Buchtipp (einmal anders): VERGELTUNG von Bettina Lauer

Ein Krimi aus dem Bergischen Land

Inhalt: Bombendrohung in der Schwebebahn . . . Eine im wahrsten Sinne des Wortes hochexplosive Story, die ihren Anfang mitten im beschaulichen Lennep nimmt. Dort wird bei einer Übung radioaktive Strahlung gemessen und ein Paket mit ebensolchem Inhalt gefunden. Das Ermittlerteam, bestehend aus Sonja Dicke, einer erfahrenen und zielstrebigen Kommissarin aus Wuppertal, und ihrem wortkargen Kollegen nimmt die Suche nach den Tätern auf. In der Folge werden zwei Bombendrohungen gegen unterschiedliche Wuppertaler Einrichtungen ausgesprochen. Unter anderem gegen den Kindergarten, den auch Sonjas kleiner Sohn besucht. Im Laufe der weiteren Ermittlungen wird der Druck auf das Ermittlerteam immer größer. Sonjas Freundin Tina, die als begeisterte Nordic-Walkerin viel in Lennep und Umgebung herumkommt, findet bei einer ihrer Touren eine Leiche und löst damit eine unerwartete Wendung der Geschehnisse aus. Zum Schluss kämpft nicht nur die Polizei gegen die Erpresser sondern diese auch gegeneinander. Bis kurz vor dem actionreichen Ende bleiben deren Motive im Unklaren.

Mitschnitt des Interviews von Bettina Lauer bei Radio RSG am 15. Juni 2020:

Bettina Lauer • Vergeltung • Bergischer Verlag • 376 Seiten • 12,0 x 18,7 cm • kartoniert • 978-3-945763-95-7 • 13 Euro • auch als E-Book erhältlich

“Wir müssen die Leute sofort da rausholen!”

Die Auszüge aus Bettina Lauers bergischem Krimi „Vergeltung“ entnehmen wir dem Waterbölles, dem kommunalpolitischen Forum für Remscheid: 

Der Tag, an dem die freiwillige Feuerwehr Lennep ihr 125-jähriges Bestehen feierte, war ein schöner sonniger Samstagmorgen. Es war zu kühl für die Jahreszeit, aber die Luft war herrlich frisch. Auf dem eigens dafür freigehaltenen großen Parkplatz vor der Wache standen historische Feuerwehrfahrzeuge vom 19. Jahrhundert bis in die 1970er Jahre neben den heutigen modernen ABC-Fahrzeugen. Zwischen diesen modernen Wagen mit ihren großen Tanks, Spezialwerkzeugen und Drehleitern waren zwei hoch spezialisierte Fahrzeuge zu bestaunen, die ebenfalls zur Feuerwehr gehören, aber nicht zu normalen Einsätzen gerufen werden. Beide, ein Mess- und ein Analysewagen, waren Fahrzeuge der Analytischen Task Force, der ATF, einer Spezialeinheit, die für das Aufspüren von chemischen, biologischen und radioaktiven Stoffen und die Beratung der Einsatzleitung vor Ort zuständig ist.

Die ATF, so erklärte einer der Fachmänner vor Ort seinen Zuhörern, werde zum Beispiel zur Luftanalyse bei einem Großbrand oder zu Einsätzen, bei denen es die Feuerwehr mit unbekannten Stoffen oder vergifteten Personen zu tun habe, gerufen. Ein Messwagen sammle während der Fahrt Daten, zeichne sie auf und werte sie aus. »Ein Einsatzwagen«, so der Feuerwehrmann, »ist ein mobiles Labor, in dem die verschiedensten Gerätschaften zur Probenentnahme und Analyse, Schutzanzüge und Messgeräte aller Art enthalten sind.« Der Analysewagen war für die Besucher entladen worden, und der umfangreiche Inhalt auf dem Platz zu besichtigen.

Am späten Vormittag machte sich die Besatzung des Messwagens auf den Weg in die Lenneper Altstadt. Sie wollte Daten im und um den historischen Stadtkern sammeln, die sie später den interessierten Besuchern des Festes präsentieren würde. Da die Männer nicht damit rechneten, bei der Fahrt durch die Altstadt irgendwelche chemischen oder biologischen Stoffe aufzuspüren, hatten sie sich das Naheliegende zur Messung ausgesucht: radioaktive Strahlung. Die Straßen und Gassen der Lenneper Altstadt waren mit Kopfsteinpflaster bedeckt, das sich mit seiner erhöhten natürlichen radioaktiven Strahlung gut für eine Messung eignen würde. Kai, der Fahrer, und die Besatzungsmitglieder Tobi und Chris im hinteren Wagenteil, freuten sich auf die Fahrt durch Lennep. Alle drei waren jung, begeistert und vom Fach, Feuerwehrleute mit Spezialausbildung für die Arbeit der ATF. Wie die Kollegen des Einsatzwagens liebten sie ihren Job bei der ATF und freuten sich auf jeden Einsatz und die damit verbundenen Herausforderungen. Alle drei waren noch nie in Lennep gewesen. Sie bogen von der Poststraße in die Altstadt ein und fanden sich in einer urigen kleinen Welt aus engen Straßen, aneinander gereihten Fachwerkhäusern, winzigen Läden und Restaurants wieder. Das Messfahrzeug holperte über das Kopfsteinpflaster hinter anderen Fahrzeugen her. Hier war einiges los. Zwei Straßen waren wegen des Wochenmarktes zwar nicht oder nur eingeschränkt befahrbar, in den übrigen Straßen und Gassen war dafür um so mehr Betrieb. Offenbar kannte man sich hier, auffällig viele Menschen standen zusammen und unterhielten sich.

Die Zeit schien hier stehen geblieben zu sein. Teilweise konnte Kai nur Schritttempo fahren, die Gassen zwischen den Häusern waren manchmal so schmal, dass das Messfahrzeug nur knapp hindurch passte. Die frische kühle Luft drang durch das geöffnete Fenster ein, die Messgeräte zeigten normale Werte an. Es war alles so, wie es sein sollte. Der Messwagen passierte gerade ein Fachwerkhaus mit Blumenkästen voller Osterglocken und Hornveilchen, als der Warnton erklang. Tobi blickte sofort auf den Bildschirm des Messcomputers, der zwei Sekunden lang einen starken Anstieg der radioaktiven Strahlung anzeigte. Dann kehrten die Werte wieder in den normalen Bereich zurück. Chris, der hinter Tobi saß, reagierte als Erster: »Was war das? Die Strahlung war gerade abnormal hoch!« »Das ist seltsam, was kann hier so strahlen?«, murmelte Tobi mehr zu sich selbst. Er hob die Stimme und rief: »Kai, fahr doch mal bitte zurück, hier stimmt was nicht.«

Umdrehen oder zurücksetzen ging leider nicht. Die Gasse war eine Einbahnstraße, teilweise einseitig zugeparkt. Dicht hinter dem Messwagen folgten weitere Fahrzeuge, so dass es keine Möglichkeit gab anzuhalten. »Geht nicht«, rief Kai zurück. »Ich fahr die Runde nochmal.« »Okay. Sag Bescheid, wenn wir uns nähern«, antwortete Tobi. Er schloss das Wagenfenster. »Hast du die Lüftung aus?«, fragte er. »Natürlich, gerade abgeschaltet«, antwortete Kai. Es war eine Vorsichtsmaßnahme, um zu vermeiden, dass radioaktive Partikel mit der angesaugten Luft in das Innere des Wagens und in ihre Lungen gelangen würden.

Dann sahen sich Tobi und Chris die eben gemessenen Werte noch einmal genau an. Derweil lief die Messung der Strahlung weiter. Kai musste eine größere Runde fahren, daher dauerte es mehrere Minuten, bis er sich meldete. »Achtung, hier irgendwo war es«, rief er, verlangsamte den Wagen und fuhr an den Blumenkästen mit den Osterglocken fast in Zeitlupe vorüber. Tobi und Chris starrten die Anzeige an, bereit »Stopp!« zu rufen und sich mit dem mobilen Detektor auf die Suche nach der Strahlungsquelle zu begeben. Kai fuhr ganz langsam die Gasse entlang und lauschte konzentriert auf den Warnton, der aber ausblieb. Wieso war jetzt keine erhöhte Strahlung mehr messbar? »Was bedeutet das?«, fragte Chris. »Eben hatten wir hier einen deutlichen Anstieg der radioaktiven Strahlung. Wieso jetzt nicht mehr? Das kann nicht sein!«

Kai bog, genau wie bei der letzten Fahrt, rechts in eine weitere zugeparkte Einbahnstraße ab. Er beschleunigte den Wagen, seine Gedanken kreisten wie die seiner Kollegen um das Ausbleiben des Warntons, als der plötzlich wieder erklang. Tobi sah auf der Anzeige wieder ein kurzes Ansteigen der radioaktiven Strahlung, dann den abrupten Abfall auf den Normalwert. Die drei jungen Männer hielten den Atem an. Es war alles so schnell gegangen, dass sie sich, als Kai bremste, von der Stelle mit der erhöhten Strahlung schon ein Stück weit entfernt hatten. Zurücksetzen ging nicht, da direkt hinter dem Messwagen zwei PKW den Rückweg blockierten. Kai schaltete die Warnblinkanlage an. »Was machen wir jetzt?«, fragte er seine Kollegen. »Wir gehen mit dem Detektor raus, ein Stück die Straße runter«, entschied Tobi. »Kannst du irgendwo an den Straßenrand fahren?« »Ja, vielleicht dreißig Meter weiter, ich stell’ mich ins Absolute.« Er fuhr los. »Wenn jemand den Detektor erkennt, wird er sich zu Tode ängstigen,« sagte Chris. »Sicher, aber wir sind auf einer Probemessfahrt, schon vergessen?«, fragte Tobi und zwinkerte Chris zu. Beide hängten sich je ein Dosimeter um den Hals. Dieses kleine Gerät war nötig, um die Strahlung, der sie bei ihrem Einsatz ausgesetzt sein könnten, zu dokumentieren. Dann zogen sie sich Schutzanzüge an und setzten Atemmasken auf. Tobi nahm das Dosisleistungsmessgerät, Chris sein Funkgerät und schob die Tür des Messwagens auf. »Bis gleich, wir bleiben in Kontakt.« Chris hielt sein Funkgerät hoch, als er aus dem Messfahrzeug stieg.

Er und Tobi zogen einige Blicke auf sich, als sie langsam die Gasse hinunter schritten. Tobi blickte auf die Anzeige des Detektors und kontrollierte die Messergebnisse fortlaufend. Er wollte jeden noch so geringen Anstieg der gemessenen Strahlung sofort erkennen. Kai verließ die Fahrerkabine und stieg hinten in den Messbereich wieder ein. Er rief die gespeicherten Messdaten ab. Der Computer zeigte die Strecke, die der Messwagen gefahren war, und die beiden Stellen, an denen er die erhöhte Strahlung gemessen hatte. Kai sah, dass es sich bei den hohen Werten nicht um natürliche Radioaktivität handeln konnte. Die Ausschläge und damit die Intensität der Strahlung waren beide Male annähernd gleich hoch gewesen. Da Kai nicht an eine Fehlfunktion der Messgeräte glaubte, konnte es nur eine Möglichkeit geben: Die Strahlungsquelle war in Bewegung. »Wie kann das sein?«, fragte sich Kai. »Um was handelt es sich?« In der Industrie und in der Medizin brauchte man radioaktive Substanzen. Die waren aber streng kontrolliert und wurden sicher verpackt von Spezialfirmen transportiert. Kai versuchte es anders. »Wer oder was könnte diese Strahlungsquelle transportieren?«, überlegte er. Er schloss die Augen und versuchte sich an alles zu erinnern, was er in der Nähe des ersten Warntones gesehen hatte. Dutzende Fußgänger waren unterwegs gewesen. Er konnte sich gut an zwei alte Damen mit einem Dackel und eine Frau mittleren Alters mit einer Tragetasche voller Porreestangen erinnern. Die Dackelfrauen hatte er bei der zweiten Fahrt durch die Altstadt nochmal gesehen. Aber war das gewesen, als der zweite Warnton erklang? Eher nicht, oder? Leider hatte er mehr auf den Verkehr und auf die urigen Häuser geachtet als auf die Passanten. Er schrak zusammen, als die Tür des Wagens aufgeschoben wurde. »Und?«, fragte Kai. »Nichts!«, antwortete Chris. »Die Strahlungsquelle muss in Bewegung sein. Wir müssen suchen«, sagte Tobi und zog vor dem Wagen die Schutzkleidung aus. »Bevor wir losfahren informieren wir die Kollegen. Sie sollen sich bereithalten.«

Kai setzte sich wieder hinter das Steuer und fuhr im Schritttempo kreuz und quer durch Lenneps Straßen und Gassen. Tobi behielt die Messwerte im Auge, und Chris, der bereits die Kollegen im Analysewagen informiert und zum Einpacken der ausgestellten Schutzanzüge und Messgeräte aufgefordert hatte, sah sich aufmerksam die Häuser, Wagen und Menschen an, an denen sie vorbeifuhren. Es passierte in einer engen dunklen Gasse mit mehreren Geschäften. Der Warnton erklang. Vor dem Ladengeschäft eines Schusters bremste Kai abrupt und schaltete die Warnblinkanlage an. Da war sie wieder, die radioaktive Strahlung, diesmal etwas geringer, was darauf schließen ließ, dass sich die Strahlungsquelle weiter vom Messwagen entfernt befand oder besser abgeschirmt war. »Okay Chris, sag den Kollegen Bescheid, sie sollen sofort kommen. Wir brauchen das große Programm mit Polizei und Straßensperren. Wir müssen in die Gebäude rein und feststellen, woher die Strahlung kommt. Ich halte die Anzeigen im Auge, damit wir es mitbekommen, wenn sich die Strahlungsquelle entfernt. Ihr seht euch die Gebäude und Leute an, vielleicht fällt euch was auf, was uns weiterhilft.« Tobi war Herr der Lage. Kai und Chris sahen sich aus dem Wagen heraus in der Gasse um, während sich neugierige und ärgerliche Passanten an dem Messwagen vorbeischoben und sich ein Stau hinter ihnen bildete. Zum Glück hatte noch kein Autofahrer angefangen zu hupen, aber das würde sicher nicht mehr lange auf sich warten lassen.

Die Gasse vor ihnen war autofrei, zum einen, weil es eine Einbahnstraße war, und zum anderen, weil es hier keine Parkmöglichkeit gab. Da, wo Platz gewesen wäre, standen steinerne Blumenkübel, die das Parken erfolgreich verhinderten. Unter einem grün gestrichenen Holztor befand sich ein großer Spalt, gerade genug Platz für den Kopf eines Hundes. Der schwarzweiße Mischling lag hinter dem Tor, Kai konnte nur sein Gesicht sehen. Er hatte den Kopf auf den Boden gelegt und dann so weit wie möglich unter dem Tor durchgeschoben. Seine schwarzen Augen bewegten sich hin und her, während er aufmerksam und stumm die Menschen in der Gasse beobachtete: Fernsehen auf Hundeart. Neben dem Ladengeschäft des Schusters hatte ein Café geöffnet, das um diese Zeit noch schlecht besucht war, gegenüber ein Optiker. »50 % auf alles wegen Geschäftsaufgabe«, konnte man im Fenster lesen. Hier waren nur der Geschäftsinhaber und eine Kundin zu sehen.

Beim Schuster ging es am lebhaftesten zu. Die Eingangstür stand offen, eine Schlange hatte sich gebildet, an ihrem Ende wartete ein junger Vater mit Kleinkind auf der Gasse. Alles wirkte absolut normal, hier friedlich, da geschäftig. Doch der Schein trog. Alle diese Menschen waren einer Strahlenquelle ausgesetzt und wussten es nicht. Sie gingen ganz normal ihren Geschäften nach und konnten die Gefahr weder sehen noch spüren, weder riechen noch schmecken. Das, fand Chris, war das Tückische daran. Der Mensch hatte keinen Sinn, der ihn warnen konnte. Wie viele Menschen waren schon qualvoll gestorben, weil das Wissen um die Gefahr noch nicht vorhanden war und weil es noch keine Messgeräte gab? Er dachte an die Frauen, die bis 1924, als der Zusammenhang ihrer tödlichen Erkrankungen mit ihrem Beruf bekannt wurde, Uhren mit Leuchtziffern hergestellt hatten. Diese ahnungslosen Radiummalerinnen hatten mit der Zunge wieder und wieder die Pinselspitzen befeuchtet in dem Glauben, Radium sei gut für ihre Gesundheit. Er dachte auch an die natürlichen Radiumquellen, die Anfang des letzten Jahrhunderts als gesundheitsfördernd galten und zu Kuren genutzt wurden. Die Menschen hatten darin gebadet und das radiumhaltige Wasser literweise getrunken. Unvorstellbar! Gespürt hatten sie erst viel später etwas, nämlich als es zu spät war, als sie schon zu viel Strahlung abbekommen hatten und ihr Körper es ihnen auf grausame Weise mitteilte. Chris merkte, wie sich alle Härchen an seinen Armen zu einer Gänsehaut aufstellten.

Den Warnton hatte Tobi abgestellt, der Ausschlag der Messgeräte war unverändert. Hinter ihnen hupte ein Autofahrer, einmal, zweimal, länger – es war höchste Zeit, dass die Polizei endlich kam und die Gasse großräumig absperrte. Außerdem mussten die Leute dringend kontrolliert aus der Gefahrenzone gebracht und eventuell auch untersucht werden, eine Aufgaben, die sie zu dritt nicht bewältigen konnten. Das war ein Job für Feuerwehr und Polizei. Hoffentlich kamen die Kollegen bald. »Schaut mal, beim Schuster ist eine Paketannahmestelle«, rief Chris, bemüht, das Gehupe zu übertönen. »Ja und? Willst du noch schnell rein und was für deine Oma abgeben?«, witzelte Tobi. »Das ist es!«, rief Kai von vorn. »Das ist was?« »Ich bin heute zweimal an einen Paketdienst vorbeigefahren.«

Kais Kopf erschien an dem kleinen Verbindungsfenster zum Messbereich. »Was, wenn es sich bei der unbekannten Strahlungsquelle um ein Paket handelt, das zunächst im Lieferwagen war und nun in der Paketannahmestelle liegt? Da kann man sich normalerweise doch auch Pakete hinschicken lassen und sie dort abholen.« »Stimmt, du hast Recht«, rief Chris und bekam wieder eine Gänsehaut, als er die Schlange der Wartenden ansah, die von der Gasse in den Laden führte. »Wir müssen die Leute sofort da rausholen!«

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