Das Versagen

Kat­ja Glo­ger, Georg Mas­co­lo

Das Ver­sa­gen, gele­sen und für Sie vor­ge­stellt von Klaus Ulin­ski.

Eine inves­ti­ga­ti­ve Geschich­te der deut­schen Russ­land­po­li­tik

Ull­stein Hard­co­ver, 16.10.2025
496 Sei­ten
26,99 €

Das Buch Das Ver­sa­gen wid­met sich einer zen­tra­len Fra­ge der jün­ge­ren deut­schen Zeit­ge­schich­te: Wie konn­te es dazu kom­men, dass Deutsch­land und Euro­pa von Russ­lands Ent­wick­lung unter Wla­di­mir Putin über­rascht wur­den, obwohl der aktu­el­le Krieg gegen die Ukrai­ne nicht aus dem Nichts ent­stan­den ist?

Kat­ja Glo­ger und Georg Mas­co­lo nähern sich die­ser Fra­ge nicht aus par­tei­po­li­ti­scher Per­spek­ti­ve, son­dern jour­na­lis­tisch und doku­men­ten­ba­siert. Sie ana­ly­sie­ren die deut­sche Russ­land­po­li­tik der ver­gan­ge­nen rund drei Jahr­zehn­te und zeich­nen nach, wel­che poli­ti­schen Annah­men, Ent­schei­dungs­lo­gi­ken und Prio­ri­tä­ten die­se geprägt haben.

Inhalt und Ansatz

Im Mit­tel­punkt steht die Beob­ach­tung, dass zahl­rei­che Warn­si­gna­le früh­zei­tig bekannt waren – etwa aus diplo­ma­ti­schen Berich­ten, sicher­heits­po­li­ti­schen Ana­ly­sen und geheim­dienst­li­chen Ein­schät­zun­gen. Den­noch wur­den vie­le die­ser Hin­wei­se poli­tisch nicht kon­se­quent auf­ge­grif­fen. Statt­des­sen setz­te man lan­ge auf Dia­log, wirt­schaft­li­che Ver­flech­tung und die Hoff­nung auf Sta­bi­li­tät.

Das Buch zeigt, dass die­se Hal­tung nicht das Ergeb­nis ein­zel­ner Fehl­ent­schei­dun­gen war, son­dern Teil eines über Jah­re gewach­se­nen poli­ti­schen Grund­ver­ständ­nis­ses, das par­tei­über­grei­fend wirk­te. Die Autoren beschrei­ben, wie his­to­ri­sche Erfah­run­gen, wirt­schaft­li­che Inter­es­sen und der Wunsch nach bere­chen­ba­ren Bezie­hun­gen zu Russ­land immer wie­der dazu führ­ten, Risi­ken als beherrsch­bar ein­zu­stu­fen.

War­um das Buch gera­de jetzt rele­vant ist

Vor dem Hin­ter­grund des Ukrai­ne-Krie­ges wirkt die­se Rück­schau beson­ders ein­dring­lich. Das Ver­sa­gen macht deut­lich, dass aktu­el­le Kri­sen oft lan­ge Vor­ge­schich­ten haben – und dass poli­ti­sche Ent­schei­dun­gen, die zunächst prag­ma­tisch oder alter­na­tiv­los erschei­nen, lang­fris­ti­ge Fol­gen ent­fal­ten kön­nen.

Für Lese­rin­nen und Leser, die die gegen­wär­ti­ge inter­na­tio­na­le Lage mit Sor­ge betrach­ten, bie­tet das Buch Ori­en­tie­rung: Es hilft, heu­ti­ge Ent­wick­lun­gen bes­ser ein­zu­ord­nen, ohne ein­fa­che Schuld­zu­wei­sun­gen vor­zu­neh­men. Viel­mehr lädt es dazu ein, über poli­ti­sche Ent­schei­dungs­pro­zes­se, Ver­ant­wort­lich­kei­ten und Lern­fä­hig­keit von Demo­kra­tien nach­zu­den­ken.

Ein Bei­trag zur poli­ti­schen Selbst­re­fle­xi­on

Der Titel Das Ver­sa­gen ist bewusst gewählt, aber nicht pole­misch gemeint. Die Autoren ver­ste­hen ihn als Beschrei­bung eines struk­tu­rel­len Pro­blems: Poli­ti­sche Sys­te­me kön­nen schei­tern, wenn unbe­que­me Erkennt­nis­se ver­drängt, Risi­ken unter­schätzt oder Ent­schei­dun­gen zu lan­ge auf­ge­scho­ben wer­den.

Gera­de auf kom­mu­na­ler Ebe­ne mag Außen­po­li­tik weit ent­fernt erschei­nen. Doch das Buch zeigt, dass inter­na­tio­na­le Ent­wick­lun­gen unmit­tel­ba­re Aus­wir­kun­gen auf das Leben vor Ort haben – sei es durch Ener­gie­prei­se, wirt­schaft­li­che Unsi­cher­hei­ten oder ein all­ge­mei­nes Gefühl von Insta­bi­li­tät. In die­sem Sin­ne ist Das Ver­sa­gen auch ein Anstoß zur Fra­ge, wie poli­ti­sche Ver­ant­wor­tung, Trans­pa­renz und vor­aus­schau­en­des Han­deln ins­ge­samt gestärkt wer­den kön­nen.

Unser Fazit: Pflicht­lek­tü­re!

Das Ver­sa­gen ist ein sach­li­ches, gut recher­chier­tes Buch, das zur ruhi­gen Aus­ein­an­der­set­zung mit einem schwie­ri­gen The­ma ein­lädt. Es bie­tet kei­ne ein­fa­chen Ant­wor­ten, son­dern stellt Zusam­men­hän­ge dar und eröff­net Raum für Dis­kus­si­on. Gera­de für poli­tisch inter­es­sier­te Men­schen – und für jene, die die aktu­el­le Kri­sen­si­tua­ti­on mit wach­sen­dem Unbe­ha­gen ver­fol­gen – kann die Lek­tü­re hel­fen, Ent­wick­lun­gen bes­ser zu ver­ste­hen und Leh­ren für die Zukunft zu zie­hen. Wir fin­den, es ist Pflicht­lek­tü­re!

Fotos: Marie-Loui­se Lich­ten­berg / Ver­lag ull­stein

Kommentare

Eine Antwort zu „Das Versagen“

  1. Avatar von Harald Heidbüchel
    Harald Heidbüchel

    Das Buch kann ich nur emp­feh­len, habe ich mir zum Neu­en Jahr gegönnt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert