Humanitäre Dringlichkeit

Lothar Dähn – 17.02.2026

Seit über sechs Jahr­zehn­ten bringt die Münch­ner Sicher­heits­kon­fe­renz Ent­schei­dungs­trä­ger aus aller Welt zusam­men. Gegrün­det von Her­mann von Kleist, hat sie sich zum bedeu­tends­ten inter­na­tio­na­len Tref­fen von Poli­ti­ke­rin­nen und Poli­ti­kern, Mili­tärs sowie hoch­ran­gi­gen Ver­tre­te­rin­nen und Ver­tre­tern aus Zivil­ge­sell­schaft und NGOs ent­wi­ckelt. Ihr Leit­ge­dan­ke ist so schlicht wie ambi­tio­niert: Frie­den durch Dia­log.

Doch in die­sem Jahr war etwas anders.

Nur weni­ge Schrit­te neben dem tra­di­ti­ons­rei­chen Baye­ri­scher Hof ent­stand erst­mals das „Ukrai­ne House“ – ein­ge­rich­tet in einem ehe­ma­li­gen Bank­ge­bäu­de. Hier zeigt die Ukrai­ne ein­dring­lich, was Krieg heu­te bedeu­tet. Aus­ge­stellt sind Ori­gi­naldroh­nen, ergänzt durch Film­ma­te­ri­al, das die täg­li­chen Angriffs­wel­len doku­men­tiert, denen die Zivil­be­völ­ke­rung aus­ge­setzt ist. Beson­ders ver­stö­rend: eine Video­si­mu­la­ti­on, die in Dau­er­schlei­fe zeigt, wie ver­gleich­ba­re Angrif­fe in deut­schen Städ­ten aus­se­hen wür­den.

Wäh­rend im Kon­fe­renz­ho­tel selbst über Stra­te­gien und Diplo­ma­tie dis­ku­tiert wird, wird neben­an die Rea­li­tät des Krie­ges sicht­bar und greif­bar


Ein Land im Über­le­bens­kampf

Auch in den Panels der Haupt­kon­fe­renz domi­niert ein The­ma: der Krieg gegen die Ukrai­ne. Das flä­chen­mä­ßig größ­te Land Euro­pas kämpft um sei­ne Exis­tenz – um Frei­heit, Demo­kra­tie und Selbst­be­stim­mung.

Nach Jah­ren eska­lie­ren­der Gewalt, ins­be­son­de­re in der Don­bas-Regi­on, ist das Aus­maß der Opfer kaum zu bezif­fern. Tote, Schwer­ver­letz­te, trau­ma­ti­sier­te Fami­li­en – es gibt kaum jeman­den, der nicht betrof­fen ist. Und doch ist neben der Trau­er vor allem eines spür­bar: ein unbeug­sa­mer Wil­le zum Wider­stand.

Vie­le Dis­kus­sio­nen krei­sen um Resi­li­enz – um die Fra­ge, wie Gesell­schaf­ten unter Kriegs­be­din­gun­gen sta­bil blei­ben kön­nen und was nötig ist, um das Durch­hal­te­ver­mö­gen der Bevöl­ke­rung zu stär­ken.


Huma­ni­tä­re Hil­fe als Über­le­bens­fra­ge

Für das Blau-Gel­bes Kreuz, den deutsch-ukrai­ni­schen Hilfs­ver­ein aus Köln, steht fest: Huma­ni­tä­re Unter­stüt­zung ent­schei­det über Leben und Tod.

Ich bin für den Ver­ein vor Ort akkre­di­tiert.

Unter ande­ren gespen­det von dem Lions Club Wer­mels­kir­chen-Wip­per­fürth wer­den medi­zi­ni­sche Not­fall­ruck­sä­cke bereit­ge­stellt – so kon­zi­piert, dass ihr Inhalt im Ernst­fall bis zu fünf Men­schen mit typi­schen Kriegs­ver­let­zun­gen das Leben ret­ten kann.

Geziel­te Angrif­fe auf zivi­le Infra­struk­tur – ins­be­son­de­re auf die Ener­gie­ver­sor­gung – füh­ren regel­mä­ßig zu wochen­lan­gen Strom­aus­fäl­len. Bei zwei­stel­li­gen Minus­gra­den sind die Fol­gen für die Bevöl­ke­rung ver­hee­rend.

Die Vor­sit­zen­de des Ver­eins, Lin­da Mai, war erst vor weni­gen Tagen in Kyjiw. Sie berich­tet von dra­ma­ti­schen Zustän­den in einer Geburts- und Kin­der­kli­nik: Gene­ra­to­ren lau­fen am Limit, Über­hit­zung droht jeder­zeit. Ärz­te und Eltern ban­gen um das Leben von Früh­ge­bo­re­nen und frisch ope­rier­ten Kin­dern.


Ver­schlepp­te Kin­der – ein Krieg gegen die Zukunft

Auf den Büh­nen der Kon­fe­renz wie auch im Ukrai­ne House ist der Krieg all­ge­gen­wär­tig.

In einer Dis­kus­si­ons­run­de spre­chen sechs Frau­en – dar­un­ter euro­päi­sche Minis­te­rin­nen und die EU-Son­der­be­auf­trag­te für Men­schen­rech­te Kaj­sa Ollon­gren – über Hun­dert­tau­sen­de ver­schlepp­te ukrai­ni­sche Kin­der.

Fil­mi­sche Bele­ge zei­gen: Vie­le von ihnen wer­den in Russ­land umer­zo­gen, Jun­gen mili­tä­risch aus­ge­bil­det. Die Befürch­tung: Mit 18 könn­ten sie gezwun­gen wer­den, gegen ihr eige­nes Her­kunfts­land zu kämp­fen.


Begeg­nun­gen zwi­schen Alarm und Hoff­nung

Zwi­schen den Ver­an­stal­tun­gen kom­me ich mit einer 32-jäh­ri­gen Oberst­leut­nan­tin ins Gespräch. Mili­tär­dienst hat in ihrer Fami­lie Tra­di­ti­on, erzählt sie. Doch dass sie und ihr Bru­der eines Tages in einem Krieg auf Leben und Tod ste­hen wür­den, hät­te sie sich nie vor­stel­len kön­nen.

Mit­ten im Gespräch zuckt sie plötz­lich zusam­men – ein Alarm­ton aus einer nahe­ge­le­ge­nen Video­in­stal­la­ti­on. Sekun­den spä­ter ent­schul­digt sie sich. Refle­xe wie die­ser gehö­ren inzwi­schen zu ihrem All­tag.

Kurz dar­auf tref­fe ich einen ukrai­ni­schen Ske­le­ton-Olym­pio­ni­ken. Her­as­ke­vych Vla­dys­lav. Sein dun­kel­grau­er Helm, welt­weit bekannt gewor­den, zeigt klei­ne Por­träts gefal­le­ner ukrai­ni­scher Sport­ler – ein stil­les Geden­ken, das zu sei­ner Dis­qua­li­fi­ka­ti­on führ­te. Er spricht offen über sei­ne Ent­täu­schung nach Jah­ren inten­si­ven Trai­nings. Doch wich­ti­ger sei für ihn, sagt er, dass dadurch Auf­merk­sam­keit auf sein Land und die Opfer gelenkt wer­de.


Diplo­ma­tie trifft Rea­li­tät

Uner­müd­lich erklä­ren Lin­da Mai und ihr Team den Kon­fe­renz­teil­neh­mern ihre Arbeit:

„Wir kön­nen kon­kre­te Hil­fe leis­ten – Gene­ra­to­ren, Kran­ken­haus­bet­ten, medi­zi­ni­sche Aus­rüs­tung. Und wir haben die Logis­tik, um sicher­zu­stel­len, dass alles dort ankommt, wo es gebraucht wird.“

Die Tage auf der Sicher­heits­kon­fe­renz sind dicht getak­tet. Kaum eine ruhi­ge Minu­te, Ter­mi­ne rei­hen sich anein­an­der. Doch trotz des diplo­ma­ti­schen Tru­bels wird zuge­hört.

Denn vie­len hier ist klar gewor­den: Es geht nicht nur um geo­po­li­ti­sche Stra­te­gien. Es geht dar­um, Men­schen­le­ben zu ret­ten – und gleich­zei­tig Frei­heit und Demo­kra­tie in Euro­pa zu ver­tei­di­gen.

Foto und Video: Lothar Dähn

Kommentare

3 Antworten zu „Humanitäre Dringlichkeit“

  1. Avatar von Marcello Albani
    Marcello Albani

    Euro­pa ist schwach und hat die eige­ne Sicher­heit in die Hän­de der Ame­ri­ka­ner gelegt. Wenn Euro­pa es nicht schafft in den nächs­ten Jah­ren ein schlag­fer­ti­ges Mili­tär auf­zu­stel­len wer­den wir zum Spiel­ball der Groß­mäch­te. Die UN ist tot. Staa­ten haben kei­ne Freun­de son­dern nur Inter­es­sen.

  2. Avatar von Ralf Schmitz
    Ralf Schmitz

    Immer der glei­che Feh­ler
    Flä­chen­mä­ßig größ­tes Land Euro­pas ist Russ­land
    Das poli­ti­sche Gebil­de EU ist nicht der Kon­ti­nent Euro­pa

    1. Avatar von Lothar Dähn
      Lothar Dähn

      Dan­ke. Sie haben natür­lich recht! Umstän­de­hal­ber ver­gisst man das mit­un­ter. Inhalt, aber soweit ok?

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