Ein kommunalwahlpolitischer Rückblick – Analyse, Fragen, Perspektiven

Hin­weis der Redak­ti­on: Die­ser Bei­trag stammt von einem exter­nen Autor und spie­gelt nicht not­wen­di­ger­wei­se die Mei­nung der Redak­ti­on wider.

Hen­ning Reh­se, 03. Janu­ar 2026

Die Kom­mu­nal­wahl am 14.09.2025 mach­te den Wäh­lern im Hin­blick auf Wäh­ler­ge­mein­schaf­ten für Wer­mels­kir­chen ein durch­aus üppi­ges Ange­bot.

Eine Wäh­ler­ge­mein­schaft bedien­te das Publi­kum mit­te/­mit­te-links, erfreu­te es von Zeit zu Zeit mit sach­li­chen Anträ­gen zu The­men der Zeit und hip­pen Aktio­nen, war stets freund­lich, höf­lich und ver­bind­lich, tat zusam­men­ge­fasst eigent­lich alles das, was dem Wäh­ler gefal­len und was er hono­rie­ren soll­te. Auf vom Bür­ger teil­wei­se als stö­rend emp­fun­de­ne Wahl­kampf­ak­ti­vi­tä­ten ver­zich­te­te man voll­stän­dig.

Zwei wei­te­re Wäh­ler­ge­mein­schaf­ten sahen ihr Wäh­ler­kli­en­tel mehr mit­te/­mit­te-rechts. Die eine bedien­te sowohl sach­lich als auch pro­fes­sio­nell nahe­zu alle The­men­fel­der der Kom­mu­nal­po­li­tik, infor­mier­te den Bür­ger in den abge­lau­fe­nen fünf Jah­ren flä­chen­de­ckend und regel­mä­ßig über ihre Arbeit und poli­ti­sche Zusam­men­hän­ge in der Lokal­po­li­tik. Dar­über­hin­aus führ­te sie tra­di­tio­nell wie auch elek­tro­nisch einen sehr inten­si­ven Wahl­kampf. Die ande­re Wäh­ler­ge­mein­schaft war the­ma­tisch und mit Aktio­nen ganz nah an vie­len Bür­gern, die sie auch direkt ansprach und dabei mit­nahm.

Eine der Wäh­ler­ge­mein­schaf­ten hat­te kei­nen Bür­ger­meis­ter­kan­di­da­ten, die ande­ren bei­den unter­stüt­zen ent­we­der ihren eige­nen Kan­di­da­ten oder hat­ten einen gemein­sa­men Kan­di­da­ten mit der CDU.

Dann wur­de aus­ge­zählt und sie­he da im Ver­gleich zum schon nicht berau­schen­den Ergeb­nis 2020 ver­lo­ren alle drei Wäh­ler­ge­mein­schaf­ten ins­ge­samt noch­mals 1,3%.

Auf der ande­ren Sei­te leg­ten AfD mit 8,39% und Lin­ke mit 3,53% kräf­tig zu.

Wie ist das zu erklä­ren?

Eine Lin­ke, die die letz­ten 5 Jah­re nur mit einem Ein­zel­ver­tre­ter im Rat ver­tre­ten war und schon allein dadurch gehan­di­capt war, gro­ße Initia­ti­ven zu star­ten.

Eine AfD, die sich vor­sich­tig aus­ge­drückt nicht gera­de durch kom­mu­nal­po­li­ti­schen Esprit her­vor­tat und deren Akti­vi­tä­ten, so es sie denn gab, von Rats­mehr­hei­ten stets abge­lehnt wur­den und von den Medi­en ent­we­der nicht erwähnt oder ver­ris­sen wur­den.

Um nicht miss­ver­stan­den zu wer­den:

Es ist nicht gut für die Demo­kra­tie und die poli­ti­sche Kul­tur, wenn Akti­vi­tä­ten durch die Mehr­heit abge­lehnt wer­den, weil gefragt und dis­ku­tiert wird, wor­um es eigent­lich geht, son­dern nur gefragt wird, von wem die Akti­vi­tät kommt.

Gleich ob Vor­schlä­ge von der Lin­ke oder der AfD kom­men, sie soll­ten von den ande­ren poli­ti­schen Kräf­ten sach­lich bewer­tet und behan­delt wer­den.

Reflex­ar­ti­ger Auf­schrei und die sofor­ti­ge Ableh­nung von allem, was von der AfD oder den Lin­ken kommt, trifft den Geschmack vie­ler Wäh­ler nicht (mehr).

Aus Gesprä­chen mit Bür­gern vor der Wahl konn­te man bereits erah­nen, dass auch die Kom­mu­nal­wahl zur Bun­des­tags­wahl umfunk­tio­niert wer­den wür­de.

The­men wie sozia­le Gerech­tig­keit, eine teil­wei­se Ableh­nung des woken Getu­es der Grü­nen, der Ukrai­ne-Krieg und eine kon­se­quen­te Bekämp­fung der rech­ten Sze­ne brach­te den Lin­ken ins­be­son­de­re bei jün­ge­ren Wäh­lern ihren Zulauf.

Zuwan­de­rung, inne­re Sicher­heit, die Ableh­nung von über­bor­den­der Regu­lie­rung, Über­wa­chung, Gän­ge­lung, Umer­zie­hung und Bevor­mun­dung, der Ukrai­ne-Krieg, die gan­zen ver­ord­ne­ten „Wen­den“ und eine strik­te „Anti-Grün-Stra­te­gie” waren die The­men, mit denen die AfD punk­ten konn­te.

Aber alle­samt kei­ne The­men der Kom­mu­nal­po­li­tik und der Kom­mu­nal­wahl!

Die Wäh­ler­ge­mein­schaf­ten wur­den so schlicht­weg von den bun­des­po­li­ti­schen The­men erdrückt.

Natür­lich wol­len die Bür­ger Sicher­heit, Ord­nung und Sau­ber­keit, mehr Ord­nungs­kräf­te auf der Stra­ße, eine intak­te Infra­struk­tur, gepfleg­te Grün­flä­chen, ein umfas­sen­des Gesund­heits­sys­tem, genü­gend Kindergarten‑, Schul- und Betreu­ungs­plät­ze in anspre­chen­den Gebäu­den, ein Hal­len­bad, bezahl­ba­ren Wohn­raum – und all dies bit­te auch mit erträg­li­chen Steu­ern und Abga­ben.

Ja, der Bür­ger zahlt und hat somit auch ein Anrecht dar­auf!

Aber schon nach kur­zer Zeit wird man mer­ken, dass alle vor­ge­nann­ten Punk­te zwar kom­mu­nal wich­tig sind, aber auch etwas mit Geld und den städ­ti­schen Finan­zen und damit der städ­ti­schen Finan­zie­rung zu tun haben.

Womit wir wie­der bei der “gro­ßen” Poli­tik wären…

Bei den vor­ge­nann­ten The­men gibt es von Lin­ken bis AfD und allem was dazwi­schen liegt kaum inhalt­li­chen Streit. Der ist inso­fern auch über­flüs­sig, da es ob des dicken Rot­stifts auch kaum etwas in eige­ner Regie zu ent­schei­den und damit zu strei­ten gibt.

Mer­ke: Etwas mehr als 1% des städ­ti­schen Haus­halts sind frei­wil­li­ge Leis­tun­gen und fal­len in die freie Ent­schei­dungs­kom­pe­tenz des Rates – und dabei sind die größ­ten Posi­tio­nen die Kin­der­gär­ten, die Katt und die Musik­schu­le.

Ein wenn auch düs­te­rer Aus­blick auf die Zukunft:

Das kom­mu­na­le Leben und die kom­mu­nal­po­li­ti­schen Ent­schei­dun­gen wer­den immer stär­ker von der „gro­ßen“ Poli­tik beein­flusst, sei es kon­sti­tu­tio­nell durch Geset­ze, Erlas­se und Ver­ord­nun­gen, finan­zi­ell durch das Vor­han­den­sein oder auch Nicht­vor­han­den­sein einer aus­kömm­li­chen Finan­zie­rung und emo­tio­nal durch die Sicht­wei­se der Bür­ger, die die „gro­ße“ Poli­tik halt mehr im Blick haben als das Kom­mu­na­le.

Die kom­mu­na­len The­men und die aus­schließ­lich sie bear­bei­ten­den poli­ti­schen Grup­pie­run­gen wer­den es somit immer schwe­rer haben, gegen die­sen Trend anzu­kämp­fen.

Den gro­ßen Par­tei­en der demo­kra­ti­schen Mit­te soll jetzt nichts Böses unter­stellt wer­den, aber die Ent­wick­lung könn­te natür­lich zu dem auf den ers­ten Blick für sie ver­lo­cken­den Ergeb­nis füh­ren, dass so Kon­kur­ren­ten auf der kom­mu­na­len Ebe­ne schlicht­weg ver­schwin­den.

Doch Vor­sicht, das könn­te sich als Pyr­rhus­sieg erwei­sen: 2009 hat­ten die bei­den Wäh­ler­ge­mein­schaf­ten in Wer­mels­kir­chen zusam­men noch 31,7%, die Lin­ke 1,4% und die AfD gab es noch gar­nicht.

Wo mag wohl der größ­te Teil die­ser Stim­men mit­tel­bar oder unmit­tel­bar hin­ge­gan­gen sein? Man wird die Fra­ge sicher­lich nicht trenn­scharf beant­wor­ten kön­nen, quan­ti­ta­tiv betrach­tet haben jedoch die Wäh­ler­ge­mein­schaf­ten über die ver­gan­ge­nen 16 Jah­re fast 17% d.h. über die Hälf­te ihrer Stim­men ver­lo­ren, wäh­rend Lin­ke und AfD um 16,25% zule­gen konn­ten.

Als Resü­mee bleibt der drin­gen­de Rat an CDU und SPD als die die Bun­des­re­gie­rung tra­gen­de Par­tei­en und CDU und Grü­nen als die die Lan­des­re­gie­rung tra­gen­de Par­tei­en, die­se gesam­te Ent­wick­lung end­lich ein­mal ganz­heit­lich zu sehen und kon­se­quent gegen­zu­steu­ern – dabei aber nicht zu ver­ges­sen, die Bür­ger wirk­lich mit­zu­neh­men, auch wenn es für eini­ge Appa­rat­schiks in der Minis­te­ri­al­bü­ro­kra­tie wahr­schein­lich kein grö­ße­res Graus gibt, als ein­fach mal auf den „nor­ma­len“ Bür­ger zu hören und die Poli­tik zu machen, die die­ser möch­te.

Bild: Hen­ning Reh­se

Bewer­te die­sen Post!
[Gesamt: 0 Durch­schnitt: 0]

Kommentare

Hinweis der Redaktion

Für den Inhalt der Kommentare sind ausschließlich die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Die in den Kommentaren geäußerten Meinungen geben nicht zwingend die Meinung der Redaktion von forumwk.de wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu prüfen, zu bearbeiten, zu kürzen oder nicht zu veröffentlichen. Ein Anspruch auf Veröffentlichung besteht nicht. Kommentare, die gegen geltendes Recht, die Netiquette (siehe „Wir über uns“) oder die redaktionellen Grundsätze von forumwk.de verstoßen, werden nicht veröffentlicht bzw. können nachträglich entfernt werden. Gleiches gilt für Beiträge und Kommentare, die keinen direkten Bezug zu den auf forumwk.de veröffentlichten Inhalten haben.

Ein Kommentar zu „Ein kommunalwahlpolitischer Rückblick – Analyse, Fragen, Perspektiven“

  1. Avatar von Conchita Encina Finken

    Es sind schwie­ri­ge Zei­ten und vie­le Men­schen sind durch Ereig­nis­se, wie Krie­ge, mili­tan­te Regie­run­gen, sozia­le Unge­rech­tig­kei­ten etc., ver­un­si­chert.
    Bei den Gesprä­chen, die wir Grü­nen, ver­mut­lich auch alle ande­ren Par­tei­en und Wäh­ler­ge­mein­schaf­ten, geführt haben, kris­tal­li­sier­te sich her­aus, dass die Hal­tung zu den Bun­des­par­tei­en auf die kom­mu­na­len Parteien/Wählergemeinschaften über­tra­gen wer­den.
    Natür­lich ver­zahnt die Bundes‑, Landes‑, Kreis- und Kom­mu­nal­po­li­tik inein­an­der, aber oft haben kom­mu­na­le Ent­schei­dungs­pro­zes­se sehr wenig mit unse­ren Bun­des­par­tei­en zu tun.
    Wir soll­ten dies als Auf­ga­be sehen, Kom­mu­nal­po­li­tik noch trans­pa­ren­ter und auch inter­es­san­ter zu gestal­ten, unse­re Einig­keit in vie­len The­men und Berei­chen her­aus­zu­he­ben – um die Men­schen mit­zu­neh­men.
    Wir Grü­nen ver­an­stal­ten bei­spiels­wei­se alle vier Wochen ein „Grü­nes Sofa“, wo kom­mu­na­le und poli­ti­sche The­men ganz locker bespro­chen wer­den, jeder sei­ne Mei­nung sagen kann und auch dis­ku­tiert wer­den kann.

    0
    0