pem/ - Gesundheitsinformation.de: Behandlung von ME/CFS:
https://www.gesundheitsinformation.de/behandlung-von-mecfs.html - NICE: Leitlinie zur Diagnose und Behandlung von ME/CFS:
https://www.nice.org.uk/guidance/ng206
Hinweise:
* Name geändert. Zur Wahrung der Privatsphäre wird die junge Frau hier nur Anna genannt. Der richtige volle Name ist der Redaktion bekannt.
Die NRW-Zahlen beziehen sich auf dokumentierte Diagnosen beziehungsweise ambulante Behandlungen. Sie sind keine vollständige Zählung aller tatsächlich Erkrankten; Mehrfacherfassungen sind möglich.
Illustration: Mit KI erstellt – Text m. Unterstützung v. KI


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