Ruhige Zeiten

Buch­emp­feh­lung von Marie-Loui­se Lich­ten­berg zur Erin­ne­rung an die Wann­see-
Kon­fe­renz am 20. Janu­ar 1942

Am 20. Janu­ar 1942 beschlos­sen hoch­ran­gi­ge Ver­tre­ter der Natio­nal­so­zia­lis­ten in einer Vil­la am Wann­see in Ber­lin die „End­lö­sung der Juden­fra­ge“. Minis­te­ri­al­be­am­te ver­schie­de­ner Reichs­mi­nis­te­ri­en, hohe SS- und NSDAP-Funk­tio­nä­re folg­ten der Ein­la­dung von Rein­hard Heyd­rich und beschlos­sen die sys­te­ma­ti­sche Ermor­dung der elf Mil­lio­nen euro­päi­schen Juden. Das mas­sen­haf­te Mor­den hat­te schon vor der Wann­see-Kon­fe­renz begon­nen, aber jetzt begann der Geno­zid. Schnell und sys­te­ma­tisch soll­ten die euro­päi­schen Juden aus den von Deutsch­land kon­trol­lier­ten Gebie­ten ermor­det wer­den. Kei­ner der Teil­neh­mer der Kon­fe­renz wider­sprach, im Gegen­teil, alle sol­len mit gro­ßem Eifer Vor­schlä­ge gemacht haben, wie man am effi­zi­en­tes­ten die Ver­nich­tung der Juden durch­füh­ren könn­te.
Pro­to­koll­füh­rer war Adolf Eich­mann, Juden­re­fe­rent im Reichs­si­cher­heits­haupt­amt. Die Beschlüs­se der Kon­fe­renz wur­den bald umge­setzt. Men­schen­ver­ach­tend und eis­kalt steht u.a. im Pro­to­koll der Kon­fe­renz: „In gro­ßen Arbeits­ko­lon­nen (…) wer­den die arbeits­fä­hi­gen Juden stra­ßen­bau­end in die­se Gebie­te geführt, wobei zwei­fel­los ein Groß­teil durch natür­li­che Ver­min­de­rung aus­fal­len wird. Der all­fäl­lig end­lich ver­blei­ben­de Rest­be­stand wird (…) ent­spre­chend behan­delt wer­den müs­sen (…).“

Bis Kriegs­en­de 1945 ermor­de­ten die SS und die Nazis in den Ver­nich­tungs­la­gern und bei Mas­sa­kern über sechs Mil­lio­nen Juden. Män­ner, Frau­en, Kin­der.

Das fol­gen­de Buch zeigt sehr empa­thisch und warm­her­zig, wel­che Spu­ren der Holo­caust bei Über­le­ben­den und deren Nach­kom­men hin­ter­las­sen hat.

Liz­zi Doron
Über­set­zung aus dem Hebräi­schen von Mir­jam Press­ler
Ruhi­ge Zei­ten
194 Sei­ten
dtv Taschen­buch 2017
9,90 €

„Lea­le arbei­tet seit über drei­ßig Jah­ren in dem klei­nen Fri­seur­sa­lon von Sajt­schik, mani­kürt den Frau­en des Vier­tels die Nägel und hört ihren Geschich­ten zu. Der Salon ist für sie ein zwei­tes Zuhau­se gewor­den, seit­dem ihr Sohn Etan nach Ame­ri­ka gezo­gen ist. Für die ande­ren ist Sajt­schiks Salon der Ort, an dem die, die sonst Zuflucht im Schwei­gen suchen, zu erzäh­len begin­nen.
Als Sajt­schik stirbt, bricht für Lea­le, die als Kind aus Polen nach Isra­el gekom­men war, aber­mals eine Welt aus­ein­an­der. In den Tagen der Trau­er stei­gen Erin­ne­run­gen auf – an ihren lang ver­stor­be­nen Mann, mit dem sie unbe­dingt eine Fami­lie haben woll­te, an den gelieb­ten Sajt­schik, an des­sen von ihr weni­ger geschätz­ten Freund Mord­e­chai, der sie damals nach dem Krieg nach Isra­el brach­te, an ihren ein­zi­gen Sohn Etan und an die Sho­ah-Über­le­ben­den, die in ihrem Vier­tel ein neu­es Leben began­nen, soweit das eben mög­lich war.“, so der Text des Ver­la­ges.

Ich emp­feh­le die­ses Buch sehr, weil uns die Autorin Liz­zi Doron mit die­ser Geschich­te sehr ein­dring­lich vor Augen führt, was die Nazis den Men­schen mit ihrem ver­bre­che­ri­schen Regime ange­tan haben. Sie ruft uns durch Andeu­tun­gen und Leer­stel­len das Grau­en, das sie erle­ben muss­ten, in Erin­ne­rung. Wenn Sajt­schik z.B. jedes Mal, wenn er die geschnit­te­nen Haa­re zusam­men­fe­gen muss­te, bleich wur­de und zit­ter­te. Auch, dass unter dem Pflas­ter auf sei­nem Arm eine blaue Num­mer war, die ihn nicht in Ruhe ließ. Oder, wenn die Ich-Erzäh­le­rin sagt: „Mir brach immer der Schweiß aus, wenn mich jemand nach mei­ner Kind­heit frag­te oder mich über­haupt etwas frag­te. … Frag­te man mich, wie mei­ne Mut­ter gehei­ßen hat­te, wann ich gebo­ren wur­de, wo ich vor dem Krieg war, wur­de mir schlecht und schwind­lig …“

Liz­zi Doron wid­met die­ses Buch Men­schen, an die sich nie­mand erin­nern wird.

Im Novem­ber 2023 haben Rechts­extre­mis­ten, Funk­tio­nä­re der AfD und Mit­glie­der der soge­nann­ten Wer­te­uni­on in einer Vil­la in Pots­dam über die mas­sen­haf­te Ver­trei­bung von Men­schen mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund aus Deutsch­land bera­ten. Einen „Mas­ter­plan zur Remi­gra­ti­on“ hat der öster­rei­chi­sche Rechts­extre­mist Mar­tin Sell­ner vor­ge­stellt.

Erin­nern bedeu­tet auf­klä­ren!

Fotos: Marie-Loui­se Lich­ten­berg und dtv Ver­lag

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert