Post von Paul (3 von 3)

VON YVONNE SCHWANKE

Yvonne Schwan­ke läßt nicht nach: Immer wie­der gräbt sie Fund­stü­cke aus der Ver­gan­gen­heit aus, immer wie­der bewegt sie sich auf den Spu­ren des Gewe­se­nen, immer wie­der rei­chert sie auch ihre bereits geschrie­be­nen Stü­cke mit Neu­em an, mit Doku­men­ten, Fotos, Brie­fen, Erkennt­nis­sen, die alle weit zurück deu­ten. Yvonne Schwan­ke ist gleich­sam zur Buch­holze­ner Lokal­his­to­ri­ke­rin gewor­den, nebst all den ande­ren Din­gen, die sie auch noch so am Wickel hat. Jetzt wie­der die Geschich­te von Paul. Dem vor­lie­gen­den Bei­trag, ursprüng­lich bereits am 19. Novem­ber 2019 ver­öf­fent­licht, hat Yvonne Schwan­ke ein Update ver­paßt, so daß wir ihn der geneig­ten Leser­schaft erneut emp­feh­len . Dan­ke, Yvonne Schwan­ke
(Schrieb damals Wolf­gang Horn)

Am 1. Sep­tem­ber die­sen Jah­res trat Paul uner­war­tet und plötz­lich in mein Leben. Die Suche nach ihm eröff­ne­te mir eine neue Sicht auf die Ver­gan­gen­heit, den Hor­ror eines fast ver­ges­se­nen Krie­ges und das Leben an sich.

18. Okto­ber 2019
Habe heu­te lan­ge mit Rinas (Pauls Groß­nich­te) Sohn tele­fo­niert. Es sind fast 30 Jah­re ins Land gegan­gen, seit wir uns das letz­te Mal gese­hen haben. Er freut sich eben­so wie ich, dass unser Kon­takt auf die­se ver­rück­te, aben­teu­er­li­che Art und Wei­se wie­der­auf­ge­lebt ist. 
Nach wie vor suche ich nach Fotos von Paul und am bes­ten auch sei­ner Frau Emma. Rina, die die Schwes­ter eines weib­li­chen Zwil­lings­pär­chens war, (was mir nicht bekannt war), gesteht zer­knirscht, dass sie nach dem Tod ihrer Mut­ter Caro­li­ne zuge­las­sen habe, dass ihre Schwes­ter sämt­li­che Fotos an sich nahm. Mitt­ler­wei­le sind bei­de Zwil­lin­ge ver­stor­ben. Ich bit­te Rina um Kon­takt­auf­nah­me zum Wit­wer der „Foto“-Schwester, um her­aus­zu­fin­den, ob die­se noch exis­tie­ren und sie ver­spricht, sich zu küm­mern.
Ein­mal mehr heißt es für mich: war­ten.

Am Abend des 18. Okto­ber erhal­te ich über­ra­schen­de Whats­App-Nach­rich­ten von der net­ten Bau­un­ter­neh­mungs-Dame, die noch ein­mal in einer Kis­te gekramt hat: Fotos von Hil­de und Ver­wand­ten. Ich freue mich sehr dar­über und bin gespannt, was da drau­ßen noch auf mich war­tet.

19. Okto­ber 2019
In der Nacht ren­ne ich in einem schier end­lo­sen Traum durch unbe­kann­te Räu­me, in denen ich auf meist den­sel­ben alten, elfen­bein­far­be­nen Küchen­schrank sto­ße. Jedes Mal öff­ne ich das mitt­le­re Fach, das Ein­zi­ge mit Glas­ein­satz, das auf Kopf­hö­he liegt. Und jedes Mal, in jedem Raum geschieht das Glei­che: unzäh­li­ge alte Brie­fe explo­die­ren förm­lich her­aus und stür­zen auf mich ein. Auf jedem ein­zel­nen Pauls Schrift. Hun­dert­tau­sen­de Male Paul.
Will mir die­ser Traum etwa andeu­ten, dass ich lang­sam durch­dre­he, in dem ich einem Phan­tom hin­ter­her­ja­ge, von dem nichts mehr übrig ist? Oder will er mir sagen: „Mach wei­ter! Hör nicht auf! Da kommt noch was!“?
Was auch immer mir mein Unter­be­wusst­sein zuru­fen will; es führt dazu, dass ich am frü­hen, sehr frü­hen Sams­tag­mor­gen leicht traum­ver­ka­tert an mei­nem PC sit­ze, um die Erkennt­nis­se der letz­ten Wochen zu sor­tie­ren.
Emma Knapp (Pauls Frau) soll­te also laut Frau Ulli zwei Schwes­tern gehabt haben: Alma und Frau Pohl­haus.
Ich beschlie­ße eine erneu­te Mail an die groß­ar­ti­ge Dame aus dem Archiv Wip­per­fürth zu schrei­ben, um die­se Anga­ben und die Anga­ben zu Pauls „Stum­pe­mann“ zu über­prü­fen, (könn­te Hil­de doch einen klei­nen Bru­der gehabt haben?) den er in den Brie­fen erwähnt.
Lei­der erhal­te ich eine Abwe­sen­heits­no­tiz. Urlaubs­zeit.
Augen­schein­lich möch­te mir irgend­je­mand mal wie­der das Wort „Geduld“ näher­brin­gen.

Zur Ablen­kung stür­ze ich mich auf die Tran­skrip­ti­on eines Ver­stei­ge­rungs­pro­to­kolls und eines Kauf­ver­tra­ges aus den Jah­ren 1866/1867, die den Ver­kauf des Grund­stü­ckes beschrei­ben, auf dem heu­te unser Haus steht.

28. Okto­ber 2019
Paul und ich ste­hen seit Tagen auf einem Abstell­gleis der Geschich­te und wer­den irgend­wie nicht abge­holt.
An die­sem Mor­gen schrei­be ich noch ein­mal an den Stan­des­amts­herrn vom Land­kreis-Oder-Spree und tei­le ihm mei­ne neu­es­ten Erkennt­nis­se zu Pauls Fami­lie mit:

„Sehr geehr­ter Herr…,
was ich bis­her erfah­ren habe:
Gus­tav Paul Saar­mann geb. am 28.2.1885 hat­te
einen Bru­der, Wal­ter Saar­mann, geb. am 6.3.1897.

Gus­tav Paul hat­te aber eben­falls eine Schwes­ter, von der mir weder Namen noch Daten vor­lie­gen. Auch die nächs­ten Ange­hö­ri­gen konn­te kei­ne wei­te­ren Anga­ben bei­steu­ern.

Das sind die Ergeb­nis­se mei­ner Recher­chen der ver­gan­ge­nen Woche.“

Nach­dem ich die­se Email abge­schickt habe, erwacht in mir das lei­se Gefühl, dass Paul und ich so lang­sam wie­der auf Stre­cke gesetzt wer­den. Ich soll Recht behal­ten.
Am frü­hen Nach­mit­tag erhal­te ich Nach­richt aus dem Archiv Wip­per­fürth:

„Sehr geehr­te Frau Schwan­ke,

vie­len Dank für Ihre Email vom 19.10.2019.

Emma Saar­mann, geb. Knapp wur­de, wie bekannt, am 18.11.1885 zu Fuhr, Gemein­de Hückes­wa­gen gebo­ren. Ihre Eltern waren Lud­wig Knapp und Ama­lie Buscher.

Aus die­ser Ehe geht, nach den Stan­des­re­gis­tern der Gemein­de Hückes­wa­gen, eine wei­te­re Toch­ter her­vor: Ade­le Ama­lie Anna Knapp, gebo­ren am 19.03.1884 zu Fuhr. Die­se hei­ra­te­te im Jah­re 1909 in Wip­per­fürth den August Pohl­haus und ver­starb am 12.05.1970 in Wip­per­fürth.
Bzgl. der zwei­ten Anfra­ge kann ich Ihnen lei­der nur eine Fehl­an­zei­ge ver­mel­den. Zwi­schen 1905 und 1919 wur­de in Wip­per­fürth kein Kind männ­li­chen Geschlechts mit dem Nach­na­men Saar­mann gebo­ren.“

Emma hat­te also nur EINE Schwes­ter und das war Frau Pohl­haus.
Aber wer war denn dann Alma? In wel­chem Ver­hält­nis stand sie zu Emma und Hil­de­gard?
Eine wei­te­re Fra­ge, die sich hof­fent­lich noch klä­ren läßt.“
Und Hil­de hat­te also auch kei­ne wei­te­ren Geschwis­ter.
„Mensch Paul, was soll­te dann der Gruß an „Stum­pe­mann“, oder mein­test Du damit etwa doch Hil­de? Oder war das Wer­mut­kraut, das ihr geraucht habt, zu stark?“, mur­me­le ich vor mich hin und star­re aus dem Fens­ter.

30. Okto­ber 2019
Der Herr Land­kreis Oder Spree möch­te wis­sen, ob ich wei­te­re Daten zu Pauls Schwes­ter habe. Die habe ich, wie bereits in der Email kon­sta­tiert, lei­der nicht. Ohne Anga­ben ist eine Suche lei­der schwer­lich mög­lich.
Ich bestel­le somit ledig­lich einen Abzug der Geburts­ur­kun­de Pauls, um mei­ne Unter­la­gen zu ver­voll­stän­di­gen.
Immer noch kei­ne Nach­richt oder Neu­ig­kei­ten von Rina bezüg­lich der Fotos.

War­ten und nichts-tun-kön­nen ist kein erhe­ben­der Zustand. Echt nicht.

1. Novem­ber 2019 Aller­hei­li­gen, Dia de los Muer­tos
Ein­mal mehr ist etwas voll­kom­men Unglaub­li­ches pas­siert! Ich befin­de mich in einem leicht hys­te­ri­schen Zustand der Fas­sungs­lo­sig­keit.

Der Traum mit dem Schrank vol­ler Brie­fe wie­der­hol­te sich in die­ser Nacht. Heu­te früh erwach­te ich mit einem dicken Schä­del. Das lag jedoch weni­ger an mei­nem Traum als viel mehr an dem guten Pro­sec­co beim Lieb­lings­ita­lie­ner am Abend zuvor.

Leicht ver­ka­tert schlur­fe ich in die Küche und mache mir einen Kaf­fee. Kurz danach beschlie­ße ich, die lie­be 90jährige Ruth wie­der zu besu­chen. Auf einem alten Bild ent­de­cke ich mei­nen Urur­groß­va­ter, mei­ne Urgroß­el­tern, ihren Vater, ihre Mut­ter und zwei Per­so­nen, die ich nicht iden­ti­fi­zie­ren kann.
Ruth nimmt die Lupe, schaut drauf und sagt: „Opa Karl, dann der Carl mit dem Buckel, des­sen Frau Marie, dei­ne Urgroß­mutter Tonie, mei­ne Mama, mein Papa und dein Urgroß­va­ter Wal­ter.“
Ich lie­be es, wenn die 90jährige Ruth „mei­ne Mama und mein Papa“ sagt, sie sagt das so sehn­süch­tig und zärt­lich, dass man bei­na­he wei­nen muss.
„Was macht Paul?“, fragt Ruth. „Ist immer noch tot“, sage ich und wir bei­de müs­sen lachen.
„Ich bin noch nicht groß wei­ter­ge­kom­men, aber seit heu­te Mor­gen habe ich ein komi­sches Gefühl“, sage ich.
„Ich bin gespannt“, sagt Ruth.
„Und ich erst“, den­ke ich.

Es ist frü­her Nach­mit­tag, als ich erneut in mei­nem Abstell­raum ste­he. Ein unbe­stimm­tes Gefühl treibt mich um; ein Gefühl, dass mich minu­ten­lang auf die gesta­pel­ten Kis­ten star­ren lässt, die ich schon so oft umge­stellt und neu geord­net habe.
„Hol ALLE alten Sachen und Unter­la­gen her­vor, die Du hier fin­den kannst“, flüs­tert das Gefühl.
Mein Blick bleibt an einer Kis­te haf­ten. Alte Schul­un­ter­la­gen mei­nes Vaters, Kin­der­zeugs von ihm, eine Blech­do­se und ein altes Album kann ich ent­de­cken.
„Was war das gleich noch­mal für ein Album?“, fragt es in mir, denn ich kann mich nicht erin­nern, da bereits jemals hin­ein­ge­schaut zu haben.
Kur­zer­hand schlep­pe ich die gesam­te Kis­te ins Ess­zim­mer und räu­me sie aus.
Schul­un­ter­la­gen von Papa, Möbel­ka­ta­lo­ge aus den 60er und 70er Jah­ren mit anti­quier­ten, unfrei­wil­lig komi­schen Wer­be­slo­gans und das Album.
Ich schla­ge es auf und mein Herz macht einen Satz. Es ist von Hil­de­gard!
Fas­sungs­los gehe ich es durch und fra­ge mich, war­um ich davon nichts geahnt oder gewusst hat­te.  
Ich bli­cke auf schwarz-wei­ße Fotos aus den Jah­ren 1933, 1934, 1935. Sie alle sind sehr klein und das Album ist nicht ein­mal annä­hernd voll.
Kein Foto von Paul.
Natür­lich nicht, denn zu die­sem Zeit­punkt war er bereits seit 14 Jah­ren tot.

Ich wen­de mich der Blech­kis­te zu und öff­ne die­se.
Schwarz-Weiß-Fotos quel­len mir ent­ge­gen, sprin­gen her­aus wie klei­ne Kis­ten­teu­fel, so daß ich eini­ge vom Boden auf­klau­ben muss.
Die Fotos, sie sind von Hil­de­gard.
Ein klei­ner Hoff­nungs­fun­ke glimmt in mir auf und ent­facht ein Feu­er der Auf­re­gung. Behut­sam begin­ne ich die voll­kom­men durch­ein­an­der­ge­wür­fel­ten Fotos zu sich­ten. Sämt­lich Jahr­zehn­te schei­nen ver­tre­ten zu sein: Hil­de­gard in allen Alters­pha­sen, auf diver­sen Fes­ti­vi­tä­ten, eini­ge wun­der­vol­le uralte Kin­der­fo­tos und wei­te­re Fami­li­en­fo­tos .. Fotos, auf deren Rück­sei­te gele­gent­lich etwas notiert wur­de. (DANKE, Hil­de­gard!)
Ein Foto­gra­fens­tem­pel aus Fürs­ten­wal­de fällt mir ins Auge, dazu eine Wid­mung in Kurr­ent­schrift: „Ein fro­hes Fest wünscht Euch allen, Oma. Habe kei­ne ande­re Kar­te….“
Dar­auf ist eine alte Dame mit Hund abge­bil­det. Pfings­ten 1932 ist ver­merkt.
Ich habe die damals schon sehr betag­te Lui­se Saar­mann vor mir. Pauls Mut­ter. Hil­des Oma.

Ein wei­te­res Foto mit Wid­mung sagt: „Opa Wal­ter mit Rina.“ Es ist ca. 1947/48 auf­ge­nom­men wor­den und zeigt Pauls jün­ge­ren Bru­der, Wal­ter Saar­mann.

Dann ein Grup­pen­fo­to mit Hund, ganz links Hil­de­gard, dane­ben ihre Mut­ter Emma, die ich, dank der Whats­App-Hil­fe von Frau Ulli (die Dame mit dem Kof­fer), sowohl in jung als auch in alt iden­ti­fi­zie­ren kann.

Auf einem wei­te­ren Foto sehe ich Hil­de Hand in Hand mit einem Sol­da­ten.
Es könn­te ihr Ver­lob­ter gewe­sen sein, der, so wie ihr Vater Paul sei­ner­zeit, in den Krieg zog und nicht zurück­kehr­te.

Und wie­der hal­te ich ein Grup­pen­fo­to in Hän­den. Zwan­zig nicht mehr ganz tau­frisch aus­se­hen­de Sol­da­ten schau­en mich an, ich dre­he das Bild her­um und erken­ne sofort die mir nur all­zu bekann­te Hand­schrift auf der Rück­sei­te.
Mir schie­ßen die Trä­nen in die Augen, als mir klar wird, dass ich mei­nen hei­li­gen Gral in Hän­den hal­te:

Pauls bis­her letz­te (aktu­ells­te) Kar­te, die zugleich auch ein Foto ist, wie frü­her üblich.
Und wie­der sit­ze ich auf mei­ner Bank und wei­ne wegen Paul.
Die­ses Mal aber vor Freu­de.

Paul schreibt:
Tschel­ja­b­insk, (ins­ge­samt wer­den 3 Daten ange­ge­ben)
Lie­be Frau!
Die bes­ten Grü­ße von hier bin noch gesund und geht mir jetzt ganz gut. Hof­fent­lich kommt die Kar­te an. Wie lan­ge mag es noch dau­ern? Gie­bts kein Ende, Kämp­fe sind doch nicht mehr.
Nun herz­li­chen Gruß und Kuß, dein Paul

„Du warst die gan­ze Zeit hier, Du Idi­ot und Du hast nichts gesagt und ich habe es mal wie­der nicht gewusst oder geahnt!“, heu­le ich und mir fällt auf, dass ich mit 20 schwarz-wei­ßen Sol­da­ten spre­che, die mit­un­ter rie­si­ge rus­si­sche Fell­müt­zen tra­gen und mich erwar­tungs­voll anstar­ren.
„Du hast dich doch noch getraut, es zu schi­cken, du Teu­fels­kerl! Und jetzt habe ich dich gefun­den und dann doch wie­der nicht. Weil ich nicht weiß, wel­cher von denen Du bist!“, beschimp­fe ich halb lachend, halb wei­nend das Foto. „Wie fies ist das denn bit­te?!“

Und plötz­lich fällt mir mein wie­der­keh­ren­der Traum ein, der Schrank, aus dem Myria­den von Brie­fen her­aus­explo­die­ren. Unwill­kür­lich schaue ich auf die Foto-Blech­do­se: „Wir müs­sen an dei­nem Sinn für Sym­bo­lik arbei­ten, Paul!“, den­ke ich.
Danach sit­ze ich eine Zeit lang stumm und fas­sungs­los vor Pauls letz­ter Kar­te. Spä­ter kon­tak­tie­re ich Uti, um ihr alles zu erzäh­len.

Uti ist mehr als über­rascht und sagt dann: „Das ist unglaub­lich! Wirk­lich unglaub­lich! Und es ist wun­der­voll! Aber es muss­te auch so kom­men, fin­dest Du nicht?“
Ich schi­cke ihr das Foto und Uti jagt es durch ihr Colo­ra­ti­ons­pro­gramm.

Das Ergeb­nis ist atem­be­rau­bend!
Hier erst ein­mal die Aus­füh­rung in schwarz/weiß, damit ihr erken­nen könnt, wel­chen Unter­schied die Nach­co­lo­ra­ti­on macht.  

Ich erin­ne­re noch ein­mal an den Wort­laut aus Pauls bis­her letz­tem, nun vor­letz­tem Brief:
Tschel­ja­b­insk 16.1.1918
Lie­be Frau!
Tei­le dir mit, daß ich immer noch hier bin und wahr­schein­lich bis zum Frie­den blei­ben wer­de. Bin auf dem Sebass­na Bat­tali­on Regi­ment 109 in der Porot Bäcke­rei.
Klei­dung ist rus­si­sche Sol­da­ten­uni­form. Habe mir auch Pho­to­gra­phie­ren las­sen, aber schi­cken tue ich keins denn ich weiß nicht ob es ankommt. Sonst füh­le ich mich noch ganz gesund und Hun­ger lei­de ich augen­blick­lich auch nicht. Ist das ers­te Mal in mei­ner Gefan­gen­schaft, daß es mir gut geht, man muß sich eben selbst zu hel­fen wis­sen. Am rus­si­schen Neu­jahr war ich im Kino und dann im Cir­cus war ganz schön. Abends mit dem Schlit­ten nach Hau­se fah­ren las­sen für 3 Rubel. Haben vol­le Frei­heit hier. Nun herz­li­chen Gruß und Kuß und bal­di­ges Wie­der­se­hen, dein Paul
Gruß an alle

Was wis­sen wir also?
Paul hat­te sich foto­gra­fie­ren las­sen und war sich nicht sicher, ob er das wert­vol­le Foto als Post­kar­te ver­schi­cken sol­le, das drei­mal ver­än­der­te Absen­de­da­tum sei­ner aller­letz­ten Kar­te ist bezeich­nend.
Dass er sich letzt­end­lich für den 3. Febru­ar 1918 ent­schied, ent­behrt nicht einer gewis­sen Komik, denn eigent­lich gab es die­ses Datum in die­sem Jahr in Russ­land gar nicht.

Es folgt ein kur­zer Exkurs:
Vor 100 Jah­ren revo­lu­tio­nier­te die Sowjet­re­gie­rung alles: Kalen­der, Maß­ein­hei­ten, Schreib­wei­sen.Was geschah in Russ­land zwi­schen dem 1. und dem 13. Febru­ar 1918? Ant­wort: Nichts, die­se 13 Tage hat es nie gege­ben.
Vor 100 Jah­ren mit­ten in den Wir­ren nach der Okto­ber­re­vo­lu­ti­on stell­te die neue kom­mu­nis­ti­sche Macht auch noch den Kalen­der um. Auf den 31. Janu­ar folg­te direkt der 14. Febru­ar. Damit wur­de der Rück­stand des alt­kirch­li­chen julia­ni­schen Kalen­ders auf den in West­eu­ro­pa gebräuch­li­chen gre­go­ria­ri­schen Kalen­der auf­ge­holt. (Quel­le: n‑tv.de/wissen)

Zurück zu Paul: Was wis­sen wir noch?
Paul war 34 Jah­re alt, wirk­te wahr­schein­lich etwas älter und trug mitt­ler­wei­le eine rus­si­sche Sol­da­ten­uni­form.

Ich neh­me das Foto, schi­cke es Rina (Pauls Groß­nich­te) via Whats­App und fra­ge, ob sie bei einem der Her­ren Fami­li­en­ähn­lich­keit fest­stel­len kön­ne oder nicht und sie ant­wor­tet recht schnell.
„Der in der hin­te­ren Rei­he ganz Rechts könn­te ein Saar­mann sein“, schreibt sie.

Gut, die Chan­ce, dass sie Paul tat­säch­lich iden­ti­fi­ziert hat, liegt bei 1/20.
Aus Erfah­rung kann ich sagen, dass es mir bis­her mehr­fach ohne Vor­kennt­nis gelun­gen ist, auf Grup­pen­bil­dern jeman­den aus mei­ner Ahnen­rei­he zu erken­nen. (Ruth konn­te mir mei­ne Ver­mu­tun­gen immer bestä­ti­gen und so weiß ich, dass ich bis­her jedes Mal rich­tig lag).

Eine 100%tige Sicher­heit wer­den wir wohl nie bekom­men.
Aber eines ist gewiss:

Einer der Män­ner auf die­sem Foto ist unser Paul.

Heu­te, an Aller­hei­li­gen, fand ich also end­lich ein Foto von ihm und zwar an einem Ort, den ich aus­wen­dig zu ken­nen glaub­te. An einem Ort, an dem ich ihn zual­ler­letzt ver­mu­tet hät­te:
Bei mir.

Dem ein oder ande­ren mag sich der Gedan­ke auf­drän­gen, dass, hät­te ich DIREKT alle alten Sachen durch­wühlt, ich mir einen Teil der Odys­see hät­te erspa­ren kön­nen.
Und ganz kurz dach­te ich das auch….
Letzt­end­lich aber kom­me ich zu dem Schluss:
„Nein! Es war rich­tig so. Es soll­te und muß­te so sein.“

Ich ende daher mit einem Zitat mei­nes gelieb­ten Ter­ry Prat­chett:
Why do you go away? So that you can come back.
So that you can see the place you came from with new eyes and extra colors. Coming back to whe­re you star­ted is not the same as never lea­ving.
(War­um gehst Du fort? Damit Du zurück­keh­ren kannst.
Um den Ort von dem Du kamst mit neu­en Augen und in zusätz­li­chen Far­ben zu sehen. An einen Ort zurück­zu­keh­ren ist nicht das Glei­che wie ihn nie zu ver­las­sen. )

P.S.: Soll­te Pauls Grab gefun­den wer­den, las­se ich es Euch wis­sen und dann geht es an die­ser Stel­le wei­ter …

UPDATE!
20.12.2021 Nach­trag
An der o.g. Stel­le dach­te ich, dass kei­ne wei­te­ren Paul-Infor­ma­tio­nen oder Hab­se­lig­kei­ten auf­tau­chen wür­den, aber der Gute hat eine schrä­ge Art von Humor, die mich wahr­schein­lich Geduld leh­ren soll­te.

Eini­ge Wochen nach der Ver­öf­fent­li­chung von „Post von Paul 3“ wühl­te ich ich mich durch ver­schie­de­ne alte Bücher in mei­nem Fun­dus.
Ein altes, abge­grif­fe­nes Schul­buch fiel mir in die Hän­de.
Als ich es auf­schlug, den Namen des Besit­zers las und die Schrift erkann­te, stand mein Herz für einen kur­zen Moment still; und dann muß­te ich herz­lich lachen. Hier seht ihr, was ich sah:

Es ist schon irgend­wie ver­rückt, das 129 Jah­re alte Lese­buch in der Hand zu hal­ten, das auch schon vom damals 7jährigen Paul gehal­ten wur­de.
Der klei­ne Jun­ge von damals ahn­te nicht, dass er in einem frem­den Land fern der Hei­mat, mit nur 34 Jah­ren, ster­ben wür­de.

Die Ent­de­ckung des Lese­buchs facht mei­ne Ent­de­cker-und Aben­teu­er­lust erneut an und so durch­su­che ich erneut das Memo­ra­bi­li­en­schränk­chen mei­nes Vaters.
Aus einem alten Zigar­ren­käst­chen star­ren mich ver­schie­de­ne Orden an.
Durch den lie­ben Tom­my Gratza kön­nen die­se alle in kür­zes­ter Zeit zuge­ord­net wer­den.
Zu dem oben­ste­hen­den Foto lau­te­te der Kom­men­tar: „Wit­wen­kreuz für Ehe­frau­en oder Müt­ter von gefal­le­nen Sol­da­ten des ers­ten Welt­krie­ges“.
Ich star­re auf das Kreuz und fra­ge mich tat­säch­lich kurz, war­um wir ein sol­ches in unse­rem Besitz haben, denn mein Ur-Opa hat­te ja den Krieg über­lebt.
„Paul!“, schiesst es mir plötz­lich in den Sinn.
„Oh Mann, das ist das Wit­wen­kreuz von Emma. Es kann gar nicht anders sein! Alle sonst in Fra­ge kom­men­den Per­so­nen kehr­ten damals zurück.“
Auf­ge­regt betrach­te ich die Bro­sche, doch die Gedan­ken, die in mir auf­tau­chen, machen mich trau­rig:
Ein Stück Metall an einer Schlei­fe als Ersatz für ein durch den Krieg genom­me­nes Men­schen­le­ben … wie bit­ter, wie zynisch.
Ich fra­ge mich, ob sie es jemals getra­gen hat.

Wei­te­re Sach­funde aus der Ver­gan­gen­heit oder Pauls Leben tauch­ten bis­her nicht auf.

Aber der Volks­bund Kriegs­grä­ber­für­sor­ge reagier­te am 9.6.21 auf mei­ne Suche nach Paul mit fol­gen­der Nach­richt:

Sehr geehr­te Frau Schwan­ke,

wir dan­ken für Ihre Anfra­ge und bedau­ern, dass wir erst heu­te dazu kom­men, Ihnen zu ant­wor­ten.

Bis­her lag uns zu Ihrem Ange­hö­ri­gen kei­ne Mel­dung vor. Wäh­rend des Zwei­ten Welt­krie­ges wur­den die aus­ge­la­ger­ten Bestän­de des Zen­tral­nach­weis­am­tes für Krie­ger­ver­lus­te und Krie­ger­grä­ber, bei dem sei­ner­zeit die Unter­la­gen über die deut­schen Gefal­le­nen des Ers­ten Welt­krie­ges gesam­melt vor­la­gen, größ­ten­teils ver­nich­tet. Ledig­lich in eini­gen Lan­des­ar­chi­ven sind Auf­zeich­nun­gen in Dupli­ka­ten vor­han­den.

Der VOLKSBUND konn­te jedoch im Lau­fe der Jah­re aus ver­schie­de­nen in- und aus­län­di­schen Quel­len und infol­ge des Ein­sat­zes sei­nes Umbet­tungs­diens­tes eine Erfas­sung zusätz­li­cher Anga­ben von Kriegs­to­ten des Ers­ten Welt­krie­ges vor­neh­men. Die­se Anga­ben betref­fen jedoch über­wie­gend Gefal­le­ne des ehe­mals west­li­chen Kriegs­schau­plat­zes. Für den öst­li­chen Kriegs­schau­platz lie­gen bis­her nur bruch­stück­haf­te Unter­la­gen vor.

Wäh­rend der Such­dienst des DRK seit 2004 digi­ta­len Zugriff auf rus­si­sche Unter­la­gen des RGWA zu Kriegs­ge­fan­ge­nen des Zwei­ten Welt­krie­ges erhal­ten haben, kön­nen wir Ihnen für die Unter­la­gen des Ers­ten Welt­krie­ges dies­be­züg­lich lei­der kein Archiv nen­nen.

Aus einer inzwi­schen online gestell­ten Ver­lust­lis­te vom 8.1.1917 geht in Bestä­ti­gung Ihrer Anga­ben her­vor, dass Ihr Ange­hö­ri­ger zunächst als ver­misst galt und sodann in Kriegs­ge­fan­gen­schaft ver­starb. Sein Todes­ort oder eine Grab­la­ge sind die­sen Lis­ten lei­der nicht zu ent­neh­men.

Um den Namen Ihres Ange­hö­ri­gen vor dem Ver­ges­sen zu bewah­ren, haben wir sei­ne Daten in das Gedenk­na­men­buch der in Russ­land Ver­stor­be­nen über­nom­men. Einen ent­spre­chen­den Aus­zug aus dem Namen­buch kön­nen Sie gern bei uns bestel­len.

Wir hof­fen, Ihnen hier­mit behilf­lich zu sein.

Mit freund­li­chen Grü­ßen

Gus­tav PAUL Saar­mann steht nun also offi­zi­ell im Gedenk­na­men­buch der in Russ­land Ver­stor­be­nen.
Viel wich­ti­ger aber: durch sei­ne Brie­fe ken­nen wir alle einen Teil sei­ner Geschich­te. Er ist nicht ver­ges­sen.


Ich bin mir ziem­lich sicher, dass kein eigent­li­ches Grab mehr zu fin­den sein wird. Aber eine Suche danach, dort, vor Ort in Omsk, könn­te auf­re­gend wer­den. Mal schau­en, was sich machen lässt.

Der Sän­ger mag ster­ben, aber das Lied ver­klingt nie.

Dan­ke, dass ihr Paul und mir zuge­hört habt.

Fotos: Yvonne Schwan­ke

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