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Die Richter-Gruppe: Der Anfang selbstbestimmter Jugendarbeit
Die Geschichte des Bahndamms beginnt nicht mit einem Gebäude.
Sie beginnt mit Menschen – und mit einer Haltung.
Ende der 1960er Jahre galt Jugendarbeit vielerorts noch als Disziplinierungsaufgabe. Jugendliche, die aneckten, nicht funktionierten oder sich gängigen Vereinsstrukturen entzogen, landeten schnell in Fürsorgeerziehung, teilweise sogar in geschlossenen Einrichtungen. Spielräume für selbstbestimmte Entwicklung waren rar.
In Wermelskirchen setzte Günter Richter, damals Sozialarbeiter des Diakonischen Werkes, bewusst einen anderen Schwerpunkt. Statt zu sanktionieren, suchte er den Kontakt. Statt zu verwalten, arbeitete er mit den Jugendlichen gemeinsam. Aus dieser Praxis entwickelte sich ab 1968 eine Form sozialer Gruppenarbeit, die später nur noch als „Richter-Gruppe“ bekannt war.
Ursprünglich bestand diese Gruppe aus Jugendlichen, denen Probleme mit Schule, Elternhaus oder Behörden attestiert wurden – also genau jenen, für die das damalige System kaum konstruktive Antworten hatte. Doch schnell zog das Angebot auch andere Jugendliche an: solche, denen das bestehende Vereinsleben zu eng war, die sich nicht bevormunden lassen wollten und die schlicht einen Ort suchten, an dem sie ernst genommen wurden.
Getroffen wurde sich zunächst in kirchlichen Räumen, später im evangelischen Vereinshaus. Schon hier zeigte sich ein Grundmuster, das sich durch die gesamte Bahndamm-Geschichte ziehen sollte: Räume wurden nicht konsumiert, sondern angeeignet. Aufgeräumt, umgebaut, organisiert – von den Jugendlichen selbst.
Mit wachsenden Besucherzahlen wuchs auch der Wunsch nach einem eigenen Zentrum. Ein Ort, der nicht nur Treffpunkt war, sondern Ausdruck einer eigenen Kultur und Organisation. 1972 wurde mit der „Villa Hausmann“ in der Berliner Straße ein erstes Domizil gefunden – ein ehemaliges Café, teilweise leerstehend, improvisiert nutzbar gemacht mit geringsten finanziellen Mitteln, aber viel Eigeninitiative.

Schon hier verband sich, was später zum Markenzeichen werden sollte:
Selbstverwaltung auf der einen Seite, niedrigschwellige Beratung auf der anderen. Jugendliche organisierten den Betrieb selbst, halfen sich gegenseitig, diskutierten, feierten, stritten. Gleichzeitig stand mit Günter Richter eine Person zur Verfügung, die unterstützte, vermittelte und absicherte – allerdings ohne den Anspruch, Kontrolle auszuüben.
Dieses Modell war für die damalige Zeit ungewöhnlich. Es widersprach nicht nur klassischen Hierarchien, sondern auch dem verbreiteten Misstrauen gegenüber selbstorganisierten Jugendstrukturen. Entsprechend blieb Gegenwind nicht aus: politische Skepsis, Nachbarschaftsbeschwerden und institutionelle Vorbehalte begleiteten das Projekt von Beginn an.
Als das Gebäude in der Berliner Straße abgerissen werden sollte, endete diese erste Phase abrupt. Ende 1973 stand die Gruppe erneut ohne festen Ort da. Ein Jahr lang folgte die Zeit der Treffpunktlosigkeit – mit spürbaren Folgen: Isolation, Misstrauen, zunehmende Probleme innerhalb der Gruppe.
Doch die Idee ließ sich nicht zurückdrängen. Statt Resignation entwickelte sich aus dieser Erfahrung eine noch stärkere Überzeugung: Jugendliche brauchen eigene Räume. Und sie brauchen die Freiheit, diese selbst zu gestalten.
Diese Überzeugung sollte den Weg weiter prägen – durch neue Provisorien, politische Auseinandersetzungen und schließlich bis zum Bahndamm.
Im nächsten Teil geht es um diese Jahre des Provisoriums:
Kenkhausen, Stigmatisierung, politische Randlagen – und warum der Weg in ein „richtiges“ Zentrum so lang und konfliktreich war.
Bilder: Jugendinitiative Wermelskirchen e. V. / AJZ Bahndamm
Teile der Bahndamm Chronik:
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Bahndamm Wermelskirchen – Eine Chronik in 12 Teilen (1)
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Bahndamm Wermelskirchen – Eine Chronik in 12 Teilen (2)
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Bahndamm Wermelskirchen – Eine Chronik in 12 Teilen (3)
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Bahndamm Wermelskirchen – Eine Chronik in 12 Teilen (4)
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Bahndamm Wermelskirchen – Eine Chronik in 12 Teilen (5)
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Bahndamm Wermelskirchen – Eine Chronik in 12 Teilen (6)
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Bahndamm Wermelskirchen – Eine Chronik in 12 Teilen (7)
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Bahndamm Wermelskirchen – Eine Chronik in 12 Teilen (8)


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