77.707

VON WOLFGANG HORN

77.707, das ist die Zahl, die morgen schon nicht mehr gilt. Es sind bislang 77.707 Menschen an oder mit Covid-19 gestorben, wie das Robert-Koch-Institut in Berlin mitteilt. Bis heute. Morgen werden es wieder mehr sein. 77.707 Leben, die jäh zu Ende gegangen sind in nur wenig mehr als einem Jahr. Menschen aller Altersklassen, sogar ganz junge Kinder. Erkrankte und Gesunde, Schwache und Starke, Junge und Alte, Reiche und Arme. Nehmen wir nur zehn Angehörige im Durchschnitt an, so sind es 777.070 unmittelbar Betroffene. Freunde und Bekannte kommen hinzu, Arbeitskollegen, Mitschülerinnen. Allesamt am schlimmsten betroffen von einem Virus und seinen Folgen. Das Großartigste, das die Natur zuwege gebracht hat, menschliches Leben, wird vom kleinsten und einfachsten, einem Virus, bedroht und ausgelöscht. So lange, wie wir Menschen noch nicht in der Lage sind, überall auf der Welt Menschen, die an Covid-19 erkrankt sind, zu heilen und alle mittels eines Impfserums vor einer Infektion zu schützen, überall auf der Welt. Und da gestatten wir eine Debatte, in der ein jeder seine Partikularinteressen zum Besten gibt? Die Gastronomen wollen die Lokale öffnen, die Hoteliers die Hotels, die Liberalen wollen alles öffnen, Politiker vor einer entscheidenden Wahl versprechen den Bürgern und Bürgerinnen alles nur erdenklich Gute. Die Wahrheit geht dabei zu Bruch. Die Wahrheit, die jene unermüdlich Tag für Tag warnend verkünden, die vom virologischen Prozess, seiner Ausdehnung, den Möglichkeiten seiner Bekämpfung einiges verstehen, mehr jedenfalls als wir Normalbürger, die Politiker inklusive: Wenn wir beim derzeitigen und absehbaren Stand der Impfkampagne nicht die meisten Kontaktmöglichkeiten rigide beschränken, zeitlich befristet bis zu drei Wochen, dann werden wir im Mai vermutlich ein exponentielles Wachstum des Virus erleben müssen, das etwa die Lage in den Krankenhäusern dramatisch verschlechtert. Ob wir dann täglich “nur” 50.000 neue Infektionen werden beklagen müssen oder doch weitaus mehr, ist nicht sicher, aber auch egal. Es werden viel mehr Menschen als jetzt leiden und auch sterben, als nötig gewesen wären. Nur weil Politiker Erkenntnisse von Wissenschaftlern negieren, nur weil Bürgerinnen und Bürger ihre gut verstehbare Sehnsucht nach anderen Verhältnissen nicht zu bändigen wissen, nur weil die ganze Gesellschaft Einflüsterungen aller Vertreter von Partikularinteressen erliegt. Wir alle sollten in gemeinsamer Kraftanstrengung die mindestens knapp 800.000 Menschen umfassende Gruppe der vom tödlichen Corona-Geschehen in Deutschland unmittelbar betroffenen Mitbürger nicht ohne Not größer werden lassen. Bewahren wir unserer Gesellschaft und ihren Bürgerinnen und Bürgern die humane Basis, das Menschliche, das weit vor wirtschaftlichem Wohlergehen rangiert, vor Luxus, Konsum, Zerstreuung, vor Ellbogenmentalität, Konkurrenz. Der Mensch ist dem Menschen kein Wolf.

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