Am 27. Januar erinnern wir an die Befreiung von Auschwitz.
Dies ist der Tag, an dem die von Menschen gemachte „Nacht der Menschheit“, von der Nelly Sachs schreibt, ihr grausames Ende fand.
Und doch: Diese Nacht ist nicht einfach vergangen.
Sie lebt fort – in unserer Erinnerung, in unserem Wissen um das, was geschehen ist, und in der Verantwortung, die daraus erwächst. Sie bleibt eine tiefe Dunkelheit im Herzen der Menschheit, die nicht vergessen werden darf, gerade weil sie sich nie wiederholen soll.
Nelly Sachs hat für dieses Unsagbare Worte gefunden – tastend, klagend, mahnend.
In ihrem Gedicht „Wenn die Propheten“ wird Sprache selbst zu Erinnerung, zu Warnung, zu stiller Anklage.
Ich lade Sie und Euch ein, sich den eindringlichen Worten aus ihrer Feder hinzugeben – und der Rezitation von Fritz Stavenhagen Raum zu geben:
zum Innehalten, zum Erinnern, zum Nachdenken darüber, was Menschlichkeit bedeutet – damals wie heute.
Wenn die Propheten einbrächen
durch Türen der Nacht,
den Tierkreis der Dämonengötter
wie einen schauerlichen Blumenkranz
ums Haupt gewunden -
die Geheimnisse der stürzenden und sich hebenden
Himmel mit den Schultern wiegend -
für die längst vom Schauer Fortgezogenen -
Wenn die Propheten einbrächen
durch Türen der Nacht,
die Sternenstraßen gezogen in ihren Handflächen
golden aufleuchten lassend -
für die längst im Schlaf Versunkenen -
Wenn die Propheten einbrächen
durch Türen der Nacht
mit ihren Worten Wunden reißend
in die Felder der Gewohnheit,
ein weit Entlegenes hereinholend
für den Tagelöhner
der längst nicht mehr wartet am Abend -
Wenn die Propheten einbrächen
durch Türen der Nacht
und ein Ohr wie eine Heimat suchten -
Ohr der Menschheit
du nesselverwachsenes,
würdest du hören?
Wenn die Stimme der Propheten
auf dem Flötengebein der ermordeten Kinder
blasen würde,
die vom Märtyrerschrei verbrannten Lüfte
ausatmete -
wenn sie eine Brücke aus verendeten Greisenseufzern
baute -
Ohr der Menschheit
du mit dem kleinen Lauschen beschäftigtes,
würdest du hören?
Wenn die Propheten
mit den Sturmschwingen der Ewigkeit hineinführen
wenn sie aufbrächen deinen Gehörgang mit den Worten:
Wer von euch will Krieg führen gegen ein Geheimnis
wer will den Sterntod erfinden?
Wenn die Propheten aufständen
in der Nacht der Menschheit
wie Liebende, die das Herz des Geliebten suchen,
Nacht der Menschheit
würdest du ein Herz zu vergeben haben?
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Bild: Fritz Stravenhagen


Kommentare
Ein Kommentar zu „27. Januar – Worte gegen die „Nacht der Menschheit““
Nelly Sachs’ Gedicht zeigt eindringlich, dass die Wahrheit über das Leid der Menschheit, über Krieg, Gewalt und das Schicksal der Opfer, unaufhaltsam in unser Leben einbrechen kann. Ihre „Propheten“ stehen für diese Stimmen des Leids und der Erinnerung, die uns aus der Sicherheit unserer Alltagsroutine reißen und uns zur Auseinandersetzung zwingen. Das Gedicht warnt davor, innerlich taub zu werden und die Schreie der Geschichte zu überhören, denn wer nicht hört, verliert sein Herz und damit seine Menschlichkeit.
Diese eindringliche Warnung findet eine direkte Bestätigung in der Rede von Tova Friedman im Bundestag. Als Überlebende von Auschwitz ruft sie dazu auf, wachsam gegenüber Hass und Antisemitismus zu bleiben. Wie sie betont: „Neutralität im Angesicht des Hasses ist keine Neutralität – sie bedeutet Zustimmung.“ Erinnern allein reicht nicht; es muss Verantwortung und Handeln folgen. Ihr Appell verdeutlicht: „Möge die Erinnerung zur Verantwortung führen, möge die Verantwortung zum Handeln führen, und möge das Handeln dafür sorgen, dass ‚Nie wieder‘ nicht nur eine Parole ist, sondern eine bleibende Verpflichtung.“
Beide Stimmen – Sachs und Friedman – mahnen uns eindringlich, dass Erinnerung und Mitgefühl keine abstrakten Begriffe sind. Sie sind aktive Verpflichtungen: Nur wer zuhört, das Leid wahrnimmt und Verantwortung übernimmt, kann verhindern, dass Unrecht wiederholt wird. Sachs’ poetische Bilder und Friedmans direkte Appelle ergänzen sich und machen klar, dass Erinnerung lebendig gehalten werden muss, um die Menschlichkeit zu bewahren.