Konfuzius: Der weise Mann, der bei Frauen plötzlich ganz anders klingt

Zur Erin­ne­rung. Über vie­le Wochen war täg­lich im forumwk.de ein Spruch von Kon­fu­zi­us zu lesen. Doch – wer war die­ser Mann aus dem alten Chi­na?

2.500 Jah­re alt, welt­weit ver­ehrt – und heu­te noch erstaun­lich aktu­ell. Konfuzi­us steht im Wes­ten für Weis­heit, Bil­dung und gute Lebens­füh­rung. Doch wer genau­er hin­schaut, ent­deckt hin­ter dem freund­li­chen Phi­lo­so­phen­bild eine Ge­sellschaft mit stren­gen Hier­ar­chien. Und bei der Stel­lung der Frau wird es be­sonders hei­kel.

Kon­fu­zi­us klingt heu­te fast wie ein chi­ne­si­scher Lebens­be­ra­ter: Ler­nen, anstän­dig sein, ande­re respek­tie­ren und sich selbst ver­bes­sern. Sei­ne Gedan­ken pas­sen erstaun­lich gut in eine Zeit, in der über Bil­dung, gesell­schaft­li­chen Zusam­menhalt und ver­ant­wor­tungs­vol­le Füh­rung dis­ku­tiert wird. Doch Kon­fu­zi­us war kein moder­ner Rat­ge­ber. Er leb­te etwa 551 bis 479 v. Chr. in einer völ­lig ande­ren Gesell­schaft – und genau des­halb lohnt sich der zwei­te Blick.

Der Mann hinter den Kalendersprüchen

Kon­fu­zi­us war Leh­rer, Gelehr­ter und poli­ti­scher Den­ker. Er woll­te kei­ne neue Reli­gi­on grün­den, son­dern beschäf­tig­te sich vor allem mit der Fra­ge, wie aus ein­zel­nen Men­schen eine funk­tio­nie­ren­de Gesell­schaft wer­den kann. Sei­ne Ant­wort war kon­se­quent: Der Mensch muss zuerst an sich selbst arbei­ten.

Bil­dung, Selbst­dis­zi­plin, Respekt und mora­li­sches Ver­hal­ten soll­ten den Einzel­nen ver­bes­sern und dadurch auch Fami­lie, Staat und Gesell­schaft stär­ken. Der spä­ter ent­stan­de­ne Kon­fu­zia­nis­mus ent­wi­ckel­te die­se Gedan­ken über Jahrhun­derte wei­ter. Des­halb darf man den his­to­ri­schen Kon­fu­zi­us nicht ein­fach mit al­lem gleich­set­zen, was spä­ter unter „kon­fu­zia­nisch“ ver­stan­den wur­de.

„Sei besser!“ statt „Nimm dir mehr!“

Kon­fu­zi­us leg­te gro­ßen Wert auf Bil­dung und Cha­rak­ter. Wis­sen allein genügt nicht; ent­schei­dend ist, was der Mensch dar­aus macht. Ein guter Mensch soll ler­nen, sich zu beherr­schen, Ver­ant­wor­tung zu über­neh­men und ande­re zu re­spektieren. Wäh­rend heu­te häu­fig gefragt wird: „Wel­che Rech­te habe ich?“, in­teressiert Kon­fu­zi­us stär­ker: „Wel­che Pflich­ten habe ich?“ Der Mensch exis­tiert für ihn nicht iso­liert, son­dern immer inner­halb von Bezie­hun­gen – als Sohn oder Toch­ter, Eltern­teil, Freund, Bür­ger oder Herr­scher. Jede die­ser Rol­len bringt Ver­ant­wor­tung mit sich.

Familie zuerst

Die Fami­lie ist bei Kon­fu­zi­us das Fun­da­ment der Gesell­schaft. Kin­der sol­len ihre Eltern ach­ten, Jün­ge­re die Älte­ren respek­tie­ren. Wer inner­halb der Fami­lie Rück­sicht und Ver­ant­wor­tung lernt, kann die­se Hal­tung auch auf die Gesell­schaft über­tra­gen. Für den moder­nen Indi­vi­dua­lis­ten mag das unge­wohnt klin­gen. Für Kon­fu­zi­us war jedoch selbst­ver­ständ­lich, dass der Mensch Teil einer Gemein­schaft ist und sich sei­nen Pflich­ten dar­in nicht ein­fach ent­zie­hen kann.

Politiker aufgepasst: Erst Vorbild sein!

Auch für Regie­run­gen hat­te Kon­fu­zi­us eine kla­re Bot­schaft. Ein guter Herr­scher soll nicht allein mit Geset­zen, Vor­schrif­ten und Stra­fen regie­ren, son­dern selbst ein mora­li­sches Vor­bild sein. Wer von ande­ren Anstand ver­langt, soll­te ihn selbst vor­le­ben. Das ist einer der Grün­de, wes­halb Kon­fu­zi­us bis heu­te auch außer­halb Chi­nas gele­sen wird. Sei­ne Gedan­ken las­sen sich erstaun­lich leicht auf Füh­rung, Schu­le, Fami­lie und gesell­schaft­li­ches Zusam­men­le­ben übertra­gen.

Europa entdeckt den „weisen Chinesen“

Jahr­hun­der­te­lang war Kon­fu­zi­us außer­halb Ost­asi­ens kaum bekannt. Das än­derte sich, als euro­päi­sche Jesui­ten im 16. und 17. Jahr­hun­dert chi­ne­si­sche Tex­te nach Euro­pa brach­ten und über­setz­ten. Wäh­rend der Auf­klä­rung stieß Kon­fu­zi­us bei euro­päi­schen Den­kern auf gro­ßes Inter­es­se. Für eini­ge Philoso­phen war Chi­na ein fas­zi­nie­ren­des Gegen­bei­spiel zu Euro­pa: eine hochentwi­ckelte Gesell­schaft mit einer aus­ge­präg­ten mora­li­schen und poli­ti­schen Traditi­on, die nicht auf christ­li­cher Offen­ba­rung beruh­te. Leib­niz und Vol­taire beschäf­tigten sich mit Chi­na und Kon­fu­zi­us. Aller­dings ent­deck­ten die Euro­pä­er damals nicht ein­fach den „wah­ren“ Kon­fu­zi­us. Sie ent­wi­ckel­ten auch ihr eige­nes Bild von ihm – und die­ses pass­te teil­wei­se erstaun­lich gut zu den Debat­ten der eu­ropäischen Auf­klä­rung.

Und dann kommt die Frau …

Bis hier­hin klingt Kon­fu­zi­us fast wie ein Phi­lo­soph, den man pro­blem­los ins 21. Jahr­hun­dert ret­ten könn­te. Doch bei der Frau­en­fra­ge wird das Bild deut­lich kom­pli­zier­ter. Die Gesell­schaft sei­ner Zeit war hier­ar­chisch orga­ni­siert, Män­ner und Frau­en hat­ten unter­schied­li­che gesell­schaft­li­che Rol­len. Gleichberechti­gung, wie wir sie heu­te ver­ste­hen, war kein Ziel des kon­fu­zia­ni­schen Den­kens. Beson­ders bri­sant ist eine Pas­sa­ge aus den Ana­lek­ten, Kapi­tel 17,25. Dort heißt es:

„Frau­en und klei­ne Leu­te sind schwer zu behan­deln: Nähert man sich ihnen, wer­den sie unver­schämt; hält man sie auf Abstand, sind sie nach­tra­gend.“

Die Pas­sa­ge wird aller­dings unter­schied­lich über­setzt und inter­pre­tiert. Um­stritten ist ins­be­son­de­re, ob „Frau­en“ hier Frau­en all­ge­mein meint oder ob die Aus­sa­ge enger auf Frau­en in einem bestimm­ten sozia­len oder häus­li­chen Zu­sammenhang bezo­gen wer­den muss. Auch der Begriff „klei­ne Leu­te“ kann un­terschiedlich ver­stan­den wer­den – etwa als Die­ner oder Men­schen von gerin­gem sozia­len bezie­hungs­wei­se mora­li­schen Sta­tus. Aus heu­ti­ger Sicht bleibt die Pas­sa­ge den­noch schwer mit Gleich­be­rech­ti­gung ver­ein­bar. Kon­fu­zi­us war kein Vor­den­ker moder­ner Frau­en­rech­te. Aber bit­te nicht alles Kon­fu­zi­us in die Schu­he schie­ben. His­to­risch wich­tig ist die Unter­schei­dung zwi­schen Kon­fu­zi­us und dem spä­te­ren Kon­fu­zia­nis­mus, der sich über mehr als zwei Jahr­tau­sen­de wei­ter­ent­wi­ckel­te. Spä­te­re Gesell­schaf­ten über­nah­men, ver­än­der­ten und er­weiterten kon­fu­zia­ni­sche Vor­stel­lun­gen.

Des­halb kann man nicht jede patri­ar­cha­li­sche Tra­di­ti­on Chi­nas direkt Kon­fu­zi­us per­sön­lich zuschrei­ben. Auch spä­te­re Prak­ti­ken wie die star­ke Ein­schrän­kung weib­li­cher Lebens­be­rei­che oder die Fuß­bin­dung las­sen sich nicht ein­fach aus die­sem einen Satz ablei­ten. Trotz­dem bleibt der grund­le­gen­de Punkt: Die Gleich­stel­lung von Mann und Frau gehör­te nicht zu sei­nem Gesellschaftspro­gramm.

Warum ist er im Westen trotzdem so beliebt?

Viel­leicht gera­de des­halb, weil sei­ne Phi­lo­so­phie eine Lücke anspricht. Unse­re moder­ne Welt redet viel über Frei­heit, Rech­te, Selbst­ver­wirk­li­chung und Indivi­dualität. Kon­fu­zi­us erin­nert dage­gen an die ande­re Sei­te: Pflicht, Verantwor­tung, Rück­sicht, Selbst­dis­zi­plin und Gemein­schaft. Das macht sei­ne Gedan­ken bis heu­te inter­es­sant – nicht weil sei­ne Gesell­schafts­ord­nung ein­fach auf unse­re Zeit über­trag­bar wäre, son­dern weil eini­ge sei­ner Fra­gen wei­ter­hin aktu­ell sind.

2.500 Jahre später bleibt eine unbequeme Frage

Was hält eine Gesell­schaft zusam­men? Geset­ze, Geld und Tech­nik – oder Men­schen, die sich gegen­sei­tig respek­tie­ren und Ver­ant­wor­tung über­neh­men? Kon­fuzius hät­te ver­mut­lich auf den letz­ten Punkt gesetzt. Sei­ne Leh­re hat aller­dings einen Preis: Wer Ord­nung, Pflich­ten und Hier­ar­chie stark betont, muss sich auch fra­gen las­sen, was mit indi­vi­du­el­ler Frei­heit und Gleich­be­rech­ti­gung pas­siert. Genau dar­in liegt die Ambi­va­lenz des Kon­fu­zi­us. Er steht für Bil­dung, Selbst­ver­bes­se­rung, Ver­ant­wor­tung und mora­li­sche Füh­rung – Wer­te, die auch im Wes­ten attrak­tiv wir­ken. Gleich­zei­tig steht sei­ne his­to­ri­sche Welt für Hierar­chie, tra­di­tio­nel­le Rol­len und eine nicht gleich­be­rech­tig­te Stel­lung der Frau. Der wei­se Mann aus dem Kalen­der ist also deut­lich kom­pli­zier­ter, als sein freundli­ches Lächeln ver­mu­ten lässt. Und viel­leicht ist genau das der Grund, war­um Kon­fu­zi­us nach 2.500 Jah­ren noch immer dis­ku­tiert wird: Man kann von ihm viel ler­nen – aber man muss nicht alles über­neh­men.

Wer sich mehr mit Kon­fu­zi­us beschäf­ti­gen möch­te, hier zum Ein­stieg auf You­Tube: „Kon­fu­zi­us in 60 Minu­ten“. Ein unter­halt­sa­mer Bei­trag mit Dr. Walt­her Zieg­ler.

Illus­tra­ti­on: Mit Ki erstellt

Bewer­te die­sen Post!
[Gesamt: 17 Durch­schnitt: 5]