von KLAUS ULINSKI
Wermelskirchen I Es ist nur ein Katzensprung von der Eifgenstadt Wermelskirchen nach Leverkusen, und doch lag zwischen beiden Städten an diesem Dienstag eine ganze Welt. Im Forum in Wiesdorf wollten am Abend Alice Weidel und Ulrich Siegmund auftreten, eingeladen von der Fraktion ESN, wie Sat.1 NRW berichtet; Radio Erft spricht gar von einem Treffen der Rechtspopulisten aus der gesamten EU. Man muss die Ironie nicht lange suchen: Wer Europa kleinreden und seine Gemeinschaft aushöhlen will, versammelt sich dazu ausgerechnet europäisch. Das antieuropäische Streben der AfD braucht offenbar die Bühne, die Europa ihr bietet.
Nun ist es gewiss nicht neu, dass die Braun-Blauen ihre Parolen gerne im Saal verkünden, wo der Beifall sicher ist. Neu ist auch nicht, dass ihnen davor jemand widerspricht. Neu, oder besser: wieder bemerkenswert, ist die Zahl derer, die sich dafür auf den Weg machen. Bei der Polizei Köln waren zwischen 16 und 19 Uhr zwei Gegenkundgebungen angemeldet, ein Aufzug mit bis zu eintausend Teilnehmern, der an der Rathaus-Galerie beginnt und am Forum vorbeiführt, dazu eine Standkundgebung mit bis zu hundert. Der WDR rechnete mit etwa zwölfhundert Menschen, Radio Erft meldete, „Hunderte Menschen aus dem Rheinland“ fahren hin: Parteien, Gewerkschaften, die Omas gegen rechts, wie es dort heißt. Sie wollten, so Radio Erft, gegen Rassismus, Hass und Hetze protestieren.
Und unter ihnen, das darf man mit Stolz sagen, waren sehr viele Engagierte gegen Rechts aus Wermelskirchen. Sie haben sich nicht damit begnügt, das Treiben aus der Ferne zu kommentieren. Sie sind in die Nachbarstadt gereist, um dem rechtsextremen Unsinn, der dort verbreitet werden sollte, sichtbar entgegenzutreten. Ist das eigentlich selbstverständlich? Keineswegs. Es kostet Zeit, es kostet einen Feierabend, und es setzt die Einsicht voraus, dass Demokratie nicht in Wiesdorf endet und nicht in Wermelskirchen beginnt. Wer die Zivilgesellschaft nur dann ruft, wenn die AfD vor der eigenen Haustür steht, kommt zu spät.
Erwähnt muss noch dieses: Auch AfD-Anhänger haben, so Sat.1 NRW, eine eigene Kundgebung abgehalten, und die Polizei hielt ein Großaufgebot bereit, um beide Seiten voneinander zu trennen. Das ist das Recht der Versammlungsfreiheit, und es gilt für alle, die sich auf den Boden des Grundgesetzes stellen. Es gilt freilich nicht als Freibrief für die Verächter dieses Bodens. Wie der Abend tatsächlich verlaufen ist, wie viele gekommen sind und ob es ruhig blieb, lag bei Redaktionsschluss noch nicht vor; wir werden es nachtragen.
Eines aber steht schon jetzt fest: Die Wermelskirchener haben den Weg nach Leverkusen gefunden. Nachbarschaftshilfe eben.
Quellen:
Sat.1 NRW, Radio Erft, Polizei Köln über meinestadt.de, jeweils vom 19. und 20. Oktober 2026
Bilder: Privat: Anna Blumberg


Schreibe einen Kommentar