VON KLAUS ULINSKI
Anfrage der SPD-Fraktion zur Umsetzung der Sprachförderung in den KITA’s
Wer ein Kind beim Sprechenlernen beobachtet hat, weiß, dass Sprache nicht gelehrt, sondern erworben wird: beim Essen, beim Spielen, auf dem Weg zum Bäcker. Sie wächst dort, wo jemand zuhört, antwortet und nachfragt. Man kann sie fördern, gewiss; verordnen aber lässt sie sich nicht. Ob die Bildungspolitik des Landes das bedacht hat, ist die Frage hinter einer Anfrage, mit der sich die SPD-Fraktion im Rat unserer Stadt am 30. September an den Bürgermeister gewandt hat, unterzeichnet von Jochen Bilstein, Dr. Markus Richert und Michael Faubel.
Man tut ihr unrecht, hielte man sie für Verwaltungsroutine. Sie steht in der Tradition des sozialdemokratischen Anspruchs, dass die Herkunft eines Kindes nicht über seinen Weg entscheiden soll und der Aufstieg durch Bildung dort beginnt, wo ein Kind sich verständlich machen kann. Wer nach Sprachförderung fragt, fragt nach Chancengleichheit, noch ehe der erste Schultag den Unterschied sichtbar macht. Die Fraktion will im Jugendhilfeausschuss wissen, wie die Sprachförderung in den städtischen Kitas erfolgt und ob sich aus den Zahlen der zu fördernden Kinder auf den Umfang der künftigen ABC-Klassen schließen lässt.
Was ist geplant? Kinder, deren Deutsch für den Unterricht nicht ausreicht, sollen im Jahr vor der Einschulung verpflichtend einen schulischen Vorkurs besuchen: zweimal in der Woche zwei Stunden, in Schulen, in Kitas oder an anderen geeigneten Orten. Die Regelung greift für jene Kinder, die zum 1. August 2029 eingeschult werden; die Vorkurse beginnen also bereits im Schuljahr 2028/29. Das Land rechnet mit etwa 50.000 Kindern, nach den Worten der Schulministerin Dorothee Feller (CDU) mit rund einem Drittel aller Schulanfänger. Flankierend stärkt es die seit Jahren in den Kitas etablierte alltagsintegrierte Sprachbildung über das Kinderbildungsgesetz mit dauerhaft 50,5 Millionen Euro im Jahr. Dennoch sprechen Kritiker von einer fragwürdigen schulischen Parallelstruktur und warnen vor Personalmangel und ungelösten Fahrtkosten; die Ministerin hält dagegen, die Kurse ließen sich pragmatisch an Kitas ansiedeln, und das Land wolle für anfallende Mehrkosten aufkommen.
Dort, wo Landespolitik auf Räume, Personal und Wegstrecken trifft, wird die Anfrage aus den Reihen der Wermelskirchener SPD interessant. Offen ist, wie viele Kinder bei uns betroffen sein werden. Offen ist, ob die Stadt Daten besitzt, die eine Schätzung erlauben. Offen ist, wo die Klassen stattfinden und wer sie leitet. Und offen ist, wer die Wege der Kinder bezahlt. Aus einem Drittel der Kinder landesweit ein Drittel der Wermelskirchener Jahrgänge zu machen, wäre voreilig; die Zahl stammt von der Ministerin, nicht aus unserer Stadt.
Ein letztes noch. Wilhelm von Humboldt hat festgehalten die Sprache lasse sich „nicht eigentlich lehren, sondern nur im Gemüthe wecken; man kann ihr nur den Faden hingeben, an dem sie sich selbst entwickelt“. Den Faden hingeben: Das verlangt jemanden, der ihn hält, Zeit, ihn zu spinnen, und ein Kind, das sich traut, daran zu ziehen. Das geschieht im Morgenkreis, beim Vorlesen, im Gespräch mit einer Erzieherin, die sich Zeit nehmen kann. Unsere Kitas haben dafür die besten Voraussetzungen: sie erreichen die Kinder früh, sie kennen sie und ihre Familien, und sie sind der Ort, an dem Sprache selbstverständlich im Alltag wachsen darf. Wenn Land und Stadt Ihnen dafür Zeit, Hände und Vertrauen geben, kann aus dem Faden, den man den Kindern reicht, ein tragfähiges Band werden.
Wir sollten die Antwort der Verwaltung lesen, wie man ein Zeugnis liest: nicht nur auf die Note achten, sondern auf die Bemerkungen. Sprache wächst dort, wo jemand zuhört. Das gilt für die Kinder in unseren Kitas, das gilt für eine Stadtgesellschaft, die ihre Fragen stellt, und eine Verwaltung, die sie beantwortet. Auch das ist ein Wortschatz, den wir brauchen.
Bild: Privat Klaus Ulinski
Quellen:
- Anfrage der SPD-Fraktion im Rat der Stadt Wermelskirchen an den Bürgermeister, 30.09.2026
- Land Nordrhein-Westfalen: ABC-Klassen für bessere Bildung von Anfang an, https://www.land.nrw/pressemitteilung/abc-klassen-fuer-bessere-bildung-von-anfang
- Ministerium für Kinder, Jugend, Familie, Gleichstellung, Flucht und Integration NRW: Landtag beschließt KiBiz-Reform, https://www.mkjfgfi.nrw/meilenstein-fuer-eine-verlaessliche-und-qualitativ-hochwertige-kinderbetreuung-nordrhein-westfalen
- Kommunen NRW: Gesetz zur Änderung des Kinderbildungsgesetzes vom Landtag beschlossen, https://kommunen.nrw/themen/jugend-soziales-und-gesundheit/gesetz-zur-aenderung-des-kinderbildungsgesetzes-kibiz-vom-landtag-beschlossen/
- MiGAZIN (19.07.2026): ABC-Klassen in NRW, Pflichtkurse für Kinder mit Sprachförderbedarf, https://www.migazin.de/2026/07/19/nrw-fuehrt-umstrittene-abc-klassen-fuer-sprachfoerderung-ein/
- News4teachers (Januar 2026): ABC-Klassen vor der Einschulung, https://www.news4teachers.de/2026/01/abc-klassen-vor-der-einschulung-landesregierung-nimmt-grundschulen-fuer-fruehkindliche-sprachfoerderung-in-die-pflicht/
- Wilhelm von Humboldt: Über die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaues und ihren Einfluß auf die geistige Entwicklung des Menschengeschlechts, Berlin: F. Dümmler 1836


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