Übergänge – Folge 5

Der Kitt

Wer­mels­kir­chen ist eine Stadt, in der man sich kennt: im Ver­ein, beim Bäcker, auf dem Wochen­markt, im Chor, bei der Feu­er­wehr. Das ist kein roman­ti­sches Detail, son­dern ein hand­fes­ter Vor­teil. In einer Zeit, in der vie­les unüber­sicht­li­cher wird, sind Orte, an denen Gemein­schaft ent­steht und hält, ein Stand­ort­fak­tor, den kei­ne Bilanz erfasst und den jeder spürt, der ihn ver­misst.

Aber auch die Stadt­ge­sell­schaft steht in einem Über­gang. Men­schen zie­hen zu, ande­re fort; die Lebens­ent­wür­fe wer­den viel­fäl­ti­ger, die Arbeits­welt ver­langt mehr Beweg­lich­keit, die Strei­tig­kei­ten The­men häu­fen sich-Ver­kehr, woh­nen, Lärm, Erwar­tun­gen an Poli­tik und Ver­wal­tung. Die sozia­le Balan­ce eines Ortes wird dadurch emp­find­li­cher, und Emp­find­lich­keit ist anste­ckend.

Gemein­schaft ent­steht näm­lich nicht von selbst. Sie muss gepflegt wer­den: durch offe­ne Begeg­nungs­räu­me, durch fes­te, durch das Ehren­amt, vor allem durch die Bereit­schaft, den ande­ren nicht als Geg­ner zu sehen, son­dern als jeman­den, mit dem man etwas gemein­sam zu regeln hat. Man­ches davon lässt sich för­dern, vie­les nicht; was eine Stadt aber jeder­zeit tun kann, ist, den Rah­men nicht mut­wil­lig zu ver­en­gen.

Der Ton gehört in die­sem Rah­men. Wer die Kom­men­tar­spal­ten die­ses Forums ver­folgt hat-Man den­ke an die hit­zi­ge Debat­te um die Kin­der­stadt und ihre Demonstration‑, weiß, wie schnell aus einer Sach­fra­ge ein Gra­ben­kampf wird und wie müh­sam der Weg zurück ist. Es ist eine all­täg­li­che Beob­ach­tung, dass ein zu spät gebrems­ter Rad­fah­rer auf der Tras­se und ein zu spät gebrems­ter Rats­herr im Aus­schuss dem­sel­ben Reflex erlie­gen: sofort laut zu wer­den. Wer per­ma­nent zuspitzt, beschä­digt Bezie­hun­gen, auf die er spä­ter ange­wie­sen ist. Wer eine Brü­cke baut, ermög­licht eine Lösung, die es sonst nicht gäbe.

Man muss das nicht mit Nach­sicht ver­wech­seln. In der Sache darf man hart sein, im Ton soll­te man ver­läss­lich blei­ben; das eine schließt das ande­re nicht aus, im Gegen­teil, es macht Kri­tik erst wirk­sam. Der Abend im Haus der Begeg­nung, zu dem gela­den wur­de unter dem schlich­ten Satz: „Lasst uns reden“, hat gezeigt, das Zuhö­ren kei­ne Schwä­che ist, son­dern eine Fähig­keit, die man üben kann.

Und zum Schluss: Zusam­men­halt ist kein wei­ches The­ma, das man gegen­über Här­ten abhan­delt. Er ist die Vor­aus­set­zung dafür, dass Här­ten über­haupt lös­bar sind. Eine Stadt, die strei­tet, ohne sich zu zer­strei­ten, hält mehr aus als eine, die höf­lich anein­an­der vor­bei­lebt.

Der Kitt hält nur, solan­ge man ihn erneu­ert.

Bei­trags­bild: Pri­vat Klaus Ulin­ski


Hier fin­den Sie eine Über­sicht der Kolum­ne “Über­gän­ge” von Klaus Ulin­ski

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  • Übergänge – Folge 5


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