Hochinteressant
Manchmal, ohne dass man es plant, läuft einem ein Buch über den Weg, bzw. über den Angebotstisch einer Bücherei.
Einschließlich der Quellenangaben über 800 Seiten – also viel Buch für’s Geld. Aber nicht die Menge ist interessant sondern der Inhalt.
Nicht ganz einfach zu lesen, da mit vielen Quellenangaben, Zitaten und Beispielen versehen. Deshalb dauert es etwas länger als ein normaler Krimi aber es hat sich gelohnt und ich habe einiges daraus lernen können.
„1619“ – ein ganz einfacher Titel aber der Beginn einer der größten Katastrophen. In diesem Jahr erreichte das Schiff „White Lion“ die Küste von Virginia. An Bord die ersten zwanzig Menschen, die aus Afrika verschleppt und in der neuen Welt als Sklav:innen verkauft wurden.
Dieses Buch ist ein Projekt in dem sich verschiedene Autor:innen aus unterschiedlichsten Bereichen zusammen gefunden haben. Die Zeitfolge bleibt bis in unsere Zeit bestehen. 2022 erschienen hat es nichts von seiner Aktualität eingebüßt.
Es lässt sich gut nachverfolgen, wie der Erfolg der amerikanischen Wirtschaft und dem Finanzsystem entstanden sind und wie eng dies verbunden ist mit den Sklav:innen. Mit dem Handel und der Ausbeutung dieser Menschen.
Und auch nach dem Bürgerkrieg und der sogenannten Befreiung der Sklav:innen hatte sich wenig bis nichts geändert. Die farbigen Menschen wurden immer noch ausgebeutet, benachteiligt, straflos misshandelt oder oft ermordet.
Das Buch gibt Einblick in die Bereiche Landwirtschaft, Industrie und Handel, zeigt die Entwicklung in der Musik und kommt zu dem Ergebnis, dass diese Auswirkungen bis heute spürbar und nachvollziehbar sind.
Auch heute ist die Lebenserwartung der farbigen Menschen geringer, die Kindersterblichkeit höher, die Gesundheit und die Gesundheitsversorgung schlechter, die Bildungsmöglichkeiten schlechter, die Arbeitslosigkeit höher und aus all diesen Faktoren auch die Kriminalitätsrate höher als bei weißen Bewohnern.
Schon vor einigen hundert Jahren, als Senatoren gewählt wurden oder eine Präsidentschaftswahl anstand, wurden Wahlkreise so geändert oder manipuliert dass die farbigen Menschen kaum eine Chance hatten ihren Wählerwillen durchzusetzen. Das kommt einem doch sehr bekannt vor.
Wird ein neuer Highway gebaut führt diese Straße auch gerne mal quer durch ein farbiges Wohngebiet. Menschen vertreiben, Häuser abreißen, vielleicht auch mal abbrennen und schon können das Kapital und die Investoren ein feines Geschäft machen. Gerne wird eine solche Straße auch gleich als Trennungslinie zwischen farbigen und weißen Wohngebieten genutzt.
Es hat sich also nichts geändert. Für mich war es hochinteressant zu lesen wie diese Zustände entstanden sind und wo sie herkommen.
„1619“ Eine neue Geschichte der USA
Herausgegeben von Nikole Hannah-Jones
New York Times Magazine
ISBN: 978–3‑89667–736‑5
Erschienen im Blessing-Verlag
Foto: Walter Schubert


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