Die Ratssitzung vom 9. Februar 2026 hat eine klare politische Botschaft gesendet: Das Rhombus-Projekt wird kommen. Die Zustimmung im Stadtrat war breit, nahezu geschlossen, parteiübergreifend. Wer jedoch die Redebeiträge sorgfältig liest, erkennt, dass hinter der Einigkeit durchaus Nervosität spürbar ist – allerdings ohne dass daraus echte Opposition erwächst.
Henning Rehse von den Freien Wählern bezeichnete Rhombus als ein Projekt, „wie es die Stadt noch nie gesehen hat und auch auf Jahrzehnte nicht mehr sehen wird“ . Er sprach von einem „Mega-Projekt“ und traf damit ungewollt auch den finanzpolitischen Kern. Denn es geht nicht nur um eine städtebauliche Entwicklung, sondern um eine Investition in einer Größenordnung, die den städtischen Haushalt über viele Jahre prägen wird.
Rehse rechnete nüchtern vor, dass eine Million Euro kreditfinanzierter Investitionen den Haushalt jährlich mit rund 50.000 Euro für Zins und Tilgung belaste. Diese Zahl ist keine politische Zuspitzung, sondern schlichte kommunale Realität. Bei einem städtischen Eigenanteil von rund 37 Millionen Euro wird deutlich, dass es sich hier nicht um eine kurzfristige Entscheidung handelt, sondern um eine langfristige finanzielle Bindung. Trotzdem mündete auch diese Rede in ein klares Ja.
Am deutlichsten formulierte Andreas Müßener von Zukunft Wermelskirchen seine Vorbehalte. Er nannte sein heutiges „Ja“ selbst „vermutlich das kritischste von allen“und sprach ausdrücklich davon, dass sein Ja „gleichzeitig den Beginn einer Reform-Offensive einläuten“ solle. Müßener forderte mehr Bürgerbeteiligung, mehr Transparenz und eine deutlichere Kennzeichnung von Haushaltsrisiken bei künftigen Großprojekten. Allein diese Forderungen legen nahe, dass er genau diese Punkte bislang als unzureichend empfindet. Doch auch hier blieb die Kritik strukturell und verfahrensbezogen. Am Projekt selbst rüttelte auch er nicht.
Die übrigen Fraktionen argumentierten stark mit dem Bild der historischen Chance. Heike Krause von Bündnis 90/Die Grünen sprach von einer „wegweisenden Entscheidung für die Zukunft der Stadt“ . Jochen Bilstein von der SPD räumte zwar ein, dass die Kosten hoch seien und eine Herausforderung darstellten, erklärte aber zugleich, der Mehrwert sei „größer als die finanziellen Risiken“ . Mike Galow von der Linken betonte ebenfalls die finanziellen Risiken, nannte sie aber eine letzte Gelegenheit, das Gelände zu entwickeln, und stellte klar, dass seine Fraktion zustimmen werde. Oliver Platt vom Bürgerforum sprach von einer „Investition in die kommenden Generationen“ und warnte vor dem „Stillstand“ als Alternative.
Auffällig ist, dass die finanzielle Dimension zwar von mehreren Rednern angesprochen, aber selten konkret durchdekliniert wurde. Es wird von „schwierigen Jahren“ gesprochen, von „Herausforderungen“ und von „Haushaltsrisiken“. Doch konkrete Szenarien – etwa mögliche Steuererhöhungen, Einschnitte bei freiwilligen Leistungen oder die Gefahr eines Haushaltssicherungskonzeptes – werden kaum offen ausgesprochen. Die politische Debatte bleibt an dieser Stelle bemerkenswert abstrakt.
Besonders bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang auch, dass ausgerechnet die CDU, die geschlossen für das Projekt gestimmt hat, dem Forum Wermelskirchen keinen Redebeitrag zur Verfügung gestellt hat. Während andere Fraktionen ihre Argumente offen darlegen, Einwände formulieren oder zumindest finanzielle Vorsicht betonen, bleibt die größte Fraktion in der öffentlichen Debattenaufarbeitung auffallend stumm. Gerade bei einem Projekt dieser Größenordnung wäre Transparenz auch gegenüber kritischen Bürgerinnen und Bürgern ein starkes Signal gewesen.
Am Ende entsteht der Eindruck eines politischen Konsenses, der weniger aus einem offenen Ringen um Alternativen hervorgegangen ist, sondern aus der gemeinsamen Überzeugung, dass man diese Chance jetzt nutzen müsse – koste es, was es wolle. Das mag städtebaulich mutig sein. Finanzpolitisch bedeutet es jedoch eine langfristige Verpflichtung, deren Tragweite erst in den kommenden Haushaltsberatungen vollständig sichtbar werden dürfte.
Die zentrale Frage lautet deshalb nicht mehr, ob das Rhombus-Projekt realisiert wird. Die Entscheidung ist gefallen. Entscheidend wird sein, wie belastbar der städtische Haushalt tatsächlich ist und wie offen künftig über die finanziellen Folgen gesprochen wird. Große Projekte brauchen große Worte. Sie brauchen aber vor allem eine große Ehrlichkeit im Umgang mit ihren Risiken.
Foto: Lothar Dähn


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