Denk ich an Deutschland in der Nacht,
dann bin ich um den Schlaf gebracht,
ich kann nicht mehr die Augen schließen,
und meine heißen Tränen fließen.
Die Jahre kommen und vergehn!
Seit ich die Mutter nicht gesehn,
zwölf Jahre sind schon hingegangen;
es wächst mein Sehnen und Verlangen.
Mein Sehnen und Verlangen wächst.
Die alte Frau hat mich behext.
Ich denke immer an die alte,
die alte Frau, die Gott erhalte!
Die alte Frau hat mich so lieb,
und in den Briefen, die sie schrieb,
seh ich, wie ihre Hand gezittert,
wie tief das Mutterherz erschüttert.
Die Mutter liegt mir stets im Sinn.
Zwölf lange Jahre flossen hin,
zwölf Jahre sind verflossen,
seit ich sie nicht ans Herz geschlossen.
Deutschland hat ewigen Bestand,
es ist ein kerngesundes Land!
Mit seinen Eichen, seinen Linden,
werd ich es immer wiederfinden.
Nach Deutschland lechzt ich nicht so sehr,
wenn nicht die Mutter dorten wär;
das Vaterland wird nie verderben,
jedoch die alte Frau kann sterben.
Seit ich das Land verlassen hab,
so viele sanken dort ins Grab,
die ich geliebt – wenn ich sie zähle,
so will verbluten meine Seele.
Und zählen muß ich – mit der Zahl,
schwillt immer höher meine Qual,
mir ist, als wälzten sich die Leichen
auf meine Brust – Gottlob! Sie weichen!
Gottlob! Durch meine Fenster bricht
Französisch heitres Tageslicht;
es kommt mein Weib, schön wie der Morgen,
und lächelt fort die deutschen Sorgen.
(1844) aus Zeitgedichte XXIV
Foto: Pixabay


Kommentare
2 Kommentare zu „Heinrich Heine – Nachtgedanken“
Dann hat er es nicht verstanden.
Heinrich Heine lebte damals im Exil in Paris. Obwohl Heine sich selbst nicht zu den Dichtern des Vormärz – zählte, gilt Zeitgedichte als ein Werk dieser politisch-literarischen Strömung. Der Begriff Vormärz bezeichnet die Epoche der deutschen Geschichte zwischen der Julirevolution von 1830 und der Märzrevolution von 1848.
Das Lieblingsgedicht des Reichsanstreichermeisters Tino Chrupalla. Aber nur die ersten 2 Zeilen. Mehr weiß er nicht.