Wenn Russland gewinnt – Ein Szenario

Buch­emp­feh­lung von Klaus Ulin­ski

Wenn Russ­land gewinnt
Ein Sze­na­rio

Von Car­lo Masa­la

Ver­lag C.H.Beck

Das Buch Wenn Russ­land gewinnt ver­folgt einen unge­wöhn­li­chen, aber sehr wir­kungs­vol­len Ansatz: Es han­delt sich nicht um eine Pro­gno­se, son­dern um ein fik­ti­ves Sze­na­rio, das auf wis­sen­schaft­li­chen Ana­ly­sen, sicher­heits­po­li­ti­schen Erkennt­nis­sen und rea­len poli­ti­schen Ent­wick­lun­gen basiert. Ziel ist es, die mög­li­chen Fol­gen eines rus­si­schen Sie­ges im Krieg gegen die Ukrai­ne gedank­lich durch­zu­spie­len – und damit sicht­bar zu machen, was heu­te auf dem Spiel steht.

Wer ist Car­lo Masa­la?

Car­lo Masa­la ist Pro­fes­sor für Inter­na­tio­na­le Poli­tik an der Uni­ver­si­tät der Bun­des­wehr Mün­chen und einer der bekann­tes­ten deut­schen Exper­ten für Sicher­heits- und Ver­tei­di­gungs­po­li­tik. Sei­ne For­schungs­schwer­punk­te lie­gen unter ande­rem auf inter­na­tio­na­ler Ord­nungs­po­li­tik, Mili­tär­stra­te­gien, Abschre­ckung und Bünd­nis­ver­tei­di­gung (NATO).

In Wenn Russ­land gewinnt greift Masa­la auf die­se wis­sen­schaft­li­che Arbeit zurück. Er nutzt Metho­den, die auch in Mili­tär­stä­ben und poli­ti­schen Pla­nungs­pro­zes­sen ein­ge­setzt wer­den, ins­be­son­de­re das Den­ken in Sze­na­ri­en, um mög­li­che Zukunfts­ent­wick­lun­gen sys­te­ma­tisch durch­zu­spie­len.

Wor­um geht es im Buch?

Das Buch ent­wirft eine Zukunft, in der Russ­land den Krieg gegen die Ukrai­ne poli­tisch und mili­tä­risch für sich ent­schei­det. Ein sol­cher „Sieg“ ist dabei nicht zwin­gend die voll­stän­di­ge Erobe­rung des Lan­des, son­dern bereits das dau­er­haf­te Hal­ten besetz­ter Gebie­te und die poli­ti­sche Ermü­dung des Wes­tens.

Von die­sem Aus­gangs­punkt aus schil­dert Masa­la Schritt für Schritt, wie sich die euro­päi­sche Sicher­heits­la­ge wei­ter ver­schär­fen könn­te:

  • Die Ukrai­ne bleibt geschwächt und poli­tisch insta­bil zurück.
  • Russ­land gewinnt Selbst­ver­trau­en und tes­tet die Geschlos­sen­heit des Wes­tens wei­ter aus.
  • Die NATO wirkt nach außen weni­ger ent­schlos­sen, ins­be­son­de­re an ihrer Ost­flan­ke.
  • Neue Kri­sen ent­ste­hen – etwa im Bal­ti­kum, im Mit­tel­meer­raum oder durch gezielt aus­ge­lös­te Migra­ti­ons­be­we­gun­gen.

Das Buch beschreibt die­se Ent­wick­lun­gen in Form kur­zer Sze­nen und Orts­wech­sel (z. B. Ber­lin, Brüs­sel, Mos­kau, Bal­ti­kum), wodurch das Sze­na­rio sehr anschau­lich wird. Wich­tig ist: Alles bleibt fik­tiv, aber jeder ein­zel­ne Schritt ist aus heu­ti­ger Sicht plau­si­bel begrün­det.

War­um ist die­ses Buch rele­vant?

Masa­la macht deut­lich, dass inter­na­tio­na­le Sicher­heit nicht abs­trakt ist. Ent­schei­dun­gen, die heu­te getrof­fen oder unter­las­sen wer­den, kön­nen Jah­re spä­ter kon­kre­te Fol­gen haben. Das Buch zeigt, wie schnell sich poli­ti­sche Bequem­lich­keit, Wunsch­den­ken oder gesell­schaft­li­che Ermü­dung rächen kön­nen.

Dabei geht es nicht um Panik­ma­che. Masa­la betont aus­drück­lich, dass Sze­na­ri­en dazu die­nen, genau die­ses beschrie­be­ne Ergeb­nis zu ver­hin­dern. Sie sol­len den Blick schär­fen und poli­ti­sches Han­deln lang­fris­ti­ger den­ken las­sen.

Bezug zu uns in Wer­mels­kir­chen

Auf den ers­ten Blick scheint Wer­mels­kir­chen weit ent­fernt von geo­po­li­ti­schen Kri­sen. Doch das Buch macht klar: Die Aus­wir­kun­gen glo­ba­ler Kon­flik­te rei­chen bis in den kom­mu­na­len All­tag hin­ein.

Stei­gen­de Ener­gie­prei­se, wirt­schaft­li­che Unsi­cher­hei­ten, neue Flucht­be­we­gun­gen, gesell­schaft­li­che Span­nun­gen oder höhe­re staat­li­che Aus­ga­ben für Sicher­heit und Ver­tei­di­gung – all das kann sich direkt auf das Leben hier vor Ort aus­wir­ken. Kom­mu­nen sind oft die­je­ni­gen, die sol­che Fol­gen zuerst auf­fan­gen müs­sen.

Gera­de des­halb rich­tet sich Masa­las Buch nicht nur an Ent­schei­dungs­trä­ger in Ber­lin oder Brüs­sel, son­dern auch an eine infor­mier­te Öffent­lich­keit. Es unter­streicht, war­um es wich­tig ist, welt­po­li­ti­sche Ent­wick­lun­gen nicht als „weit weg“ abzu­tun.

Unse­re Buch­emp­feh­lung

Wenn Russ­land gewinnt ist ein ein­dring­li­ches, aber sach­li­ches Buch. Es ver­bin­det wis­sen­schaft­li­che Ana­ly­se mit ver­ständ­li­cher Dar­stel­lung und lädt zum Nach­den­ken ein. Wer sich fragt, war­um der Aus­gang des Ukrai­ne-Krie­ges auch für Deutsch­land – und damit auch für Städ­te wie Wer­mels­kir­chen – von Bedeu­tung ist, fin­det hier eine gut nach­voll­zieh­ba­re Ant­wort.

Das Buch ist kein Blick in eine fest­ge­schrie­be­ne Zukunft, son­dern eine Auf­for­de­rung zur Auf­merk­sam­keit: Poli­ti­sche Wach­sam­keit beginnt nicht erst auf inter­na­tio­na­ler Ebe­ne, son­dern auch bei uns als Bür­ge­rin­nen und Bür­ger. 

Fotos: Marie-Loui­se Lich­ten­berg / Ver­lag C.H.Beck

Kommentare

Eine Antwort zu „Wenn Russland gewinnt – Ein Szenario“

  1. Avatar von Karl-Reiner Engels
    Karl-Reiner Engels

    Gelas­sen­heit beginnt heu­te: Betrach­te den Him­mel, nicht nur dei­ne Sor­gen.

    Die Sze­na­ri­en des Car­la Masa­la, sind wohl weni­ger dazu geeig­net, sich kei­ne Sor­gen zu machen.

    Da passt es, dass ich mir heu­te Mor­gen den Vor­trag von Her­fried Mün­k­ler, “Macht im Umbruch – Deutsch­lands Rol­le in Euro­pa und die Her­aus­for­de­run­gen des 21. Jahr­hun­derts”, bei der Stif­tung Demo­kra­tie Saar­land SDS auf You­Tube ange­se­hen habe. Her­fried Mün­k­ler, an Nic­colò Machia­vel­li und Nitz­sche (aber auch an Kant)orientiert und Haber­mas ableh­nend, ent­wirft kon­kre­te Vor­schlä­ge unter fol­gen­den Gesichts­punk­ten: “Wir alle spü­ren, dass Deutsch­land eine Macht im Umbruch ist, ein Land, das tief­grei­fen­de Ver­än­de­run­gen erfährt. Was bedeu­tet der Wan­del der Welt für das Selbst­ver­ständ­nis Deutsch­lands, vor wel­chen Her­aus­for­de­run­gen ste­hen wir, und was müs­sen die Deut­schen jetzt tun, um nicht abge­hängt zu wer­den, son­dern aktiv gestal­ten zu kön­nen, innen- wie außen­po­li­tisch? In sei­nem Vor­trag wird Her­fried Mün­k­ler die neur­al­gi­schen Punk­te der deut­schen Poli­tik ein­krei­sen und eine Stra­te­gie für das künf­ti­ge Agie­ren ent­wer­fen. Die Fra­ge nach der neu­en Rol­le Deutsch­lands wird wesent­lich davon abhän­gen, ob es dem größ­ten Land in der Mit­te Euro­pas gelingt, sei­ne öko­no­mi­sche, poli­ti­sche und kul­tu­rel­le Macht so ein­zu­set­zen, dass ein Aus­ein­an­der­fal­len Euro­pas ver­hin­dert wer­den kann. Hier­für sind nicht nur grund­le­gen­de Refor­men drin­gend nötig, Deutsch­land und die EU müs­sen sich auch als wider­stands­fä­hig gegen Russ­land, selbst­be­wusst im Umgang mit Chi­na und, falls es nötig wer­den soll­te, als unab­hän­gig von den USA erweisen.”“vom 26. Novem­ber 2025, Text: You­Tube” Man könn­te also sagen, dass Mün­k­ler die kon­kre­ten Maß­nah­men beschreibt, die aus sei­ner Sicht not­wen­dig sind, um mit­zu­spie­len im Kon­zert der bestim­men­den Welt­mäch­te. Mir kam der ket­ze­ri­sche Gedan­ke, was wäre, wenn Masa­la und Mün­k­ler aus der Per­spek­ti­ve Russ­lands, Chi­nas oder der USA Stra­te­gien bzw. Sze­na­ri­en ent­wi­ckeln wür­den, im Sin­ne einer wiss­ent­schaft­li­chen Ver­all­ge­mei­ne­rung? Mün­k­ler ist inso­fern näher an der Wirk­lich­keit, da er im Gegen­satz zu Masa­la, bereits die Neu­po­si­tio­nie­rung der USA berück­sich­ti­gen konn­te.

    Gibt es Alter­na­ti­ven zu den vor­ge­stell­ten Kon­zep­ten? Dazu wäre es not­wen­dig Masa­la und Mün­k­ler der Kri­tik zu unter­zie­hen. Die Prot­ago­nis­ten fried­li­cher Lösungs­an­sät­ze (all­ge­mein als “Putin­ver­ste­her” gekenn­zeich­net ), set­zen unter Berück­sich­ti­gung der gege­be­nen Macht­ver­hält­nis­se und einer in Unord­nung gera­te­nen Welt­ord­nung, auf diplo­ma­ti­sche Lösun­gen. D.h. die bestehen­den Ursa­chen kühl ana­ly­sie­rend, nach Mög­lich­kei­ten suchend, die sich wider­stre­ben­den Inter­es­sen auf dem Ver­hand­lungs­we­ge aus­zu­glei­chen. Denn einen drit­ten Welt­krieg wird Euro­pa nicht über­le­ben (Brecht:„Das gro­ße Kar­tha­go führ­te drei Krie­ge. Es war noch mäch­tig nach dem ers­ten, noch bewohn­bar nach dem zwei­ten. Es war nicht mehr auf­find­bar nach dem drit­ten.“). Prak­tisch wer­dend heißt das, sich der Frie­dens­be­we­gung anzu­schlie­ßen.

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