Die Versuchung ist groß, Zukunft an Bedingungen zu knüpfen. Viele sagen: Erst wenn die Lage besser ist, können wir wieder nach vorne denken. Wenn in der Ukraine die Waffen schweigen, wenn wirtschaftliche Sicherheit zurückkehrt, wenn Preise sinken, wenn politische Entscheidungen gefallen sind. Doch genau dieser Gedanke ist ein Irrglaube. Zukunft entsteht nicht aus einer guten Gegenwart heraus. Sie entsteht oft gerade dann, wenn die Gegenwart schwierig, widersprüchlich und verunsichernd ist.
Das gilt im Großen für unser Land – und im Kleinen ganz konkret für Wermelskirchen.
Das Jahr 2025 hat hier viele Spuren hinterlassen. Die Insolvenz des Krankenhauses hat nicht nur Patientinnen und Patienten verunsichert, sondern auch die vielen Mitarbeitenden, deren berufliche Zukunft bis heute offen ist. Für ältere Menschen ist damit erneut die Sorge gewachsen, wie es künftig um die medizinische und insbesondere die fachärztliche Versorgung bestellt sein wird. Gleichzeitig ist die Situation an Gymnasium und Gesamtschule weiter ungeklärt. Viele Eltern fragen sich, welche Perspektiven ihre Kinder hier haben und ob Bildungssicherheit noch gewährleistet ist. Hinzu kommen steigende Grundabgaben und Grundsteuern, die alle treffen – Mieter ebenso wie Eigentümer – und bei vielen das Gefühl verstärken, dass die finanziellen Spielräume immer enger werden.
Diese Erfahrungen erzeugen Zukunftsangst. Sie prägen Gespräche auf der Straße, am Küchentisch und in den Vereinen. Und sie haben politische Folgen. Wermelskirchen ist – wie große Teile des Landes – bei den letzten Wahlen deutlich nach rechts gerückt. Die offene Frage ist, ob diese Bewegung aus Überzeugung entstanden ist oder aus der Hoffnung, dass ein Blick zurück mehr Sicherheit verspricht als ein Blick nach vorn.
Auffällig ist dabei die Rolle der örtlichen Politik. Sie ist vielfach nicht in der Lage, eine überzeugende Zukunftserzählung zu formulieren. Zukunft wird selten als gestaltbarer Raum beschrieben, sondern häufig nur noch als Verwaltung des Mangels oder als Verteidigung des Bestehenden. Konservativ gewählt wurde in Wermelskirchen deutlich, doch das Angebot dieses Konservativismus erschöpft sich oft im formalen Festhalten an Traditionen. Das „C“ im Parteinamen ist präsent, eine sozial und gesellschaftlich gedachte Idee von morgen jedoch kaum. Dort, wo soziale Ausgewogenheit programmatisch sichtbar war, hat es der Wähler nicht honoriert – vielleicht auch, weil Programme allein keine Zuversicht erzeugen, wenn sie nicht in eine verständliche, motivierende Erzählung eingebettet sind.
Ein Beispiel für diese Leerstelle ist das Integrierte Handlungs- und Entwicklungskonzept aus dem Jahr 2018. Formal existiert es noch, in Förderanträgen und Aktenordnern. Als lebendiger Zukunftsrahmen für die Stadt spielt es jedoch kaum noch eine Rolle. Es wird nicht öffentlich diskutiert, nicht weiterentwickelt und nicht als gemeinsamer Bezugspunkt genutzt. Damit fehlt ein verbindendes Narrativ, das erklärt, wohin sich Wermelskirchen entwickeln soll – gerade in Zeiten von Krankenhauskrise, Bildungsunsicherheit und finanziellen Belastungen.
Rückwärtsgewandte Politik mag kurzfristig Sicherheit suggerieren. Langfristig bedeutet sie jedoch Stagnation. Parteien und Wählervereine, die den absehbaren Sinkflug lediglich verwalten, taugen nicht für eine Zukunftserzählung, die Menschen motiviert, mitzureißen und zur Mitarbeit einlädt. Ohne eine solche Erzählung bleibt Politik reaktiv, und Bürgerinnen und Bürger ziehen sich zurück.
Dabei beginnt Zukunft nicht im Rathaus und nicht im Stadtrat. Sie beginnt bei uns. Zukunft ist kein Geschenk, das von politischen Gremien verteilt wird, sondern eine Aufgabe, die zuerst von der Stadtgesellschaft angenommen werden muss. Politische Entscheidungen entstehen nicht im luftleeren Raum. Sie werden ausgelöst durch Erwartungen, durch Engagement und durch den Mut von Bürgerinnen und Bürgern, deutlich zu machen, was sie wollen und wofür sie bereit sind, Verantwortung zu übernehmen.
Wermelskirchen ist eine Stadt mehrerer Generationen, und jede bringt ein eigenes Zukunftsverständnis mit. Ältere Menschen denken oft in Kategorien von Sicherheit und Verlässlichkeit, mittlere Generationen balancieren zwischen Verantwortung und der Sorge um Stabilität, jüngere blicken mit Skepsis nach vorne, weil Krisen und Unsicherheiten das Bild prägen. Keine dieser Perspektiven ist falsch. Gefährlich wird es erst dann, wenn sie nicht mehr miteinander ins Gespräch kommen und keine gemeinsame Geschichte mehr entsteht.
Was Menschen Zuversicht gibt, ist nicht die Abwesenheit von Problemen, sondern das Gefühl, selbst etwas bewirken zu können. Selbstwirksamkeit entsteht dort, wo Menschen erleben, dass ihr Handeln zählt. Dieses Gefühl entsteht hier vor Ort – in Nachbarschaften, Vereinen, Schulen, Initiativen und im offenen Austausch zwischen Generationen und sozialen Gruppen.
Die Zukunft, die 2026 beginnt, wird nicht davon abhängen, ob alle Probleme bis dahin gelöst sind oder ob eine Partei den perfekten Plan vorlegt. Sie wird davon abhängen, ob wir den Mut haben, die Leerstelle der fehlenden Zukunftserzählung zu füllen. Nicht mit einfachen Antworten, sondern mit einer gemeinsamen Vorstellung davon, wie Leben in Wermelskirchen morgen aussehen soll. Nicht trotz der Unsicherheit, sondern mitten in ihr. Denn genau dort beginnt Zukunft.
Ich wünsche Ihnen einen guten, sicheren und gesunden Start in diese Zukunft – die gut sein soll!
Bildnachweis: Klaus Ulinski


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