Version française ci-dessous. / Die französische Übersetzung dieses Textes befindet sich weiter unten.
Die Erinnerung ist noch frisch. Die Gedanken daran lassen mich nicht los. Noch vor einer Woche war ich in einem Land im Krieg. Gemeinsam mit dem Deutsch-Ukrainischen Hilfsverein Blau-Gelbes Kreuz aus Köln brachten wir 15 hier ausrangierte Rettungswagen in die Westukraine. Darunter auch das 500. Fahrzeug, das der Verein insgesamt seit 2022 überführt hat. Am Steuer saß der Kabarettist Jürgen Becker.
Die meisten Fahrer – auch Jürgen – waren schon mehrfach dabei. Sie kannten die Abläufe, wussten, was es bedeutet, diszipliniert mit maximal 110 km/h die rund 1.400 Kilometer im Konvoi zurückzulegen. Sie kannten auch das Gefühl, wenn kurz vor dem Ziel der polnische Zoll unfassbar viele Stunden für die Abfertigung benötigt. Dieses Mal hatten wir Glück: Nach nur zwei Stunden standen wir bereits auf ukrainischer Seite. Anders als die meisten Fahrer, die nach der Fahrzeugübergabe sofort den Rückweg antraten, setzten wir zu viert unsere Reise fort.
Die folgenden drei Tage waren vom BGK genau geplant. Im Großraum Lviv besuchten wir die stellvertretende Chefin der Bezirksregierung, den Landrat, Kriegsverletzte, adoptierte Kinder in neuen Familien sowie schwerstkranke Kleinkinder, die erst gesund genug werden müssen, um überhaupt eine Chance auf Adoption zu haben. Wir besuchten außerdem den Soldatenfriedhof der Stadt.
Nur 3 Tage in der West-Ukraine, aber schon bekam ich eine Ahnung von dem, was hier mit den Menschen geschieht. Das war völlig anderes, als eine kurze Meldung in der Tagesschau.
Ich denke an Khrystyna, diese couragierte und hochkompetente Frau. Bis zum Kriegsbeginn war sie Leiterin des Amtes für Zivilschutz in Lemberg. Unmittelbar nach dem russischen Angriff wurde ihr – von jetzt auf gleich und persönlich durch den Präsidenten – die Verantwortung für die Aufrechterhaltung der gesamten Infrastruktur übertragen. Damit trug sie plötzlich Verantwortung für die Menschen in der gesamten Region.
Aus der Amtsleiterin mit 35 städtischen Angestellten wurde über Nacht die Befehlshaberin über mehr als 500 Mitarbeitende – einschließlich Militär und sämtlicher Hilfsdienste vor Ort. Die Stadt, in ihrer Größe etwa mit Düsseldorf vergleichbar, verdoppelte im Februar 2022 innerhalb weniger Tage ihre Einwohnerzahl. Zehntausende Menschen waren auf der Flucht nach Westen, viele von ihnen kamen zunächst nach Lviv.
„Unvorstellbar – aber jetzt war tatsächlich Krieg. Alle mussten sofort funktionieren. Es gab keine Zeit für lange Beratungen. Schnelle Entscheidungen waren lebensnotwendig. Auf den Zufahrtsstraßen bildeten sich 30 bis 40 Kilometer lange Staus, der innerstädtische Verkehr stand kurz vor dem Kollaps. Unterkünfte und Verpflegung mussten in kürzester Zeit organisiert werden. Übliche bürokratische Prozesse waren völlig ungeeignet. Gefragt waren Orts- und Verwaltungskenntnisse, Weitsicht, Durchsetzungsvermögen sowie Improvisations- und Organisationstalent.“ Khrystyna erzählte auch, dass sie vier Nächte hintereinander praktisch nicht geschlafen hatte.
Jürgen Becker brachte es auf der Weiterfahrt treffend auf den Punkt: „Die meisten Männer waren sehr schnell weg – und sind es bis heute. Viele sind gefallen, verletzt oder kämpfen an der Front. Die Frauen halten hier jetzt den Laden zusammen. Ohne Urlaub, ohne Freizeit. Gleichzeitig sind sie Mütter und übernehmen die Verantwortung für ihre Familien.“
In einer Rehaklinik für Kriegsverletzte stellte man uns eine Psychiaterin vor. Sie nahm sich Zeit für Erklärungen. Viele der schwerverletzten Männer hatten ein Bein verloren, manche sogar beide. Früher waren es vor allem Landminen, die töteten oder zu diesen grausamen Verstümmelungen führten, erklärte uns ein Kollege. Heute sind es Drohnen – Angriffe von oben. Die Verletzungen sind nicht weniger brutal.
Ich erinnerte mich an die beinamputierten, älteren Männer meiner Kindheit. Damals gehörten sie noch zum Straßenbild. In den letzten Jahrzehnten wurden sie unsichtbar. Hier war das anders. Junge Männer, junge Familienväter saßen mit ihren verstümmelten Körpern im Rollstuhl oder trainierten mit dem Mut der Verzweiflung in der Reha-Gymnastik.
Was macht das mit einem Menschen? Die Psychiaterin zog mehrere Krankenakten aus einem Stapel auf ihrem Schreibtisch. Sie las Anamnesen vor und erklärte die Einstufungen der traumatisierten Männer nach Schweregrad. Für viele sei es lange Zeit unbegreiflich, ihre Amputationen und ihr Schicksal zu akzeptieren. Der Klinikleiter ergänzte, dass nach jeder Amputation oft zahlreiche weitere Operationen folgen – unter anderem, weil das Gewebe unterschiedlich schnell zusammenwächst. Ein junger Mann erzählte uns, dass er bereits 30-mal operiert worden sei.
Ich bin hier nur kurz zu Gast. Trotzdem spüre ich spürte ich es unmittelbar: Hier ist Krieg.
Als wäre das nicht genug, wurde dieser Eindruck beim Besuch des Soldatenfriedhofs in Lviv noch einmal übertroffen. Um uns herum ein Meer aus Fahnen. Auf jedem Grab eine, manchmal zwei. So weit das Auge reicht. Viele Gräber wirkten frisch. Auf jedem ein Foto – meist von einem jungen Mann.
Weinende Eltern. Traurige Männer in Uniform, einige mit Beinprothesen, die ihre gefallenen Freunde besuchten. Der eiskalte Wind und die Schneeflocken trieben uns die Tränen in die Augen. Ich konnte nicht mehr sprechen. Mein Hals war zugeschnürt. Und ich dachte nur: Wir sind doch in einer wunderschönen, alten europäischen Stadt. Das ist doch Europa. Was für eine Katastrophe? Was ist hier los?
Hinweis: alle Fotos von Kindern wurden mit ausdrücklicher Zustimmung der Erziehungsberechtigten aufgenommen und für Veröffentlichung freigegeben.
Fotos von Kriegsversehrten wurden mit ihrer Zustimmung und der Genehmigung der Ärzte aufgenommen. Und wurden freigegeben .
Avec le BGK en Ukraine – des pensées qui restent !
Le souvenir est encore frais. Les pensées à ce sujet ne me quittent pas. Il y a à peine une semaine, j’étais dans un pays en guerre. Avec l’association germano-ukrainienne d’aide Blau-Gelbes Kreuz de Cologne, nous avons transporté 15 ambulances mises hors service jusqu’à l’ouest de l’Ukraine. Parmi elles, le 500ᵉ véhicule transféré par l’association depuis 2022. Au volant se trouvait le cabarettiste Jürgen Becker.
La plupart des conducteurs – y compris Jürgen – avaient déjà participé plusieurs fois à ces missions. Ils connaissaient les procédures, savaient ce que cela implique de parcourir environ 1 400 kilomètres en convoi, à une vitesse maximale de 110 km/h, de manière disciplinée. Ils connaissaient aussi ce sentiment lorsque, peu avant la destination, les douanes polonaises prennent un temps incroyable pour le passage. Cette fois, nous avons eu de la chance : après seulement deux heures, nous étions déjà côté ukrainien. Contrairement à la plupart des conducteurs qui reprennent immédiatement le chemin du retour après la livraison des véhicules, nous avons poursuivi notre voyage à quatre.
Les trois jours suivants étaient précisément planifiés par le BGK. Dans la grande région de Lviv, nous avons rencontré la vice-cheffe de l’administration régionale, le préfet, des blessés de guerre, des enfants adoptés dans de nouvelles familles ainsi que de jeunes enfants gravement malades, qui devaient d’abord retrouver la santé pour espérer une adoption. Nous avons également visité le cimetière militaire de la ville.
Seulement trois jours dans l’ouest de l’Ukraine, et j’ai déjà eu un aperçu de ce qui arrive aux gens ici. C’était totalement différent d’un bref reportage télévisé.
Je pense à Krystyna, cette femme courageuse et hautement compétente. Jusqu’au début de la guerre, elle dirigeait le bureau de la protection civile à Lviv. Immédiatement après l’attaque russe, on lui a confié – du jour au lendemain, directement par le président – la responsabilité du maintien de l’ensemble des infrastructures. Elle portait soudain la responsabilité de la population de toute la région.
De cheffe de bureau avec 35 employés municipaux, elle est devenue du jour au lendemain commandante de plus de 500 collaborateurs – y compris militaires et services d’aide sur place. La ville, d’une taille comparable à Düsseldorf, a doublé sa population en quelques jours en février 2022. Des dizaines de milliers de personnes fuyaient vers l’ouest, beaucoup arrivant d’abord à Lviv.
« Inimaginable – mais c’était réellement la guerre. Tout le monde devait agir immédiatement. Il n’y avait pas de temps pour de longues consultations. Des décisions rapides étaient vitales. Sur les routes d’accès, des embouteillages de 30 à 40 kilomètres se formaient, le trafic urbain était presque paralysé. Les logements et la nourriture devaient être organisés en un temps record. Les processus bureaucratiques habituels étaient totalement inadaptés. Il fallait des connaissances locales et administratives, de la prévoyance, de la capacité à s’imposer, ainsi que du talent pour improviser et organiser. » Krystyna a aussi raconté qu’elle n’avait presque pas dormi quatre nuits d’affilée.
Jürgen Becker a résumé la situation de manière frappante lors du trajet : « La plupart des hommes sont partis très rapidement – et le sont encore aujourd’hui. Beaucoup sont tombés, blessés ou combattent au front. Les femmes tiennent maintenant tout ici. Sans vacances, sans loisirs. En même temps, elles sont mères et assument la responsabilité de leurs familles. »
Dans une clinique de réadaptation pour blessés de guerre, on nous a présenté une psychiatre. Elle a pris le temps de tout expliquer. Beaucoup des hommes gravement blessés avaient perdu une jambe, certains les deux. Autrefois, ce sont surtout les mines terrestres qui tuaient ou provoquaient ces mutilations horribles, nous a expliqué un collègue. Aujourd’hui, ce sont les drones – des attaques venues du ciel. Les blessures sont tout aussi brutales.
Je me suis rappelé les hommes plus âgés amputés des jambes de mon enfance. À l’époque, ils faisaient encore partie du paysage urbain. Ces dernières décennies, ils étaient devenus invisibles. Ici, c’était différent. De jeunes hommes, de jeunes pères, étaient assis dans leur fauteuil roulant avec leur corps mutilé ou s’entraînaient en rééducation avec le courage du désespoir.
Qu’est-ce que cela fait à un être humain ? La psychiatre a sorti plusieurs dossiers médicaux d’une pile sur son bureau. Elle a lu les anamneses et expliqué la classification des hommes traumatisés selon la gravité. Pour beaucoup, il était longtemps incompréhensible d’accepter leurs amputations et leur destin. Le directeur de la clinique a ajouté qu’après chaque amputation, de nombreuses autres opérations sont souvent nécessaires – entre autres parce que les tissus cicatrisent à des rythmes différents. Un jeune homme nous a raconté qu’il avait déjà subi 30 opérations.
Je ne suis ici que de passage. Pourtant, je l’ai ressenti immédiatement : ici, c’est la guerre.
Comme si cela ne suffisait pas, cette impression a été encore renforcée lors de la visite du cimetière militaire de Lviv. Autour de nous, une mer de drapeaux. Sur chaque tombe, un drapeau, parfois deux. À perte de vue. Beaucoup de tombes semblaient récentes. Sur chacune, une photo – généralement d’un jeune homme.
Des parents en larmes. Des hommes en uniforme tristes, certains avec des prothèses de jambe, rendant visite à leurs amis tombés. Le vent glacial et les flocons de neige nous ont fait monter les larmes aux yeux. Je ne pouvais plus parler. Ma gorge était serrée. Et je me disais simplement : Nous sommes pourtant dans une belle vieille ville européenne. C’est pourtant l’Europe. Quelle catastrophe ! Que se passe-t-il ici ?
Remarque : toutes les photos d’enfants ont été prises avec le consentement explicite des parents et autorisées pour publication. Les photos des blessés de guerre ont été prises avec leur accord et l’autorisation des médecins et ont été publiées.
Fotos: Lothar Dähn
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